Bild: dpa/Fabio Texeira
Woran liegt das?

Vor vier Jahren hätte man glauben können, dass in der Mathematik eine neue Ära beginnt. Mit Maryam Mirzakhani bekam zum ersten Mal überhaupt eine Frau die begehrte Fields-Medaille, so etwas wie der Nobelpreis für Mathematik. Frauen und Mathematik - das schien plötzlich gut zusammenzupassen - nachdem viele Jahrzehnte lang fast ausschließlich Männer das Fach dominiert hatten.

Das Foto von Mirzakhani, die inzwischen verstorben ist, war weltweit auf Titelseiten und News-Portalen zu sehen. Die Geschichte der entschlossen blickenden Frau, die trotz Widerständen in ihrer Heimat eine erfolgreiche Mathematikerin wurde und schließlich in die USA ging, faszinierte die Menschen.

(Bild: Nyani Quarmyne / Panos Pictures / VISUM)

Vier Jahre später gingen die Frauen wieder leer aus.

Doch womöglich war Mirzakhanis Triumph vor vier Jahren nur eine Ausnahme. Denn beim vier Jahre später folgenden nächsten Mathekongress, der gerade in Rio de Janeiro begonnen hat, gingen Frauen leer aus: Alle vier Gewinner einer Fields-Medaille sind Männer. Darunter auch Peter Scholze aus Bonn, der erst zweite Deutsche, der die Auszeichnung erhalten hat. Auch die vier übrigen auf dem Kongress vergebenen Preise, darunter der Nevanlinna Peis, gingen ausschließlich an Männer.

(Bild: AFP PHOTO / THE SEOUL ICM 2014)

Einen Tag vor Beginn des Kongresses hatte sich die Initiative Women in Mathematics in Rio de Janeiro getroffen, sie plant auf der Konferenz auch eine Diskussion zum Thema Frauen und Karriere in Mathe.

Fraueninitiative wird zwar gelobt, aber bei der Preisvergabe außen vor gelassen.

Bei der Eröffnung des Kongresses hatte der Norweger Helge Holden, amtierender Generalsekretär der International Mathematical Union (IMU), die Fraueninitiative ausdrücklich gelobt. Es gehe darum, den Gender-Gap zu verkleinern, sagte er, also die Ungleichverteilung bei den Geschlechtern abzubauen. 

Doch bei der Preisvergabe berücksichtigte die IMU das hehre Ziel offenbar nicht - Frauen gingen leer aus. Dabei gab es durchaus Mathematikerinnen, die als Kandidatinnen für eine Fields-Medaille gehandelt wurden. Die 1979 geborene Französin Sophie Morel zum Beispiel, die sich mit algebraischer Geometrie und dem sogenannten Langlands-Programm beschäftigt.

Oder die Ukrainerin Maryna Viazovska, die in Kaiserslautern studiert und in Bonn promoviert hat. Sie hat unter anderem die Theorie dichtester Kugelpackungen weiterentwickelt, bei der es - vereinfacht gesagt -, darum geht, den Raum mit so vielen Kugeln wie möglich zu füllen.

Mathematik entscheidet

"Ich hatte gehofft, dass zumindest eine Frau unter den Preisträgern ist, aber nicht wirklich damit gerechnet", sagt Nalini Joshi. Die aus Burma stammende australische Mathematikerin wird von 2019 an Vizepräsidentin der International Mathematical Union (IMU). Sie ist in dem elfköpfigen Führungsgremium der IMU die einzige Frau.

(Bild: SPIEGEL ONLINE)

Wer letztlich eine Fields-Medaille bekommt, darüber entscheidet ein ebenfalls elfköpfiges Komitee, dessen Zusammensetzung bis zur Bekanntgabe der Preisträger geheim bleibt, um eine Einflussnahme von außen zu verhindern. Die Mitglieder unterliegen einer Schweigepflicht, Details zur Entscheidungsfindung werden nicht verraten.

In diesem Jahr waren immerhin drei der elf Mitglieder des Auswahlkomitees für die Fields-Medaille Frauen - darunter die französische-deutsche Mathematikerin Hélène Esnault von der FU Berlin. "Die Auswahl ist ein sehr langer Prozess, der mehr als drei Jahre gedauert hat", berichtet sie. Ganz am Ende habe dann das einstimmige Votum des Komitees für die vier Preisträger gestanden.

Keine Quote für die Fields-Medaille.

"Vielfalt ist natürlich ein Thema, das jeder in der Jury im Hinterkopf hat", betont Esnault. Dabei gehe es nicht nur um Frauen, auch um die Herkunft der Gewinner oder die Institutionen, für die sie arbeiteten. "Vier Preisträger aus Harvard - damit würde sich jedes Mitglied des Komitees schwertun." Es gebe allerdings keinerlei Kriterien oder Quoten für die Fields-Medaille - außer der Altersvorgabe von höchstens 40 Jahren. "Es entscheidet allein die mathematische Leistung."

"Am Ende des langen Auswahlprozesses sind vier Männer übriggeblieben. Das kann man bedauern, aber es ist so", sagt Esnault. Sie wünscht sich, dass in vier Jahren mindestens eine Frau unter den Preisträgern ist. "Und ich bin guter Dinge, dass das klappt."

Warum aber ändert die IMU nicht einfach die Vergaberegeln, indem sie zum Beispiel sagt: Es muss mindestens eine Frau unter den vier Preisträgern sein?

Viele Mathematikerinnen und Mathematiker halten das für kontraproduktiv. "Ich bin gegen eine solche Regelung, weil es letztlich bedeutet, dass es eine Fields-Medaille für Frauen gibt und diese womöglich als weniger wertvoll angesehen wird", sagt Esnault.

Ähnlich sieht das auch Nalini Joshi, die künftige IMU-Vizepräsidentin. "Wir sollten den Jurymitgliedern besser ein Training anbieten, das unbewusste Bevorzugung bewusstmacht, damit sie nicht stattfindet", sagt sie. Und man solle es zur Regel machen, dass man etwa auf männerdominierten Listen für mögliche Sprecher auf Konferenzen schaut, welche Frauen ebenso gut für das Thema geeignet sind.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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