Bild: dpa / Edlib Media Center
Tote und Verletzte in der Rebellenhochburg Chan Schaichun

Es sind dramatische Fotos und Videos, die lokale Journalisten und Aktivisten aus der syrischen Stadt Chan Schaichun verbreiten: Menschen mit weit aufgerissenen Augen, die verzweifelt nach Luft schnappen. Apathische Kinder mit Schaum vor dem Mund. Männer und Frauen, deren Körper verkrampfen. Helfer, die mit Wasserschläuchen versuchen, Gift von den Körpern der Opfer zu spülen. Ärzte, die bewusstlose Verletzte intubieren. Kinder, Frauen und Männer, äußerlich unverletzt, aber tot.

Die Stadt erlebt einen der schwersten Chemiewaffenangriffe in Syrien seit Jahren. Dutzende Menschen wurden getötet. Alles deutet darauf hin, dass das Assad-Regime verantwortlich ist.

Was genau ist in Chan Schaichun passiert?

Am Dienstagmorgen gegen 6.30 Uhr ist Chan Schaichun, eine 90.000-Einwohner-Stadt in der Provinz Idlib, aus der Luft angegriffen worden. Kurz darauf berichteten die ersten Augenzeugen von Patienten mit akuter Atemnot. Alles deutet darauf hin, dass eine Chemikalie diese Beschwerden verursachte, die bei dem Angriff freigesetzt wurde.

Hussein Kayal, Fotograf für das oppositionelle Medienzentrum Idlib, machte sich kurz nach dem Luftangriff auf an den Ort des Bombenangriffs. Als er dort ankam, habe er keinen Geruch wahrgenommen. Der Angriff überraschte viele Bewohner offenbar im Schlaf. "Ich fand ganze Familien in ihren Häusern", berichtet Kayal. "Sie lagen auf dem Boden, ihre Augen waren weit aufgerissen. Sie konnten sich nicht mehr bewegen. Ihre Pupillen waren verengt."

Dieses Bild wurde von syrischen Regierungsgegnern der Gruppe Edlib Media Center zur Verfügung gestellt(Bild: dpa / Edlib Media Center)

Nach Angaben von Rettern und Zeugen vor Ort kamen bei der Attacke mindestens 58 Menschen ums Leben, darunter elf Kinder. Andere Quellen sprechen von rund hundert Toten. Mehr als 300 Personen wurden verletzt. Die Zahl der Opfer könnte noch steigen: "Niemand weiß, wie viele Menschen getötet worden sind", berichtet der Aktivist Abu Majd al-Khani, der in der angegriffenen Stadt lebt. "Die Menschen können das Gebiet nicht ohne Masken erreichen, und wir haben keine Masken."

Stunden nach dem ersten Luftschlag folgte eine zweite Angriffswelle auf den Ort im Nordwesten Syriens. Eine Rakete schlug in einem Krankenhaus ein, in dem Giftgasopfer behandelt wurden. Ein anderes Geschoss traf die lokale Zentrale der Zivilschutzorganisation Weißhelme, deren Mitarbeiter die Rettungsmaßnahmen nach dem Giftgasangriff anführten.

In Krankenwagen und Privatautos brachten Helfer Verletzte in andere Krankenhäuser in umliegenden Orten. Viele machten sich auch auf den Weg an die türkische Grenze. Am Übergang Bab al-Hawa nahmen türkische Mediziner bis zum Nachmittag mindestens neun Opfer des Giftgaseinsatzes in Empfang.

Welche Bedeutung hat Chan Schaichun?

Chan Schaichun liegt in der Provinz Idlib, die fast vollständig von Aufständischen kontrolliert wird. In der Region leben rund 900.000 Flüchtlinge, die aus anderen Landesteilen vor dem Assad-Regime oder der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) geflohen sind. Auch mehrere Zehntausend Syrer, die nach dem Fall aus Ost-Aleppo evakuiert wurden, haben hier Zuflucht gefunden. Das Gebiet um Chan Schaichun ist nach der Rückeroberung Aleppos durch das Regime die wichtigste Hochburg der Opposition.

Wichtiger Teil der Opposition in der Provinz Idlib ist die Terrororganisation Eroberungsfront Syriens. Bis zum Sommer 2016 nannte sich die Miliz noch Nusra-Front und gehörte offiziell zum Terrornetzwerk al-Qaida. In den vergangenen Wochen entbrannten in mehreren Orten in der Provinz Kämpfe zwischen den Dschihadisten und anderen, gemäßigten Rebellengruppen.

Die Aufständischen in Idlib fürchten seit dem Fall Aleppos, dass das Assad-Regime mit Unterstützung des russischen Militärs nun eine Offensive zur Rückeroberung der Provinz Idlib starten könnte.

Welche Chemikalie wurde in Chan Schaichun eingesetzt?

Pupillen, so klein wie Stecknadeln, Atemnot und Schaum vor dem Mund: Das sind typische Symptome für den Einsatz von Giftgas. Bei den Opfern von Chan Schaichun kommen zudem Muskelzuckungen und Krämpfe hinzu. Die Bilder ähneln Aufnahmen aus dem August 2013. Damals kamen bei einem Angriff mit dem Giftgas Sarin in Vororten von Damaskus rund 1400 Menschen ums Leben. Ärzte in Chan Schaichun gehen deshalb davon aus, dass auch an diesem Dienstag wieder Sarin eingesetzt wurde.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) haben angekündigt, den Fall mit Helfern vor Ort untersuchen zu wollen. Die Syrian American Medial Society (Sams), die Krankenhäuser in der Provinz Idlib unterstützt, hat Inspekteure nach Chan Schaichun geschickt, die unter anderem Blutproben nehmen sollen.

Wer ist für den Angriff verantwortlich?

Oppositionsaktivisten in Chan Schaichun machen die syrische Luftwaffe für den Angriff verantwortlich. Sie verweisen darauf, dass Assads Armee in den vergangenen Wochen mehrfach die Stadt und umliegende Orte aus der Luft bombardierte. Unter anderem wurden in den vergangenen Tagen mehrere Krankenhäuser in der Provinz Idlib getroffen. Krankenhäuser, die nun große Schwierigkeiten haben, die verletzten Opfer des Giftgasangriffs zu versorgen. Auch die zweite Angriffswelle an diesem Dienstag, die sich gezielt gegen Retter und Ärzte richtete, passt in die übliche Vorgehensweise der syrischen Armee. Uno-Ermittler hatten erst im März in einem Untersuchungsbericht festgestellt, dass das Assad-Regime in Aleppo gezielt Krankenhäuser bombardierte.

Eine offizielle Reaktion der Regierung in Damaskus gibt es bislang nicht. Aus Armeekreisen heißt es, das syrische Militär habe niemals Chemiewaffen eingesetzt und werde das auch niemals tun. Möglicherweise habe die Luftwaffe in Chan Schaichun ein Chemiewaffenlager der Aufständischen getroffen, wodurch das Giftgas freigesetzt wurde.

Russland hat jede Beteiligung an dem Angriff dementiert. Staffan de Mistura, der Uno-Sondergesandte für Syrien, hat bislang lediglich erklärt, dass der Angriff aus der Luft erfolgte.

Keine der syrischen Rebellengruppen verfügt über eine Luftwaffe.

Besitzt das Assad-Regime überhaupt noch Chemiewaffen?

Nach dem Giftgasangriff auf Ghuta bei Damaskus im August 2013 drohten die USA und ihre Verbündeten dem syrischen Regime mit einem Militäreinsatz. Diktator Assad wendete die Intervention ab, indem er einwilligte, alle Chemiewaffen zu vernichten. Bis dahin hatte Damaskus den Besitz chemischer Kampfstoffe stets bestritten. Die Verantwortung für das Massaker von Ghuta leugnet der syrische Staatschef bis heute.

Unter der Aufsicht der OPCW, die dafür den Friedensnobelpreis erhielt, wurde Assads Chemiewaffenarsenal vernichtet - oder zumindest große Teile davon. So durften die Regierungstruppen Chlorgas behalten, da es auch für zivile Zwecke genutzt werden kann. Der Einsatz als Waffe ist laut Völkerrecht jedoch verboten. Zudem teilte die OPCW in einem Bericht im August 2014 mit, dass man lediglich 94 Prozent des syrischen Sarin-Bestandes entdeckt habe.

Uno-Ermittler haben nachgewiesen, dass das Assad-Regime zwischen April 2014 und Dezember 2016 mindestens vier Mal Chlorgas eingesetzt hat - in Aleppo sowie in mehreren Orten in der Provinz Idlib. Russland als Schutzmacht der syrischen Regierung verhindert jedoch eine Verurteilung durch den Uno-Sicherheitsrat.

Im Dezember 2016 griff die syrische Luftwaffe in der Provinz Hama mehrere Orte an, die vom IS kontrolliert wurden. Nach Angaben von Hilfsorganisationen wurden dabei 93 Menschen getötet. Weil die Dschihadisten den Einsatz von Kameras in dem von ihnen beherrschten Gebieten stark einschränken, drangen kaum Bilder von diesem Vorfall nach draußen. Mediziner berichteten jedoch auch damals, die Opfer hätten Symptome einer Sarin-Vergiftung gezeigt.

Allein in der vergangenen Woche ereigneten sich laut Augenzeugen mehrere Giftgasangriffe auf Orte in der Provinz Hama, die nur rund 15 Kilometer von Chan Schaichun entfernt liegen. Dabei sei mindestens ein Mann getötet und Dutzende weitere verletzt worden. Eine unabhängige Bestätigung für diese Attacken gibt es bislang nicht.

Welche Konsequenzen muss das Assad-Regime fürchten?

Keine. Der damalige US-Präsident Barack Obama hat Assad nach dem Giftgasangriff von Ghuta 2013 nicht nur davonkommen lassen. Er hat den Diktator sogar gestärkt. Obama hatte den Einsatz von Chemiewaffen vorher zu seiner "roten Linie" in Syrien erklärt. Nachdem Assad diese folgenlos überquert hatte, war klar, dass es keine Intervention der USA gegen den Diktator geben würde.

Daran wird sich auch jetzt nichts ändern. Die Regierung von Donald Trump hat deutlich gemacht, dass Assads Sturz für die USA keine Priorität mehr hat. Für die EU ist nur noch wichtig, dass nicht noch mehr syrische Flüchtlinge nach Europa kommen.

Dieser Beitrag ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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