Bild: Spiegel Online

Fethullah Gülen sitzt in einem kleinen Empfangsraum seiner Residenz. Neben ihm, auf einem Beistelltischchen, stehen ein blauer Mini-Ventilator und ein Glas Wasser. Er trägt einen dunklen Blazer und an den Füßen Lederslipper. Der alte Herr will etwas loswerden.

"Ich bin bereit, mich von einer internationalen Kommission durchleuchten zu lassen", sagt er. "Wenn sie mich für schuldig befindet, gehe ich auch in die Exekutionskammer. Aber das wird nicht passieren. Denn ich habe nichts getan."

Gülen steht in diesen Tagen im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan wirft ihm und seiner einflussreichen islamischen Bewegung vor, den Militärputsch am vergangenen Wochenende von den USA aus eingefädelt zu haben. (bento)

Seit 1999 lebt der Prediger hier im Exil, in der Türkei hat er zu viele Feinde. Seine Hizmet-Organisation, die weltweit ein Netz an Schulen, Firmen und Medienunternehmen betreibt, wird von Erdogans Leuten wie eine Terrororganisation behandelt. Gülens bewachte Anlage in der Nähe des Städtchens Saylorsburg, hundert Meilen von New York entfernt, gilt der Regierung in Ankara als Schaltzentrale des Bösen.

Bei Gülen zu Hause – das Video:

Erdogans Vorwürfe sind schwerwiegend. Gülen will sich und seine Bewegung verteidigen. Er habe mit dem Putsch nichts zu tun, sagt er. Erdogans Verhalten grenze an Wahnsinn. "Ich habe schon mehrfach gesagt, dass ich gegen jede Form von Gewalt bin, um politische Ziele durchzusetzen." Er unterstütze die Demokratie in der Türkei, beteuert Gülen: "Ich lehne Militärputsche ab."

Zutritt gestattet – ausnahmsweise
(Bild: Spiegel Online)

Wer den 75-Jährigen besuchen will, muss durch einen Sicherheitscheck am Eingang des weitläufigen Anwesens. Bewaffnete Wachleute kontrollieren jeden Gast, das FBI hat Gülen vor einigen Jahren dazu geraten. Er bekommt anonyme Morddrohungen. Auf dem parkähnlichen Gelände gibt es mehrere Gebäude, in denen sich Gläubige dem Gebet widmen. Es sind wenige Menschen zu sehen, ein Porsche-Geländewagen steht auf dem Parkplatz. Normalerweise werden hier nur selten Fremde empfangen, Medien haben hier sonst praktisch keinen Zutritt.

Nun aber öffnet Gülen seine Pforten für eine Gruppe von Reportern. Er lebt zurückgezogen im hinteren Teil des Geländes. Die Gäste müssen die Schuhe ausziehen oder in Plastikfolie einwickeln, bevor sie seine Räume betreten. Frauen müssen die Schultern bedecken. "Entschuldigung dafür", sagt ein Helfer und reicht einen Schal.

(Bild: Spiegel Online)

Der Empfangsraum ist repräsentativ. Viel Gold, viele Verzierungen, edle Teppiche, gutes Porzellan. An den Wänden hängen Koransuren, im Regal steht eine Enzyklopädie des Islam. Auf der Schrankwand ist allerlei Nippes ausgestellt: ein Kampfhubschrauber aus Plastik, ein Globus, eine Vase. In einer Ecke steht ein Kofferradio, durchs Fenster sieht man die umliegenden, grünen Hügel.

Was Gülen über Erdogan sagt
(Bild: Spiegel Online)

Gülen sitzt auf einem beigen Sessel. Er wirkt schwach. Er habe Herzprobleme und Diabetes, sagt einer seiner Helfer. Gülen spricht auf Türkisch mit leiser Stimme. Aber seine Antworten sind lang, sehr lang. Der Prediger wirkt jetzt selber wie ein Staatschef. Er spricht über Erdogan. Er kennt ihn gut.

Beim Aufstieg von Erdogans AKP waren sie Verbündete, der strenge Glaube war das vereinende Element. Jetzt hassen sie sich (mehr dazu bei SPIEGEL ONLINE). Erdogan glaubt seit Jahren, dass Gülen ihm seine Macht streitig machen will. Gülen wiederum findet, dass sein einstiger Weggefährte zum Tyrann geworden ist, der jede Opposition ausschalten will.

"Weil Erdogan selber so machthungrig ist, glaubt er, dass auch alle anderen es sind", sagt Gülen. "Erdogan kommt aus armen Verhältnissen, jetzt lebt er in vielen Palästen. Der Erfolg und die Macht haben ihn vergiftet." Es ist eine Vernichtung.

In Gülens Schlafzimmer

Gülen gibt sich an diesem Tag wie das genaue Gegenteil vom Präsidenten in Ankara. Seine Organisation verfügt über ein Millionenvermögen, er selbst betont, praktisch keinen persönlichen Besitz zu haben. Er lebe nur für seinen Glauben, sagen seine Helfer.

Seine kleine Wohnung, die er bereitwillig zur Besichtigung öffnet, hat zwei Zimmer. Er schläft auf einer Matratze auf dem Boden, daneben ein Schreibtisch, darauf Bücher, Ölfläschchen, ein kleines osmanisches Schatzkästchen. An der Wand hängt ein Bild des Felsendoms in Jerusalem, das Regal ist von einer türkischen Flagge bedeckt.

(Bild: Spiegel Online)

Wenn man genauer hinsieht, ist alles sehr auf Sicherheit bedacht. Gülens große Veranda ist mit schwarzen Sichtschutzscheiben versehen. Die Zimmer in seiner Wohnung lassen sich nur mit speziellen Chipkarten öffnen. Ein Fahrstuhl bringt Gülen direkt in die Garage, von der aus er zu seinen regelmäßigen Untersuchungen ins Krankenhaus gebracht wird. Er verlasse ansonsten nie das Haus, sagen seine Leute.

Warum schirmt er sich so ab?

Er sei ein sehr introvertierter Mensch, heißt es. Man kann sich das kaum vorstellen. Wie schafft es jemand, der angeblich so zurückhaltend ist, eine so große und einflussreiche Bewegung aufzubauen? Auf vielen Ebenen des Staates sind Anhänger seiner Bewegung in wichtigen Positionen. In der Justiz, im Militär, in der Politik. Wenn Erdogan im Apparat durchgreift, sind davon auch Teile seines Netzwerks betroffen. Gerade jetzt.

Auch er, dieser still und bescheiden wirkende Herr, beherrscht das politische Spiel seiner Heimat. Gülen macht Andeutungen, Erdogan selbst könne den Putsch inszeniert haben, um seine Macht noch zu stärken. Er verweist darauf, dass der Präsident ja von einer goldenen Gelegenheit zur Säuberung gesprochen habe, die sich ihm nun biete.

Er wundere sich jedenfalls, so Gülen, wie untypisch der Putsch verlaufen sei. Schließlich hätten es die Rebellen ja versäumt, die politische Führung gleich zu Beginn auszuschalten. Der Verschwörungstheorie von Erdogan setzt er damit seine eigene Verschwörungstheorie entgegen. Beweise? Hat auch er nicht.

Intrigen, Propaganda, Machtkämpfe

Es ist in diesem Konflikt schwer zu sagen, wer lügt, die Wahrheit, oder auch nur Teile der Wahrheit sagt. Die türkische Innenpolitik ist längst zu einem undurchschaubaren Spiel an Intrigen, Propaganda und Machtkämpfen geworden. Nach dem Besuch bei Gülen hat man nicht den Eindruck, es mit einem Terrorpaten oder Putschisten zu tun zu haben. Aber kann man sich sicher sein? Wie viel ist bei solchen Auftritten echt, wie viel vorgetäuscht?

Wie geht es jetzt weiter? Erdogan fordert von den USA die Auslieferung, hat aber offensichtlich noch keinen offiziellen Antrag gestellt. Gülen glaubt nicht an eine Auslieferung. Erdogan, so meint er, könne den Amerikanern keine Beweise gegen ihn vorlegen. "Das Justizwesen in den USA funktioniert. Die Amerikaner werden mich nicht übergeben, wenn es keinen handfesten Grund gibt."

Und überhaupt: Er schätze Amerika sehr, habe einen permanenten Aufenthaltsstatus und fühle sich hier wohl. Selbst für die amerikanische Innenpolitik interessiert er sich inzwischen. "Hillary Clinton ist eine gute Frau", sagt er. "Sie ist eine Hoffnung für dieses Land."

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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