Bild: dpa/Friebe
Flüchtlinge und deren Helfer könnten laut Bundeskriminalamt zunehmend Opfer fremdenfeindlicher Gewalttaten werden.
Brennende Asylbewerberunterkünfte, Stinkbomben-Attacken, Beschimpfungen - fast täglich ist es in den vergangenen Monaten zu Angriffen auf Flüchtlinge gekommen. Jetzt gibt es eine genaue Zahl: 505 Flüchtlingsheime sind seit Anfang des Jahres attackiert worden, im Vorjahreszeitraum waren es 114. Das geht aus einer vertraulichen Analyse des Bundeskriminalamts (BKA) hervor, die verschiedenen Medien vorliegt.

Die Behörde warnt demnach vor weiteren schweren Gewalttaten aus rechtsextremen Kreisen. Die Attacken werden wahrscheinlich sogar noch zunehmen - und könnten sich auch verstärkt gegen Menschen richten, heißt es in dem Bericht.


Wer sind die Täter?

Zusammen mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz hat das BKA laut SZ herausgefunden, dass sich 34 Prozent der Tatverdächtigen eindeutig der rechten Szene zuordnen lassen. In den ersten drei Quartalen 2015 wurden dem Bericht zufolge 461 Taten von Rechtsextremen verübt.

Mehr noch: Es sei davon auszugehen, dass die rechte Szene die Hassaktionen gegen Flüchtlinge noch verstärke, zitiert die SZ den BKA-Bericht. Das ansonsten “sehr heterogene rechtsextremistische Spektrum” finde hier einen “ideologischen Konsens”.

Der Bericht liefert auch genauere Kenntnisse über die Herkunft der Täter. Rund die Hälfte von ihnen ist demnach namentlich bekannt, die meisten von ihnen wohnen in der Nähe des jeweiligen Tatorts. In Nordrhein-Westfalen gab es die meisten Angriffe, darauf folgt Sachsen. Etwa die Hälfte der Gewalttaten wurde in kleineren Gruppen verübt, von Jugendlichen zwischen 20 und 25 Jahren - unter Alkoholeinfluss standen sie nur selten.

Wer ist bedroht?

Nicht nur Asylbewerber selbst sind bedroht: Den Informationen zufolge könnten künftig auch vermehrt Flüchtlingshelfer ins Visier fremdenfeindlicher Gewalttäter geraten. Besonders Betreiber von Flüchtlingsunterkünften, Politiker sowie Menschen, die vom Aussehen her für Flüchtlinge gehalten werden könnten, seien gefährdet.

Der Bericht ist vor dem Attentat auf die neue Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker entstanden. Bei einer Wahlkampfveranstaltung war Reker vergangene Woche Opfer einer Messerattacke geworden. Der Täter, der eine rechtsextreme Vergangenheit hatte, nannte als Motiv Unzufriedenheit mit ihrer Asylpolitik.

Mit welcher Form von Angriffen wird gerechnet?

Die meisten Angriffe richteten sich bisher gegen bewohnte Flüchtlingsheime oder Unterkünfte, die sich noch im Bau befinden. Die Täter legten Brände, beschossen die Heime oder ihre Bewohner mit Stahlkugeln oder attackierten sie mit Holzknüppeln.

Das BKA rechnet jetzt auch mit neuen Formen von Hetze gegen Flüchtlinge. Asylpolitik-Gegner könnten etwa Autobahnen oder Bahnstrecken blockieren, um die Flüchtlinge an der Weiterreise zu hindern. Mit der steigenden Zahl von Flüchtlingen steigen laut BKA auch die “Tatgelegenheiten”.

Wie reagiert die Politik darauf?

“Wir müssen hart gegen Täter eingreifen, die fremdenfeindliche Straftaten begehen”, sagte der Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, zu SPIEGEL ONLINE. Nichts dürfe verharmlost werden.

Menschen, die Flüchtlingsheime in Brand setzten, seien wie potenzielle Mörder zu behandeln. "Es bedarf auch eines klaren Signals aus der Gesellschaft, dass wir in Deutschland solche Taten nicht dulden”, sagte Schulz.


bento Today abonnieren