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"Wer war Helmut Kohl für dich?", fragte mich eine Kollegin vor ein paar Jahren aus dem Nichts. "Kohl ist tot?", fragte ich zurück. Er war es nicht. Sie, eine Journalistin wie ich, schrieb lediglich bereits an seinem Nachruf. Der vorbereitete Text wanderten dann ins Archiv, um im Fall der Fälle vorbereitet zu sein.

Über Jenna Behrends

Jenna ist 26 Jahre alt und macht gerade ihren Abschluss in Jura. Seit anderthalb Jahren engagiert sie sich in der CDU. Sie lebt mit ihrer Tochter in Berlin.

So befremdlich ich es auch fand, auf einen lebenden Menschen einen Nachruf zu schreiben: Bei Helmut Kohl erschien mir das möglich. Ich war acht Jahre alt, als seine Kanzlerschaft endete. Für mich und meine Generation war Helmut Kohl schon Geschichte. Ein lebendes Denkmal.

Aber für was? Wer war Kohl? Zum ersten Mal habe ich mir diese Frage in einer Messehalle in Karlsruhe gestellt. Das war vor sieben Jahren, als der CDU-Parteitag einstimmig beschlossen hatte, sich für die Einführung einer Kohl-Ehrenbriefmarke einzusetzen.

Dann kam der Altkanzler und wurde mit Standing Ovations empfangen. Ich kann mich zwar nicht erinnern, ob und wann ich jemals eine Motivbriefmarke gekauft habe, aber ihm schien das viel zu bedeuten. Nur das zählte.

Das Klatschen war viel mehr als höflicher Beifall. Wie konnte das sein? War dieser Mann im Rollstuhl tatsächlich derselbe, wie der mit der Spendenaffäre? Der von dem es hieß, er habe Probleme nur ausgesessen?

In einem Berliner Antiquariat fragte ich nach einer Kohl-Biografie.

Ich kannte damals nur die Eckdaten seines Lebens. Sie standen auf den vielen Karteikarten, mit denen ich mich für das Auswahlgespräch der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung vorbereitet hatte. Der Antiquar schenkte mir zwei dicke Bände mit Kohls Erinnerungen. Er sei froh, sagte er, dass er sie endlich los sei.

Ich fing an mit den Jahren 1982 bis 1990. Ich hoffte, durch seine eigenen Worte ihn, die CDU und vor allem Deutschland besser zu verstehen. Schließlich kannte ich die CDU nur unter Merkel, die ihm und allen anderen längst bewiesen hatte, dass sie nicht sein "Mädchen" ist, wie er sie nannte. 

Ich stellte die zwei Monsterbände ins Regal, neben Jan Fleischhauer ("Unter Linken") und Friedrich Merz ("Mehr Kapitalismus wagen"). Bei WG-Partys sorgte das immerhin regelmäßig dafür, dass jemand Kohl-Anekdoten zum Besten gab.

Ich laufe seitdem anders durch Berlin-Mitte.

Für mich war es immer selbstverständlich, zwischen dem Ost- und dem Westteil der Stadt zu wechseln, manchmal mehrmals täglich. Heute weiß ich, dass es auch anders hätte kommen können und ich vielleicht in Bonn leben würde.

Helmut Kohl im Jahr 1990 beim Wahlkampf in Thüringen(Bild: dpa / Holger Hollemann)

Denn ganz gleich, wie viele Väter und Mütter die Deutsche Einheit gehabt hat: Es war der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der die historische Chance sah und ergriff, um unser Land zu vereinen.

Jetzt ist Helmut Kohl gestorben und die vorbereiteten Nachrufe werden herausgeholt.

Wer war Helmut Kohl für mich, ein junges CDU-Mitglied? Ein großer Politiker. Ein fehlbarer zwar, der manchmal Werte und Familie vergaß, aber einer, der seine Heimat liebte.

Am nächsten ist mir Helmut Kohl in seinen Sätzen "Europa ist unsere Zukunft. Europa ist unser Schicksal". Denn anders als die deutsche Einheit ist das Projekt Europa noch nicht abgeschlossen. Brexit, nationalistische Bewegungen in unseren Nachbarländern und auch Zweifel in unserem eigenen Land: Europa ist ein Projekt, um das meine Generation weiter kämpfen muss.

So gilt, was Kohl selbst sagte: "Es ist ihr Jahrhundert. Mehr als das meine. Und sie haben es in der Hand, es so zu gestalten, dass es ein glückliches Jahrhundert ist."