Bild: Menschen auf der #ausgehetzt-Demo in München, Quelle: Andreas Gebert/dpa
Fünf Fragen an eine Rechtsextremismusforscherin

Die Aufmärsche in Chemnitz haben viele Deutsche dazu ermutigt, auch in ihren Städten auf die Straße zu gehen, ein Zeichen gegen Rechtsradikale zu setzen. 

Viele Fragen sich: Wie kann es ausgerechnet in Deutschland zu so einem Erstarken von Rechts kommen? Und wie gefährlich ist die Situation? 

Das haben wir mit Yvonne Albrecht besprochen. 

Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Rechtsextremismusforschung, Demokratiebildung und gesellschaftliche Integration (KomRex) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. 


Was war an den Aufmärschen in Chemnitz anders als bislang?

Neu an Chemnitz ist, dass Teile des bürgerlichen Spektrums mit klar identifizierbaren Rechtsextremen auf Chemnitz’ Straßen demonstrieren. Wenn Demonstranten den Hitlergruß zeigen und 'Deutschland den Deutschen' schreien, dann ist klar erkennbar, wer hier mit wem marschiert.

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Problematisch ist zudem die Rolle der Politik. Wenn verurteilende Statements nur zögerlich oder überhaupt nicht kommen, erscheinen Verfolgungen und Gewalttaten an Menschen mit vermeintlichem Migrationshintergrund akzeptabel.

Die Politik muss außerdem Menschen langfristig unterstützen, die sozial an den Rand gedrängt werden. Es ist ein Problem, dass diese den Eindruck haben, sie können sich nur über solche Aktionen bemerkbar machen.

Die direkte politische Antwort auf rassistische Übergriffe muss jedoch in konsequenter Verurteilung bestehen.

Andernfalls produziert die deutsche Politik ein Belohnungssystem für derartige Übergriffe und trägt eine Mitverantwortung.

Sie haben das Buch "Ruck nach rechts?" mit herausgegeben. Wie stark ist der Rechtsruck wirklich und wie groß sind die Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland?

Die Situation hat eine neue Qualität erlangt. Wobei zu betonen ist, dass rechtsextreme Strukturen nicht erst seit heute ein großes Problem in Deutschland darstellen – das haben insbesondere die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) und die Skandale während ihrer Aufklärung gezeigt. Deutschland hat ein Problem mit Rechtsextremismus, das nicht heruntergespielt werden darf. 

Auch die Unterscheidung zwischen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus ist partiell irreführend: Chemnitz zeigt, die Grenzen sind fließend. 

Carsten Koschmieder über die AfD in Chemnitz

Carsten Koschmieder, AfD-Experte und Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, schätzt für uns ein, ob die AfD in Chemnitz die Grenze zum Rechtsradikalismus endgültig überschritten hat.

"Für mich als Beobachter der AfD ist es nichts Neues, dass AfDler mit Rechtsextremen marschieren oder rassistische Forderungen stellen. Deshalb war das in Chemnitz für mich keine Überraschung. 

Wenn man sich damit nur am Rande damit beschäftigt, ist das wahre Gesicht dieser Partei jetzt aber vielleicht nochmal deutlicher geworden. 

Allerdings glaube ich schon lange nicht mehr, dass die erhoffte Entlarvung der AfD funktioniert. Alle bisherigen Tabubrüche haben sich nicht negativ auf die Wählergunst ausgewirkt."

In Bezug auf Ostdeutschland und Sachsen ist zu sagen, dass die Ausprägungen rechtsextremer Strukturen sicherlich anders gestaltet sind als in anderen Bundesländern. Dennoch wird die Fokussierung auf Sachsen oftmals genutzt, um Rechtsextremismus gewissermaßen nach Ostdeutschland zu verschieben. Das ist falsch. 

Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches, milieuübergreifendes Phänomen – das zeigen zum Beispiel die Bielefelder und Leipziger Mitte-Studien immer wieder.

Wie gehen deutsche Medien Ihrer Einschätzung nach mit dem Rechtsruck um? 

Inzwischen stehen die Medien partiell selbst unter Druck – wie das Beispiel des Pegida-Demonstranten und des boykottierten ZDF-Teams zeigen (bento). Generell ist jedoch anzumerken, dass die Event-Berichterstattung Probleme birgt. 

Die Medien reißen sich um die Thematik, wenn es einen aktuellen Anlass gibt und vernachlässigen das Thema, wenn dies nicht der Fall ist. 

In "Ruck nach rechts?" geht es auch um Gegenstrategien. Welche Strategien haben Sie identifiziert, was kann effektiv getan werden?

Unser Buch vereint theoretische und praktische Perspektiven zu den Themen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus. Floris Biskamp zeigt Möglichkeiten im Rahmen politischer Bildung auf und betont: 'Nichts zu tun, ist keine Lösung'. 

Floris Biskamp – "Ruck nach Rechts"

Floris Biskamp, Mitherausgeber von "Ruck nach Rechts?", Soziologe und Politikwissenschaftler an der Universität Tübingen, erklärt, was Du gegen rechts tun kannst.

"In Kampf gegen Rechtsextremismus ist Gegenrede enorm wichtig. Wenn man rechte Parolen hört, ist es immer wichtig zu sagen: Das finde ich nicht richtig. Das kann im Bus sein, beim Mittagessen mit Kollegen oder in der Familie. 

Es muss klar sein, dass das nicht der Konsens ist. Rassistische Sprüche sollten nie unwidersprochen im Raum stehen."

Bildungsarbeit muss verbale oder physische Gewalt von Rechtsextremen unterbinden. Sanktionierungen dürfen aber nicht verabsolutiert werden, damit Diskussionsprozesse und demokratischer Austausch möglich bleiben. Politischer Bildung muss es also gelingen, die Offenheit demokratischer Aushandlung beizubehalten und ganz klar demokratie- und menschenfeindliche Tendenzen zu unterbinden.

Im Umgang mit rechtsextremen Einstellungen ist es zudem wichtig, gezielt infrage zu stellen und zu verunsichern.

Insbesondere offene Fragen bieten sich an: "Wovor haben Sie Angst? Warum denken Sie so?"

Dann kann es auch darum gehen, Widersprüche im Gesagten aufzuzeigen: "Eben haben Sie gesagt, alle Politiker sind korrupt und nun sollen Sie doch alle Probleme lösen?" oder "Sie reden von Lügenpresse, berufen sich aber die ganze Zeit auf die Aussagen der Bild-Zeitung. Wie passt das zusammen?"

Eine weitere Möglichkeit im öffentlichen Raum kann darin bestehen, andere Menschen gezielt anzusprechen und in die Konversation einzubinden: "Was sagen Sie denn dazu? Sehen Sie das auch so?" Mehr dazu zeigt Christopher Vogel in unserem Buch auf.

Generell ist es relevant, rassistische Äußerungen nicht unkommentiert stehen zu lassen, damit Schweigen nicht als Zustimmung gewertet werden kann.

Auch pädagogische und psychologische Präventions- und Interventionsprogramme können relevante Wirkungen entfalten. Wichtig ist außerdem, nicht nur auf die Täter zu schauen, sondern insbesondere von Rassismus betroffene Gruppen zu empowern, sie zu ‚ermächtigen‘. 

Man hört oft die Frage: "Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt?" Hat Deutschland etwas aus seiner Geschichte gelernt?

Wenn wir die aktiven Teile der Zivilgesellschaft sehen, wie das mit 65.000 Menschen in Chemnitz der Fall war, oder in den Gegenprotesten gegen den "Rock gegen Überfremdung" in Mattstedt, der schließlich verhindert werden konnte, dann ist nicht so einfach zu sagen, Deutschland habe nichts aus seiner Geschichte gelernt.

Aber die gegenwärtigen rechtsextremen Tendenzen sind besorgniserregend.

Wenn AfD-Anhänger in das Konzentrationslager Sachsenhausen gehen, dort Geschichtsrevisionismus betreiben und letztlich nicht mehr weiter teilnehmen dürfen, dann ist diese Frage berechtigt. 

Wenn Menschen mit Kippa in Berlin in der U-Bahn angesprochen werden mit den Worten: 'Eh, mein Opa war in der Wehrmacht, was willst Du hier?' und niemand etwas sagt, dann ist diese Frage berechtigt. Wenn Menschen durch Chemnitz' Straßen gejagt werden und dann gesagt wird, es gebe keinen 'rechten Mob', dann ist diese Frage berechtigt. 

Die aktuellen Ereignisse zeigen, dass diese Fragen neu gestellt werden müssen und machen Positionierungen notwendig. 

Generell ist es Zeit, sich zu rühren. Demokratie ergibt sich nicht von selbst, sondern muss verteidigt werden. Tag für Tag. Insbesondere im Alltag.



Sport

Diese Läuferin hat ihr Baby während eines Ultra-Marathons gestillt
Zwei Bilder zur Super-Mama

Einen Ultra-Marathon zu laufen, ist schon eine große Leistung. Währenddessen sein Kind zu stillen, eine noch größere. Für Sophie Power aber kein Problem. 

Was ist passiert?

Genau das hat sie beim diesjährigen "Ultra-Trail du Mont-Blanc" gemacht. Der Marathon ist 172 Kilometer lang und dauert zwei Tage. Der Sohn der Britin ist drei Monate alt und heißt Cormac. 

Normalerweise stille sie ihn alle drei Stunden, sagte sie in einem Interview mit dem Fachmagazin "Runners World". Diesmal habe sie 16 Stunden gebraucht, bis sie ihren Sohn wieder füttern konnte. Für sie sei das eine Qual gewesen. Ihr Mann habe ihr bis dahin an jeder Versorgungsstation eine Milchpumpe gereicht und sie habe sie ihm voll wiedergegeben.