Ein junges Mädchen hält stolz ihre neuen Schuhe in die Kamera. Sie tanzt mit ihrer besten Freundin, Hashtag BFF. Wenn sie nicht schlafen kann, redet sie in ihr Handy und teilt es mit der Welt. Auf Instagram sieht Evas Leben aus wie das jeder anderen 13-Jährigen. Bis die Nazis ihre Heimatstadt einnehmen – und ihre Insta-Storys düster und dramatisch werden.

Der Account "Eva Stories" erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens während des Holocausts so, als ob es damals Smartphones und Instagram gegeben hätte. 

Knapp 30 Story-Highlights, also zusammgengehörende Sequenzen von Videos und Bildern, zeigen Evas Tage von ihrem 13. Geburtstag bis zur Deportation nach Auschwitz. Und tausende Menschen schauen zu.

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Eva.Stories Official Trailer

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Eva, deren Geschichte erzählt wird, gab es wirklich. Der Account basiert auf den Tagebüchern von Eva Heyman, einer ungarischen Jüdin. 1944 wurde sie in Ausschwitz ermordet.

Der israelische Tech-Millionär Mati Kochavi hat diese Tagebücher für Instagram umsetzen lassen, unterstützt von seiner Tochter Maya. Eine staatliche Beteiligung gab es nicht, für die Produktionskosten von mehreren Millionen Dollar kam Kochavi selbst auf. Gedreht wurde in der Ukraine, über 400 Menschen waren beteiligt. Eine britische Schauspielerin übernahm die Rolle der Eva. (New York Times)

Das Projekt richtet sich vor allem an junge Israelis. Das Interesse am Holocaust lasse immer mehr nach, erklärte Mati Kochavi in einem Interview mit Haaretz. "Eva Stories" soll die junge Generation dort erreichen, wo sie sich ohnehin aufhalten: in sozialen Netzwerken. 

Doch die Reaktionen auf das fertige Produkt sind gespalten. Haaretz, die wichtigste Zeitung Israels, veröffentlichte am Wochenende das Editorial eines Lehrers, der "Eva Stories" geschmacklos nannte. Auch online gab es viel Kritik: Der Holocaust werde durch das Projekt trivialisiert, die Ermordung von sechs Millionen Juden sei kein Thema für das oberflächliche Netzwerk Instagram. Yad Vashem, das offizielle Holocaust-Gedenk-Zentrum Israels, zeigte sich dem Projekt gegenüber offener: Social Media zur Erinnerung an den Holocaust zu verwenden sei "legitim und wirkungsvoll" (New York Times).

Anfangs sind Evas Storys noch das pralle Leben. 

Sie stellt sich vor, erzählt, dass sie Fotojournalistin werden und in Budapest wohnen will. "Gerade wohne ich bei meinen Großeltern, gääääähn", sagt sie. Noch ist alles okay, der Krieg ist zwar in vollem Gange, aber noch ist er wo anders. Also geht Eva Eis essen und tanzt in ihrem Hinterhof. Es gibt bunte Sticker, wackelnde GIFs und Umfragen – typisch Instagram eben.

Als Zuschauer ist man zunächst irritiert. Aus dem Geschichtsunterricht und Museen sind wir Schwarz-Weiß-Fotografien und Dokumente gewohnt. Auch fiktionale Aufarbeitungen sind meistens zurückhaltend, um Pietät angesichts des unfassbaren Leids und Unrecht bemüht. Emojis und Hashtags wie #nazisarehere scheinen dagegen plakativ und unpassend. 

Doch gleichzeitig holt dieser Stil Evas Geschichte in die Gegenwart. Sie ist kein verblasstes Foto eines Menschen, von dessen Charakter und Leben wir uns höchstens mit viel Fantasie ein Bild machen können, sondern ein Mädchen, das Träume hat, Freundinnen, einen Schwarm. Ein Mädchen, das sich von Mädchen, die heute auf Instagram posten, kaum unterscheidet.

Im Laufe der Zeit nehmen die grellbunten Elemente ab. Als Evas Großvater seine Apotheke aufgeben muss, weil Juden keine Geschäfte mehr führen dürfen, fragt Eva ihre Follower zwar noch per Umfragetool, wie sie ihn aufheitern soll. Doch spätestens, als die gesamte Familie ins Ghetto gebracht wird, verzichten die Macher auf die spielerischen Elemente des sozialen Netzwerks. Es gibt keinen Hundefilter im Zug nach Auschwitz.

Was bleibt, ist die konsequente Erzählung aus Evas Perspektive: Entweder spricht sie im Selfiemodus direkt in die Kamera, oder sie filmt, was sie sieht, immer auf Augenhöhe, immer im Hochformat. 

An dieses Erzählformat gewöhnt man sich als Zuschauer schnell. Schließlich ist es auch ein Format, das wir aus sozialen Netzwerken kennen. Von Influencern, die ständig in die Kamera erzählen, was in ihrem Alltag gerade so passiert, aber auch von politischen Ereignissen, die wir immer mehr auch über Amateurvideos wahrnehmen.

Kunst darf alles, sagt man immer wieder gern. Dass der Holocaust eine Herausforderung für diesen Satz ist, hat sich in der Vergangenheit schon häufiger gezeigt. Nicht wenige Menschen sind der Meinung, dass Schindlers Liste nie hätte gedreht werden dürfen. (Haaretz)

Diesen Menschen wird auch "Eva Stories" missfallen. Denn das Projekt macht aus dem Massenmord an Millionen Menschen leicht konsumierbaren Content, es arbeitet mit Stilmitteln, schmückt aus, dekoriert.

bento per WhatsApp oder Telegram

Produzent Kochavi wollte etwas schaffen, das für Menschen, die sonst wenig Berührungspunkte zum Holocaust haben, zugänglich ist: "Es setzt kein Vorwissen voraus. Es erzählt, als würde man nichts wissen“, sagt er über sein Projekt (Tagesschau). Das stimmt zwar. Doch gleichzeitig bleibt so der Lerneffekt gering. 

Alle Storys zusammengenommen ist "Eva Stories" vielleicht 45 Minuten lang. In dieser Zeit werden im Schnelldurchlauf zahlreiche Aspekte des Holocaust abgehandelt: die Enteignung jüdischer Geschäftsleute, die Verfolgung jüdischer Intellektueller, die Bildung eines Ghettos, die Deportation ins Konzentrationslager. Erklärt wird manches davon durch Gespräche, die Eva mithört, oder Texttafeln, in denen sie das Wichtigste mitteilt, "Die Nazis haben uns erobert", steht zum Beispiel über einem Video, wenn Soldaten in die Stadt einmarschieren. Ausreichend ist das nicht. Am Ende bleiben mehr Fragen offen als beantwortet.

Der Holocaust ist unfassbar. In seiner Grausamkeit, in seinen Ausmaßen, und auch in seiner Komplexität. Alle Facetten abzubilden, wird einem einzelnen Format niemals gelingen.

Doch die Idee, einer jungen Generation das Erinnern zu erleichtern – indem man sie dort anspricht, wo sie unterwegs ist, in der Form, die zu konsumieren sie gewohnt sind – verdient es, weitergedacht zu werden. Denn die Nähe, die der Instagram-Einblick ins Leben eines Menschen erzeugt, ist mit der eines Museumsbesuch nicht zu vergleichen. Dass "Eva Storys" an der Oberfläche bleibt, ist nicht die Schuld des Netzwerks – sondern die der Macher.


Gerechtigkeit

"Warum stellen Unternehmen nicht einfach den Wohnraum?"
Was hilft wirklich gegen Wohnungsnot? Ein Gespräch

In einem Interview in der "Zeit" forderte der Bundesvorsitzende der Jusos, Kevin Kühnert, dass Besitzer von Wohneigentum enteignet werden sollten: "Ich finde nicht, dass es ein legitimes Geschäftsmodell ist, mit dem Wohnraum anderer Menschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. In Deutschland sollte jeder maximal den Wohnraum besitzen, in dem er selbst wohnt", sagte der SPD-Politiker. Schon Anfang April hatte Grünen-Chef Robert Habeck ebenfalls Enteignungen als letztes Mittel ins Spiel gebracht, wenn diese zum Allgemeinwohl beitrügen. (Spiegel)

Ein kontroverser Ansatz, wenn man bedenkt, dass in Deutschland im vergangenen Jahr über 19 Millionen Haushalte (48 Prozent) Haus- oder Grundeigentum besaßen. (finblog) Insgesamt ist rund die Hälfte des privaten materiellen Vermögens in Immobilien investiert.

Taugen Kühnerts und Habecks Forderungen etwas?

Wir haben mit Professorin Christa Reicher, die an der RWTH Aachen unter anderem in den Bereichen Stadtplanung und Wohnungswesen lehrt und forscht, über das Wohnen in Deutschland gesprochen. Wir wollten wissen, ob Enteignungen überhaupt notwendig sind, um wieder bezahlbahren Wohnraum zu schaffen und ob es stattdessen eine sinnvollere Alternative gibt.

Kevin Kühnert hat in einem Interview die Enteignung von Wohnraumeigentümern gefordert. Würde das die Mieter entlasten?

"Ehrlich gesagt halte ich diese Forderung für wenig zielführend. Viele Unternehmen und Bauinitiativen bemühen sich ja jetzt schon um einen Konsens, der wirtschaftliche und soziale Interessen vereint. Das ist natürlich nicht einfach, aber hier ist nur ein Kompromiss möglich. Konzepte mit einer vermeintlichen Patentlösung, wie Kühnert sie fordert, sind mir suspekt. Ich halte seine Aussage in diesem Fall einfach nur für eine populistische Schlagzeile ohne wirklichen Inhalt. Das Problem der Wohnungsnot und der hohen Mietpreise ist weitaus komplexer und lässt sich auch nicht durch Enteignungen von heute auf morgen lösen."

Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Mieten in Deutschland immer schneller steigen. Ist das so?

"Die Mieten und Immobilienpreise steigen dort, wo die Lage am attraktivsten ist. Und das ist natürlich vornehmlich in den Zentren der Fall. Da gehen die Mietpreissteigerungen dann auch schneller voran als in ländlichen Gebieten. Trotzdem bleibt die Mietspiegelveränderung ein sehr regionales Phänomen, so dass man hier vorsichtig sein sollte, wenn man von Gesamtdeutschland spricht."

Wie beurteilen Sie den deutschen Wohnungsmarkt – ist die Bedrohung des schwindenden Mietraums eigentlich real?

"Die neue Wohnungsnot, mit der sich Deutschland in den letzten Jahren konfrontiert sieht, ist selbstgemacht. Durch politische Beschlüsse wurde der Wohnungsbau seit 2000 mehrheitlich privatwirtschaftlich finanziert. Das war ein Kardinalfehler. Danach wurden Maßnahmen versäumt, dem entgegenzuwirken. Und staatliche Instrumente allein können jetzt auch nicht mehr helfen. Eine öffentliche Förderung des Wohnungsbaus ist notwendig.

Die größten Wohnungsnöte gibt es in den Metropolen. Die Städte mit Randlage beklagen hingegen Leerstand. Es wäre im Interesse des Staates diese Balance wiederherzustellen, damitdie Städte, die völlig am Limit sind, Bewohner an die Orte abgeben können, die um Einwohner ringen.Die Zukunft der Stadt ist die Region. Nur in diesem Schulterschluss lassen sich Probleme wie die Nachfrage nach Wohnraum lösen."

Wie viel Miete ist eigentlich zu viel Miete?

"Das Verhältnis der Faustregel, dass die Miete etwa ein Drittel des Grundgehalts betragen sollte, ist in vielen Regionen am Limit. Es sollte auf keinen Fall noch ansteigen."

Gibt es eine Alternative, die Mieten zu senken, ohne den Vermieter zu enteignen?

"Ich würde in der Debatte eine neue Phase des Werkwohnungsbaus befürworten. Unternehmer brauchen Menschen, die für sie arbeiten. Und die Menschen brauchen Wohnungen. Warum also stellen Unternehmen nicht einfach den Wohnraum für ihre Mitarbeiter bereit, oder subventionieren diesen zumindest? Eine Firma könnte Bestände erwerben und diese dann zu fairen Preisen an ihre Angestellten vermieten. Dadurch würde eine neue Gruppe an „Wohnraumunternehmern" entstehen, die anders agieren als Privateigentümer oder Genossenschaften und das Phänomen der Wohnungsknappheit und steigenden Mieten auf einem neuen Weg bekämpfen. Es wäre eine Form, bei der sich privates Kapital mit öffentlichen Interessen verbindet. Die Arbeitgeber möchten ja am Ende, dass ihre Angestellten gerne und effektiv für sie arbeiten. Durch bezahlbaren Wohnungsraum könnten sie dazu beitragen."