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"Viele Hooligans haben Angst."

Meistens rufen sie an, erzählt Aleksander. Manchmal kommen sie auch bei ihm zu Hause vorbei. Sie – das sind Vertreter der russischen Sicherheitsbehörden, der Polizei und des Inlandsgeheimdienstes FSB. Man hoffe, dass er sich gut benehmen werde, er wolle doch keine Probleme bekommen – solche Sätze müsse er sich anhören.

Aleksander heißt nicht wirklich Aleksander, er möchte anonym bleiben; der 35-Jährige ist Mitglied einer Hool-Gruppe eines Moskauer Fußballvereins der russischen ersten Liga, der Premijer Liga. 

Er ist einer wenigen, der darüber spricht, wie der Sicherheitsapparat vor der Fußball-WM die russischen Hooligans unter Druck setzt. Auch die Bezeichnung seiner Hooligangruppierung dürfen wir nicht nennen, er will seine Familie schützen, seinen Job.

Ein Ticket für eines der WM-Spiele zu kaufen, das hat Aleksander erst gar nicht versucht, "hätte ich nicht bekommen". 

Wer eine Karte kaufen will, von dem fordern die russischen Behörden eine Fan-ID: Um ins Stadion zu kommen, muss sich jeder Käufer ausweisen und ein solches Identifikationsdokument beantragen

Damit ist jederzeit nachzuvollziehen, wer an welchem Spiel teilnimmt. Mehr als 460 Menschen haben diese ID laut Moskauer Behörden nicht bekommen, darunter 157 Hauptstädter. Es ist davon auszugehen, dass unter ihnen viele Hooligans sind. Sie werden inzwischen auf der Stadionverbotsliste geführt, die das russische Innenministerium auf seiner Seite veröffentlicht hat.

Russische Fußallfans während der Fußball-EM 2016(Bild: dpa)

Aleksander ist seit den Nullerjahren in der Szene, ihm gehe es darum, sich mit ebenbürtigen Hooligans konkurrierender Firmen zu messen, nicht auf normale Bürger einzuschlagen, sagt er. Die Bezeichnung Firma leitet sich vom englischen "firm" ab. Die durch Gewalt geprägte Fankultur in England war in den Achtzigerjahren Vorbild für die russische Hooliganbewegung. 

Aleksandr spricht von der Liebe zur Gewalt, von den Gefühlen, dem Adrenalin, die solche Wettkämpfe Mann gegen Mann freisetzen.

Nun aber ließen die Sicherheitsbehörden den Hools kaum noch Freiraum für diese Art des Kräftemessens, das laut Beobachtern immer brutaler geworden ist. Alles sei wegen der WM "politisiert", sagt Aleksander. Er klingt enttäuscht, die goldenen Zeiten, wie er die Nullerjahre nennt, seien vorbei.

Er glaubt, dass es während der WM keine Bilder von prügelnden Hooligans zu sehen geben und dass alles weitgehend ruhig ablaufen wird, auch wenn sich Vertreter Englands und Russland aus der Ferne bereits Wortduelle geliefert haben. Die englische Hooligangruppe "Smoggies Elite" hatte im Boulevardblatt "Daily Star" erklärt

Soll der Gegner Eisenstangen, Messer und Baseballschlager verwenden, uns Briten reichen die eigenen Fäuste.

Die Antwort kam vom Fan-Beauftragten des russischen Fußballverbandes, Wladimir Markin, ebenfalls über die Medien: "Böswillige ausländische Fans" sollten die russische Geschichte studieren, sagte er einem russischen Radiosender. "Und sich aufmerksam den Krieg gegen die deutschen Faschisten ansehen. Wie viele solcher Herren haben wir schon empfangen, und wie sind sie geendet?"

Im Juni 2016 hatten bei der EM in Frankreich russische Hooligans englische Fans attackiert, die sich laut Aleksander "wie die Schweine benommen hatten", unter anderem hätten sie Flaschen auf normale Bürger geworfen.

Von 150 randalierenden russischen Hools berichteten die französischen Sicherheitsbehörden. Sie gingen mit abgebrochenen Glasflaschen auf englische Fans los, prügelten vor dem Stadion mit Metallstangen auf sie ein, auch im Stadion gingen die Gruppen brutal aufeinander los. 35 Engländer wurden verletzt, einer schwer. Bilder von blutüberströmten Menschen gingen um die Welt.

Ein Polizist und russische Fußballfans stehen sich bei der EM 2016 gegenüber.(Bild: dpa)

Im Februar wurde ein 31-jähriges Mitglied der russischen Hooliganszene in München festgenommen, der nach Spanien zu einem Europa-League-Spiel von Spartak Moskau wollte. Der Mann soll in Marseille dabei gewesen sein, als ein Engländer lebensgefährlich verletzt wurde. Frankreich hatte einen Schengen-Haftbefehl gegen den Mann beantragt.

Russland haben die Gewaltexzesse in Frankreich maßgeblich geschadet, die russische Hooliganszene gilt als durchorganisiert und als eine der brutalsten in Europa. Als Gastgeber der Fußball-WM kann der Kreml solche Bilder wie in Marseille im eigenen Land auf keinen Fall gebrauchen, die WM soll ein Erfolg für Präsident Wladimir Putin und das Land werden.

Dementsprechend nervös reagieren russische Offizielle auf alle Nachrichten und Berichterstattung, die mit Hooligans zu tun hat.

Der Sicherheitsapparat hat durchgegriffen: Hooligans wurden wegen Prügeleien festgenommen. Der inzwischen ehemalige Fananführer Alexander Schprygin, ein rechtsextremer Hooligan aus Moskau, der als Rädelsführer der Straßenschlacht von Marseille gilt, wurde im September 2016 von Spezialeinheiten der Polizei im September aus einer Toilette eines Moskauer Hotels abgeführt. Der Vorwurf: Er soll an einer Schlägerei von Anhängern der Fußballklubs der Hauptstadt, ZSKA und Spartak Moskau, teilgenommen haben. Inzwischen lebt Schprygin in der Provinz.

Alexander Schprygin, Präsident des Allrussischen Fanvereinigung(Bild: dpa)

Beamte fuhren in Wälder, wo sich die Gruppen zu Schlägereien versammelten, um Hooligans abzuholen

Es wurden Haftstrafen verhängt – Abschreckungsmaßnahmen und Warnsignale unter dem Motto: Benehmt euch, sonst wird es ungemütlich.

Die zuständigen und konkurrierenden Abteilungen des FSB und der Polizei würden sich dabei eine Art Wettkampf liefern, "wer schneller Hooligans findet und sie einbuchtet", erzählt Aleksander.

Gleichzeitig führten Vertreter der Sicherheitsbehörden sogenannte Gefährderansprachen durch, in denen die Hooligans vor Konsequenzen gewarnt wurden. 6000 solcher Gespräche soll es gegeben haben. "Aktiv mit den Fans arbeiten", nennt ein für die WM zuständiger Vizegouverneur in einer WM-Stadt im Südosten Moskaus solche Maßnahmen.

Sie scheinen zu funktionieren, nicht nur bei Aleksander.

Viele Mitglieder der Hooliganszene haben Angst, ihre Arbeit zu verlieren, viele haben gute Jobs und Familie.
Aleksander, Mitglied einer Hool-Gruppe eines Moskauer Fußballvereins

Der Druck sei groß.

Aleksandr Baranow vom russischen Fußballverband sagt, es werde alles sicher sein bei der WM. "Die Fans haben sehr gut verstanden. Wenn sie sich entscheiden sollten zu provozieren, dann müssen sie mit empfindlichen Strafen rechnen, darunter mehrjährigen Stadienverboten. Wem nützt das?"

In den elf Turnierstädten sei die Wahrscheinlichkeit angesichts der Dauerbeobachtung und Maßnahmen gering, dass Hooligans bei Schlägereien aufeinandertreffen werden, sagt ein Beamter einer EU-Botschaft in Moskau, der für Sicherheitsfragen zuständig ist.

Auch ausländische Hooligans werden sich genau überlegen, wie sie sich in Russland verhalten. Am problematischsten gelten neben Hooligans aus Großbritannien die aus Polen und der Ukraine. Letztere hat kein Team bei der WM, wie viele kommen werden, ist deshalb unklar. Und ob polnische Hooligans wirklich so einfach über Weißrussland, das mit Russland eine Zollunion bildet, einreisen können, ist fraglich. Denn Moskau hat mit Minsk schärfere Sicherheitsmaßnahmen für die Zeit der WM vereinbart. Sollte ein Hooligan mit einem weißrussischen Visum einreisen und es Ärger geben, werde das weitreichende Folgen haben, glaubt Aleksandr.

Zudem hat Russland die Gesetze verschärft, um für Ordnung bei sportlichen Großveranstaltungen zu sorgen. Präsident Putin unterzeichnete im April vergangenen Jahres eine Neuauflage des bestehenden Antihooligangesetzes. Danach kann ausländischen Hooligans die Einreise verwehrt werden. 

Wer bei der WM Gewalt anwendet, dem drohen empfindliche Strafen.

Von Geldzahlungen, Haft bis zu 15 Tagen, mehrjährigen Stadienverboten bis hin zu Abschiebungen aus Russland.

Auch deutsche Hooligans wissen das, wie Aleksander sagt, der in Europa gut vernetzt ist. Dort führten die Behörden bereits 150 Gefährderansprachen durch. Bis zu 100 Gewaltbereite wollen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei zufolge trotzdem einzeln oder in Kleingruppen nach Russland reisen.

Während der WM werden sechs deutsche szenekundige Beamte im Bereich der Stadien und der Innenstädte im Einsatz sein, nicht nur in Moskau, sondern auch in den anderen Städten, in denen Deutschland spielt. Sie halten Kontakt zu den deutschen und russischen Sicherheitsbehörden. Außerdem wurden sechs Beamte der Bundespolizei an die Moskauer Flughäfen entsandt, um die russischen Behörden zu unterstützen.

"Gewalt ist von deutschen Hooligans kaum zu erwarten, sie werden die Spiele im Stadion besuchen, mehr nicht", glaubt Aleksandr.

Er wird die Spiele zu Hause am Fernseher verfolgen. Und was passiert in der Szene nach dem 15. Juli, wenn die WM vorbei ist und alle sich gemäß der Ansagen verhalten haben? "Genau das ist die Frage", sagt Aleksander.

Wir werden sehen.
Aleksander

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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