Wir haben mit Pizzabote Benjamin gesprochen

Die Demonstration "Welcome to Hell" am Fischmarkt hat sich gerade aufgelöst, in der Luft liegt der Qualm von Pyrotechnik und ein Hauch von Pfefferspray, die Straße ist nass von den Wasserwerfern. 

Bis zu 12.000 Menschen halten sich noch zwischen Fischmarkt und Hafenstraße auf. Die Polizei setzt Pfefferspray und Schlagstöcke ein, Demonstranten haken sich gegenseitig unter, andere rennen in alle Richtungen in Sicherheit.

Und dann dieses Bild, das irgendwie überhaupt nicht hierhin passt: Ein Pizzabote schlängelt sich mit seinem Roller durch die Menschenmenge. 

Fink

fink-hamburg.jpg#asset:1448588Ein Beitrag von FINK.HAMBURG, dem digitalen Stadtmagazin mit Nachrichten und Geschichten aus der Hansestadt, produziert von Studierenden der HAW Hamburg. Zum G20-Gipfel übernehmen wir Beiträge mit freundlicher Genehmigung.

Dann kommt er vor einer Polizeikette zum Stehen. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein gepanzerter Polizist eine Demonstrantin rüde wegstößt, direkt dahinter sieht man den Pizzaboten, der absteigt und seinen Roller zu Fuß zu wenden versucht. 

Wenige Minuten nach dem Zwischenfall zirkulieren Screenshots von der Szene in den sozialen Medien, Witze über arme Leute, die "drei Minijobs" machen müssen, werden gerissen. Die Fahrt des furchtlosen Pizzaboten schafft es bis in die Liveberichterstattung des US-Senders "Fox News":

Wir erreichen Benjamin telefonisch in der Pizzafiliale in Altona, für die er arbeitet. 

Der Transportkoffer für die Pizzen sei zum Zeitpunkt seines Auftritts inmitten der eskalierenden Demonstration schon leer gewesen: "Ich musste eine Pizza in der Hopfenstraße ausliefern. Auf dem Rückweg in die Filiale in der Jessenstraße bin ich allerdings nicht mehr richtig durchgekommen."

Normalerweise dauert die Strecke von rund zwei Kilometern nur ein paar Minuten. Für Benjamin wird der Weg zum Slalomparcour. 

Die Polizei stößt Demonstranten weg, die durch die Polizeikette zu kommen versuchen – doch Benjamin wird durchgelassen. Benjamin fragt höflich nach. "Der Polizist meinte, ich würde mit meinem Roller schon durchkommen."

Benjamin bewegt sich allerdings mitten in das Chaos hinein. 

An der Park-Fiction-Anlage entlang bis zum Fischerhaus. "Es war richtig gefährlich. Dort flogen auch Steine." Aber zum Glück hat Benjamin ja einen Motorradhelm auf dem Kopf. Irgendwie schafft er es zurück in die Filiale in der Jessenstraße. Roller und Pizzabote sind unversehrt.

Am Telefon klingt der 28-Jährige nicht besonders aufgeregt. Eher so, als habe er in seinem Job schon Schlimmeres erlebt. Nach unserem Telefonat hat er aber genug. Benjamin hat Feierabend.

So lief die "Welcome to Hell"-Demo:


Today

Flaschen und Steine gegen Polizisten, brennende Autos: So war die Nacht in Hamburg
Der Protest gegen G20 eskalierte

Irgendwann schauen alle gemeinsam in den Himmel, Polizisten und Demonstranten: Aus einem Dachfenster in St. Pauli regnet es Geld, kleine Ein-Dollar-Noten fallen auf den von Wasserwerfern glänzend nassgespritzten Asphalt. Die Scheine sind nicht echt, wie so vieles hier soll es eine politische Aktion sein. Für die Anwesenden in dieser Nacht sind sie vor allem eine kurze Pause von Gewalt und Zerstörung.