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Jung, europäisch, sucht Zukunft

Mit dem Euro sollte in Griechenland eigentlich alles besser werden: Mehr Stabilität und Sicherheit sollten die Wirtschaft beflügeln, das war die Hoffnung. Doch nach wenigen Jahren kam die Krise. Seitdem ist Griechenland auf Sparkurs – und das Vertrauen in die Europäische Union ist in dem Land schwer beschädigt. Doch an einen Grexit denkt kaum jemand.

Jung, europäisch, sucht Zukunft

Vom 23. bis 26. Mai wählt Europa ein neues Parlament, mehr als 400 Millionen Menschen sind aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Was in Europa gewählt wird, das geht auch uns an – und hat Auswirkungen auf unser Leben. 

Von Estland bis Spanien, von Griechenland bis Großbritannien – wie ist die Stimmung, welche Themen interessieren junge Menschen? Wir haben einige Länder unter die Lupe genommen und mit jungen Journalistinnen und Journalisten vor Ort gesprochen.

Laut Umfragen wird bei der Europawahl die liberal-konservative Oppositionspartei "Nea Dimokratia" mit Abstand die meisten Stimmen bekommen – hauptsächlich wegen des "politischen Verfalls" der Regierung, glaubt Kostas Koukoumakas. Er ist Reporter und Producer bei "Vice Greece" und schreibt über Politik und Gesellschaft. Seine Geschichte über illegale Adoptionen wurde für den Europäischen Pressepreis nominiert.

So ist die politische Lage in Griechenland

Auch fast zehn Jahre später haben die Folgen der Eurokrise Griechenland fest im Griff: Die Arbeitslosigkeit sinkt zwar seit Jahren stetig, liegt aber noch immer höher als in jedem anderen Land der EU. Bis die Wirtschaft des Landes auf das Niveau vor der Krise kommt, wird es nach Schätzungen noch bis 2035 dauern. Die Arbeitslosigkeit könnte sogar erst 2055 auf die ehemaligen 7,5 Prozent fallen. (Handelsblatt)

Seit 2015 wird das Land von Alexis Tsipras regiert, Vorsitzender der Partei Syriza ("Koalition der Radikalen Linken"). Diese hat in den Jahren nach der Eurokrise die Sozialdemokraten von Pasok als Volkspartei abgelöst.

Seit Januar führt Tsipras eine Minderheitenregierung: Nach dem Abkommen mit Mazedonien, mit welchem ein jahrzehntelanger Namensstreit beigelegt wurde, kündigten seine Koalitionspartner das Bündnis, weil sie strikt gegen die Einigung waren. Obwohl seine Partei allein nicht die Mehrheit hält, genießt Tsipras trotzdem weiterhin das Vertrauen des Parlaments.

Trotz der jahrelangen Krise und dem schwierigen Verhältnis zur EU: Euroskeptische Stimmen gibt es in Griechenland nur wenige. Wenn es darauf ankomme, wüssten die meisten Griechen, dass die Mitgliedschaft in der EU aus strategischen Gründen richtig sei, erklärt der Politologe Loukas Tsoukalis im "Handelsblatt". Das sieht auch Kostas so: "Den Griechen ist klar, dass ihr tägliches Leben und auch ihre Zukunft mit der EU verbunden sind"

Die Euroskeptiker beschränken sich auf die Neonazi-Partei "Goldene Morgenröte". "Die haben aber das Problem, dass ihre Führungsriege wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung angeklagt ist", erklärt der Journalist. Anhänger hätten zudem Dutzende Attacken auf Migranten verübt, 2013 ermordete ein Parteimitglied einen antifaschistischen Rapper.

Im Europäischen Parlament sitzt die "Goldene Morgenröte" bereits – und fiel dort vor allem mit rassistischen Äußerungen auf, weshalb auch ein Abgeordneter vom damaligen Parlamentspräsidenten Martin Schulz von der Sitzung ausgeschlossen wurde. Auch nach der Wahl könnten erneut drei Sitze an die neonazistische Partei gehen.

Was junge Griechinnen und Griechen vor der Europawahl bewegt

Mit fast 40 Prozent ist die Jugendarbeitslosigkeit so hoch wie in keinem anderen EU-Land – viele verlassen deshalb Griechenland, in den Jahren nach Beginn der Krise waren es mehr als 400.000 (Greek Reporter). "Etwa die Hälfte meiner Freunde ist auf der Suche nach einem Job nach Großbritannien oder Deutschland gegangen", sagt Kostas. 

Er glaubt, dass die jüngere Generation insgesamt eher wenig an Politik interessiert sei. "Für die einen ist es die Lösung für Probleme wie Migration und Arbeit – aber die anderen befassen sich einfach nicht damit."

Was gerade in Griechenland wichtig ist

In Griechenland wird in diesem Jahr nicht nur das Europäische Parlament gewählt – am gleichen Tag sind auch regionale Wahlen, vermutlich im Oktober wird außerdem das nationale Parlament gewählt. EU-Themen treten da eher in den Hintergrund. "Die Griechen finden ihre inneren Angelegenheiten interessanter", erklärt Kostas. "Man könnte auch sagen, dass sie nicht ganz verstehen, wie die EU überhaupt arbeitet – was die Rolle der Kommission ist und wie viele griechische Abgeordnete überhaupt im Europäische Parlament sitzen."

Die Wirtschaftslage und das Abkommen mit Mazedonien sind deshalb die wichtigsten Themen im Wahlkampf – neben Migration. "Das ist nach wie vor ein großes Thema", so Kostas. "Mehr als 70.000 Geflüchtete und Migranten sind in Griechenland gefangen und warten darauf, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden." 

Die Regierungspartei Syriza hat das Flüchtlingsabkommen der EU mit der Türkei mitgetragen. Mit diesem wurde festgelegt, dass Asylbewerber auf den griechischen Inseln festgehalten werden, solange ihre Anträge bearbeitet werden – doch auch mehr als drei Jahre später funktioniert das nicht, die Migrantinnen und Migranten leben unter schlimmsten Bedingungen auf den Inseln. Die griechische Regierung will deshalb an dem Deal Änderungen vornehmen.

Und was will die Opposition? "Nea Dimokratia sagt nicht offen, dass die Asylbewerber Griechenland verlassen sollen", erklärt Kostas. Aber häufig übernähme die Partei extrem rechte Positionen, um eine Abwanderung von Wählern zur neonazistischen "Goldenen Morgenröte" zu verhindern.

Und sonst so?

Ein bekannter Grieche wird möglicherweise ins Europaparlament einziehen – allerdings nicht für Griechenland. Der ehemalige Finanzminister Yanis Varoufakis ist in Deutschland Spitzenkandidat von "Demokratie in Europa – DiEM25". "Im Ausland wird er als Staatsmann gesehen, in Griechenland ist er aber nicht so beliebt", sagt Kostas. "Er versucht linke Theorien mit elitärem Denken zusammenzubringen – für die meisten Griechen klingt das merkwürdig."

Varoufakis war eigentlich einmal Mitglied der Regierungspartei Syriza und Minister unter Regierungschef Tsipras. Wenige Monate nach seinem Antritt wurde in Griechenland über ein Reformpaket abgestimmt, das drastische Sparmaßnahmen beinhaltete. "Varoufakis war der inoffizielle Anführer der Gegner des Reformpakets", erklärt Kostas. "Nachdem die Bevölkerung auch dagegen stimmte, handelte Tsipras aber einen Deal mit den Gläubigern aus." Für Varoufakis habe es kaum eine andere Möglichkeit gegeben als auszutreten.

Und warum tritt er nun in Deutschland an? Wohl auch wegen des Wahlsystems. "Varoufakis ist ein schlauer Kerl, in Griechenland hätte er wahrscheinlich keine Chance gehabt, ins Parlament zu kommen", sagt Kostas. Dort gibt es zudem bei der Europawahl eine Sperrklausel von 3 Prozent – in Deutschland dagegen würden seiner Partei wohl schon 0,5 Prozent der Stimmen für einen Sitz im Parlament ausreichen.

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Das echte "Game of Thrones": Mit den Schattenwölfen durch Nordirland
Wir waren mit einem "Wildling" an berühmten Drehorten.

Die letzte Folge von "Game of Thrones" ist zwar gelaufen, aber das muss für Fans nicht das Ende bedeuten. Für William Mulhall aus Belfast etwa hat das Spiel erst begonnen: 

"Game of Thrones" hat sein Leben und sein Land verändert, sagt er.

"Nordirland war bekannt für die Titanic, die untergegangen ist und für Autobomben, Proteste, brennende Städte und Tausende Tote während des Konflikts zwischen Katholiken und Protestanten", sagt William. Wer in Belfast einen der üblichen Busse zur Stadtrundfahrt besteigt, wird viel über diesen Konflikt erfahren. Es sei denn, man wartet, bis sich ein paar langhaarige junge Männer mit der Flagge des Hauses Stark unter die Touristen mischen, und folgt ihnen auf eine besondere Bus-Tour, die einen an die Drehorte von "Game of Thrones" führt.