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Der 96-Jährige starb am Dienstagnachmittag in Hamburg.

Der SPD-Politiker Helmut Schmidt, von 1974 bis 1982 Bundeskanzler, ist im Alter von 96 Jahren in seinem Haus in Hamburg-Langenhorn gestorben. Das teilte Schmidts Büro mit.

Helmut Schmidt war eine der wichtigsten Personen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Für viele war er auch persönlich ein Vorbild. So erinnern wir uns an ihn.

Der Krisenmanager während der Hamburger Sturmflut

Seinen ersten Moment im bundesdeutschen Rampenlicht hatte Schmidt, als ein Orkan das Wasser der Elbe über Hamburgs Deiche drückte. Weil die zivilen Hilfskräfte überfordert waren, nutzte der 43-jährige Innensenator Schmidt seine Kontakte zu Bundeswehr und Nato, um mit Hilfe von Soldaten die Naturkatastrophe zu bewältigen.

Dazu war er zwar keineswegs befugt, aber es half, die Zerstörung in Schmidts Heimatstadt zu begrenzen. Sein Image als pragmatischer Krisenmanager behielt der Hanseat sein Leben lang.

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Der Stolperer über spitze Steine

Das hanseatische “S” ist mittlerweile fast verschwunden. Helmut Schmidt pflegte es wie kein zweiter.

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Der Kanzler der RAF-Jahre

Schmidts Kanzlerjahre waren von außen- und innenpolitischen Krisen geprägt. Keine zwang Schmidt aber zu schwereren Entscheidungen als die Entführungs- und Anschlagsserie der linksterroristschen Rote Armee Fraktion (RAF).

Die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im September 1977 brachte den “Deutschen Herbst” auf seinen grausamen Höhepunkt. Mit der Entscheidung, nicht auf die Forderungen der Terroristen einzugehen, besiegelte Schmidt Schleyers Tod, nahm der RAF aber auch ihr stärkstes Druckmittel gegenüber dem Staat. Die Terrorgruppe verlor den Kampf gegen den Staat.

Nicht nur stellte Schmidt in dieser Zeit seine Nerven als Krisenmanager unter Beweis, sondern auch sein rhetorisches Talent. Die “Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance”-Passage ist bis heute eine Sternstunde politischer Rhetorik.

Der Raucher

Schmidt war passionierter Raucher von Mentholzigaretten und ließ sich das auch im hohen Alter nicht mehr abgewöhnen. Anfang September war er wegen eines Gefäßverschlusses im rechten Bein operiert worden – dem umgangssprachlichen Raucherbein. Im Krankenhaus behalf er sich kurzzeitig mit Nikotinpflastern. Später sagte sein Arzt: Es mache "überhaupt keinen Sinn, ihm mit 96 noch das Rauchen zu verbieten" (Die Welt).

Das Opfer von Karikaturisten


Der aus Überzeugung Gescheiterte

Schmidt regierte die Bundesrepublik von 1974 bis 1982. Zum Ende seiner Amtszeit kriselte sowohl die Koalition mit der FDP als auch Schmidts Beziehung zur eigenen Partei.

Letztere verärgerte der Kanzler vor allem mit seiner Haltung zum Nato-Doppelbeschluss: Schmidt hielt die Aufstellung amerikanischer Pershing-II-Raketen in Deutschland bei gleichzeitiger Verhandlungsbereitschaft gegenüber der Sowjetunion für die beste Strategie, um eine Abrüstung der Atomwaffen auf beiden Seiten zu erzwingen. Seine friedensbewegte Partei fürchtete, die Welt damit in einen Atomkrieg zu stürzen.

Letztlich verlor Schmidt ein konstruktives Misstrauenvotum gegen den CDU-Fraktionschef Helmut Kohl und trat bei der Bundestagswahl im Folgejahr nicht mehr an.

Was auch immer man rückblickend von Schmidts Position hält: Politiker, die ihr politisches Schicksal an eine Überzeugung knüpfen, hat man in den Jahren nach 1982 oft schmerzlich vermisst.

Der knallharte Pragmatiker

Sein Bonmot “Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen” ist zwar nicht besonders gut verbürgt, sogar Schmidt selbst konnte sich nie mehr recht an den Zusammenhang erinnern. (Zeit Magazin)

Dennoch avancierte der “Visionen”-Spruch zum beliebtesten, der je die “Schmidt-Schnauze” verlassen haben soll. Er fasste die trockene Art des Hanseaten einfach zu gut zusammen, um nicht wahr zu sein.

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Der Weltmann mit Weitblick
Helmut Schmidt drehte stets am ganz großen Rad. Kaum ein Argument kam bei ihm ohne historischen Kontext aus. Viele seiner Analysen waren umstritten. Dennoch war er für viele Deutsche der Lieblings-Geschichtslehrer, den sie nie hatten.

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Der Meister der langen Sprechpause

Niemandem.

Lauschten wir so gespannt.

Wie Helmut Schmidt.

Der Selbstbewusste

Schmidt schwankte immer zwischen absurder Arroganz und gesundem Selbstbewusstsein. Was auch immer in der Welt passierte, überrascht zeigte er sich sehr selten. Die Welt beurteilte er in kurzen Hauptsätze mit Absolutheitsanspruch. Einerseits fragwürdig, andererseits eine willkommene Abwechslung zum Rumgeschwurbel heutiger Politiker.

Der Weltökonom

Ob er wirklich so viel Ahnung hatte wie berühmte Wirtschaftswissenschaftler, ist umstritten. Allerdings hat sich der “Weltökonom” mindestens so gut verkauft wie sie – und das, obwohl er eigentlich nur Diplom-Volkswirt war.
Der liebende Ehemann

Loki und Helmut Schmidt waren 68 Jahre verheiratet. Die Ehe war nicht perfekt, Helmut Schmidt hatte "Ende der Sechziger- oder Anfang der Siebzigerjahre" eine Affäre, wie er in seinem Buch "Was ich noch sagen wollte" schreibt. Damals bot Loki ihm die Trennung an. Dennoch hielt die Ehe bis zu ihrem Tod 2010.

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Wir werden dich vermissen, Helmut Schmidt.
(Bild: dpa / Wulf-Pfeiffer)