Bild: Balazs Szecsodi/MTI/Hungarian Prime Minister's Press Office/AP/dpa / Montage: bento/ cc by
Jung, europäisch, sucht Zukunft

Ungarn und die Europäische Union – das Verhältnis ist, sagen wir mal, kompliziert. Nachdem sich vor 15 Jahren bei einem Referendum mehr als 80 Prozent der Bevölkerung für einen EU-Beitritt aussprachen, fährt die Regierung heute Anti-EU-Kampagnen und ist bekannt für eine Politik der Spaltung und Abgrenzung. Die Opposition wird unterdrückt.

Jung, europäisch, sucht Zukunft

Vom 23. bis 26. Mai wählt Europa ein neues Parlament, mehr als 400 Millionen Menschen sind aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Was in Europa gewählt wird, das geht auch uns an – und hat Auswirkungen auf unser Leben. 

Von Estland bis Spanien, von Griechenland bis Großbritannien – wie ist die Stimmung, welche Themen interessieren junge Menschen? Wir haben einige Länder unter die Lupe genommen und mit jungen Journalistinnen und Journalisten vor Ort gesprochen.

So ist die politische Lage in Ungarn

Der rechtspopulistische Ministerpräsident Viktor Orbán regiert seit 2010 das Land. Seit der Wahl im vergangenen Jahr stellt das Regierungsbündnis aus Orbáns "Fidesz"-Partei mit den Christdemokraten der KDNP erneut eine Zweidrittelmehrheit im Parlament.

Mithilfe dieser Mehrheit hat Orbán in den vergangenen Jahren das Land mehr und mehr umgebaut: 

  • Gerichte und Universitäten stehen heute unter dem massiven Einfluss von Fidesz: 2013 entmachtete Orbán das Verfassungsgericht, die größte staatliche Forschungseinrichtung soll unter die direkte Kontrolle der Regierung kommen
  • Medien werden von der Regierung oder ihr nahestehenden Geschäftsleuten kontrolliert (Mérték)
  • An den Grenzen zu Serbien und Kroatien ließ Orbán zudem einen Grenzzaun errichten und mit Plakatkampagnen schürt er Vorurteile gegenüber Asylsuchenden und Muslimen. 

Eine der letzten unabhängigen Tageszeitungen Ungarns ist "Népszava", wo die Journalistin Flora Garamvolgyi arbeitet. "Die Macht der Regierung, die öffentliche Meinung zu bilden, ist viel größer als jede andere", sagt sie. Fast 80 Prozent der Nachrichtenmedien seien Orbán-Unterstützer. "Außerdem spielt die Regierung eine enorme Rolle im Wahlkampf von Fidesz." Offizielle Plakatkampagnen der Regierung dienen häufig nur einem Zweck: Sie werben für die Politik von Orbán.

Die Opposition ist zersplittert, die zweitmeisten Stimmen erhielt bei der letzten Parlamentswahl die ehemals rechtsextreme Jobbik-Partei, die nun gemäßigter auftritt – seit sie von Fidesz rechts überholt wurde. Die Sozialdemokraten kommen in aktuellen Umfragen auf gerade einmal zehn Prozent. Schuld daran ist wohl auch die systematische Verdrängung der Opposition aus der Öffentlichkeit.

Was junge Leute in Ungarn vor der Europawahl 2019 bewegt

Bei der jüngeren Generation hat Viktor Orbán weniger Unterstützung – auch wenn Fidesz bei den letzten Parlamentswahlen bei ihnen immer noch ganz vorn lag. "Junge Leute haben eher ein größeres Vertrauen in demokratische Institutionen und die EU als ältere", erklärt Flora. Das zeigen auch Umfragen: Unter den 18- bis 29-Jährigen würden demnach 82 Prozent erneut für einen EU-Beitritt Ungarns stimmen – mehr als in jeder anderen Altersgruppe (24.hu).

Allerdings verlassen junge Ungarinnen und Ungarn auch immer mehr das Land: Geringe Löhne und unverhältnismäßig hohe Mieten bringen sie dazu, in andere EU-Länder auszuwandern. Laut "Hungary Today" werde durchschnittlich die Hälfte des Einkommens für die Miete ausgegeben, in der Hauptstadt Budapest sogar bis zu 69 Prozent. In Deutschland beträgt der Anteil im Schnitt nicht einmal 30 Prozent (SPIEGEL ONLINE). 

Das macht sich mittlerweile auch in der Demografie bemerkbar: Seit Jahren nimmt die Bevölkerung Ungarns ab und wird älter. (Daily News Hungary)

Was gerade in Ungarn wichtig ist

Orbáns Thema Nummer eins ist nach wie vor Migration: Er will, dass es zu einem nationalen Thema ohne Einmischung der Europäische Union wird, gegen die Verteilung von Migranten innerhalb der EU-Staaten wehrt er sich. Die EU solle auch nicht weiter zivile Organisationen unterstützen, die sich für Geflüchtete einsetzen. 

Die Fidesz-Partei ist eigentlich Mitglied der EVP-Fraktion im Europaparlament, in der auch CDU und CSU vertreten sind. Doch erst vor kurzem wurde die Mitgliedschaft suspendiert – unter anderem wegen einer Kampagne gegen den Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker, ebenfalls EVP-Mitglied. (SPIEGEL ONLINE)

Mittlerweile ist nicht mehr klar, ob Orbán überhaupt noch Interesse hat, mit Fidesz in der EVP zu verbleiben. Erst Anfang Mai entzog er dem EVP-Spitzenkandidaten Manfred Weber die Unterstützung, der für den Posten des Kommissionspräsidenten kandidiert.

Stattdessen trifft sich Orbán mit dem österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache von der rechtspopulistischen FPÖ – und mit Matteo Salvini, dem rechten Innenminister Italiens, der nach der Europawahl eine neue rechte Fraktion im Europaparlament etablieren will. Ob er Orbán mit an Bord holen kann?

Flora Garamvolgyi hält das für möglich. Es gebe aber immer noch rationale Gründe für Fidesz, in der EVP zu bleiben: "Wenn sie die Fraktion verlassen, können sie auch nicht mehr mitentscheiden", sagt sie. Denn die EVP wird nach der Wahl weiterhin die größte und damit einflussreichste Fraktion sein – ob mit oder ohne Fidesz. 

Und sonst so?

Erstmals bei einer Europawahl tritt die "Ungarische Partei des zweischwänzigen Hundes" (MKKP) an – eine Satirepartei, deren Kandidaten vor der letzten Parlamentswahl auch mal im Hühnerkostüm im Fernsehen auftraten und minutenlang mit Gackern auf die Fragen des Moderators antworteten.

Im Wahlprogramm spricht die Partei tatsächliche Probleme Ungarns an, denen mit absurden Forderungen begegnet wird. Statt eines Grenzzaunes hätten etwa Plakatwände mit den niedrigen Durchschnittslöhne Ungarns ausgereicht, um Migranten von der Einreise abzuhalten. Ein wirkliches Problem des Landes sei hingegen die Auswanderung – welche man mit der Absenkung der Durchschnittslöhne in den anderen EU-Staaten stoppen wolle. Alle Ärzte, die ins Ausland abwanderten, müssten je drei ungarische Patienten mit sich nehmen.

Im Wahlkampf setzt die MKKP auf Dinge, die Ungarn schöner machen sollen: "Sie reparieren Straßen und renovieren Bushaltestellen", sagt Flora. In Budapest etwa bemalten Parteimitglieder die maroden Straßen bunt, um Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken – bis die Polizei kam (Budapest Beacon).

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Streaming

Game of Thrones: Lasst uns die achte Staffel vergessen – und dreht eine neue!
Ich bin nicht sauer. Nur enttäuscht.

Dieser Text ist voller Spoiler zur finalen Staffel "Game of Thrones".

Es gibt Aufgaben, die sind so schwer, dass man jedem zumindest ein Minimum an Respekt zollen möchte, der sie auch nur in Angriff nimmt: Kinder zu kriegen, ein Land zu regieren oder eine weltweit geliebte Fantasy-Reihe zu einem Ende zu bringen, zum Beispiel. 

So gesehen haben die Drehbuchautoren rund um die Verantwortlichen David Benioff und D. B. Weiss sich einer Höllenaufgabe gestellt. Besonders wenn man bedenkt, wie der Autor der Bücher, auf denen "Game of Thrones" basiert, seine eigene Arbeitsweise beschreibt.

George R. R. Martin sagte einmal: "Es gibt Autoren, die sind Gärtner und es gibt solche, die sind Architekten. Die Architekten planen vor dem Schreiben bereits alles, etwa den Grundriss eines Hauses. Sie kennen jeden Raum, wissen, wo das Dach hingehört. [...] Der Gärnter gräbt ein Loch und setzt einen Samen ein. Er weiß grob, was er da geplanzt hat, aber nicht, wie viele Zweige es haben wird. [...] Ich bin eher ein Gärtner." (Guardian)

Die Autoren der Drehbücher standen also vor einer quasi unlösbaren Aufgabe: Das Werk eines anderen zu vollenden, obwohl dieser selbst noch nicht genau weiß, wie er eigentlich zu dem Ende kommen wollte, das er sich vielleicht mal irgendwann überlegt hat. 

Die Buchgrundlage "Ein Lied von Eis und Feuer" wurde von der TV-Serie schon lange überholt. Wie gesagt, allein dafür, das Wagnis einzugehen, schulden wir ihnen ein bisschen Respekt. 

Aber leider muss man trotzdem sagen: Sie haben es komplett vermasselt. 

Ich habe "Game of Thrones", wie so viele, für seine Figuren und das gnadenlose Vorantreiben ihrer Geschichte geliebt: Charaktere manövrierten sich in dumme Situationen und kämpften sich heraus, sie litten und sie starben. Die Show war trotz des Fanatsy-Settings glaubwürdig. Die Charaktere hatten sich selbst in diese Situationen gebracht, weil es zu ihnen passte. Sie wahren angetrieben von Ehre, Liebe oder der Gier nach Macht. 

Doch jetzt, in der letzten Staffel, kann ich über das, was bei "Game of Thrones" passiert, oft nur noch lachen.

  • Charaktere wie Daenerys, Jon oder Jaime machen, in der mit sechs Folgen wirklich kurz ausgelegten Staffel, abrupte und schwer nachvollziehbare Sinneswandel durch. 
  • Der Haupthandlungsstrang mit den Weißen Wanderern, über fast ein Jahrzehnt mit Mystik und Brimborium aufgeladen, endet durch einen Arya-Überaschungsmoment. Eine Erklärung für die Verbindung des Nachtkönigs mit Bran oder Jon bleibt bisher aus.
  • Logiklöcher und unglaubwürdige Aktionen wie die in einer Episode lächerlich treffsicheren, in der nächsten Episode aber zahnlosen "Skorpione" (die drachentötenden Riesenarmbrüste) lassen die Bildschirm-Action willkürlich wirken.  

Um es mit dem Satz zu sagen, den wir alle seit unserer Kindheit fürchten: Ich bin nicht sauer, ich bin nur enttäuscht. 

Die achte Staffel löst bei mir nur noch Kopfschütteln aus. Damit bin ich nicht der einzige. Hunderttausende Fans wünschen sich, die Staffel einfach vergessen zu können und noch einmal neu drehen zu lassen. aber: do

Eine Petition auf change.org fordert genau das: "Dreht Staffel acht noch einmal neu – mit kompetenten Autoren."

Während diese Zeilen geschrieben werden, steht der Zähler bei 830.000 Unterzeichnern. Zum Vergleich: Eine erfolgreiche Petition zum Verbot von Palmöl in Biodiesel an die Europäische Kommission benötigte 2017 gerade mal 227.000 Unterschriften.