Wer ist Jair Bolsonaro?

Brasilien leidet unter einer Wirtschaftskrise, korrupten Politikern und steigender Kriminalität. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 30 Prozent (Handelsblatt), ein Ex-Präsident sitzt im Gefägnis und im vergangenen Jahr stieg die Mordrate um drei Prozent auf 63.880 Morde an. (The Guardian)

Am Sonntag wählt das Land. Neben einem neuen Parlament und zwei Dritteln des Senats, der vergleichbar mit unserem Bundesrat ist, wählen die Brasilianerinnen und Brasilianer auch einen neuen Präsidenten, das Amt wird alle vier Jahre gewählt.

Der führende Kandidat: der umstrittene rechtspopulistische Jair Bolsonaro. Der 63-Jährige Abgeordnete war schon zu Beginn des Wahlkampfes beliebt, seit einem Attentat liegen die Prognosen für ihn bei 35 Prozent. Ein geistig verwirrter Mann hatte ihm bei einem öffentlichen Auftritt mit einem Küchenmesser in den Bauch gestochen.

Jair Bolsonaro im September bei einer Wahlveranstaltung in Brasilien

(Bild: dpa / Eraldo Peres)

Wer ist Bolsonaro und wofür steht er?

Er ist verheiratet, hat vier Kinder. Über seine Tochter, die nach drei Brüdern geboren wurde, hat er in der Vergangenheit gesagt, dass er bei ihrer Zeugung "geschwächelt" habe. (SPIEGEL ONLINE)

Als Abgeordneter im Parlament war er eher unauffällig, wechselte allerdings vor kurzem von der konservativen PDC zur rechten PSL. In einem Interview hat er gesagt, dass es ihm lieber sei, wenn einer seiner Söhne sterbe, als einen homosexuellen Sohn zu haben. Und er sagte, dass er bei seinen Kindern keine Beziehung mit Afrobrasilianern dulden würde.

Über die von 1964 bis 1985 herrschende Militärdiktatur sagte er, es sei Fehler gewesen, nur zu foltern, statt zu töten. Er selbst ist Reservist bei der Armee, möchte Polizisten außergerichtliche Exekutionen erlauben und will einige Ministerposten mit Militär-Offizieren besetzen. (Tagesspiegel)

Als Minister für Wirtschaft und Finanzen will er den Investmentbanker Paulo Guedes einsetzen, der staatliche Betriebe privatisieren will. Außerdem will er Gewerkschaften zerschlagen und hält nichts davon, Frauen so zu bezahlen wie Männer.

Wie sind die Chancen der anderen Kandidaten?

Nachdem der sozialistische Ex-Präsident Lula da Silva nicht zur Wahl zugelassen wurde, weil er wegen des Petrobrasskandals, einem Korruptionsskandal zwischen dem Öl-Unternehmen Petrobras und der damaligen Regierung, im Gefängnis sitzt, tritt Fernando Haddad für ihn an. (tagesschau)

Er liegt gerade bei 22 Prozent und könnte im zweiten Wahlgang in die Stichwahl kommen. Die anderen sechs Kandidaten haben elf Prozent oder weniger.

Wie denken Menschen vor Ort über Bolsonaro? Was bewegt sie? Wir haben gefragt.

Fernanda, 19

Fernanda

(Bild: privat)

Ich fühle mich an Hitlers Aufstieg erinnert. Ich habe das Gefühl, für Frauen oder Homosexuelle ist es mancherorts gefährlicher geworden. Letzte Woche hat die Polizei einen Afrobrasilianer getötet, weil sie seinen Regenschirm angeblich für eine Waffe hielten.

Ich als weiße Frau der Mittelschicht habe es leichter, aber wer beschützt die schwarze Frau aus der Favela?
Fernanda

Es gibt landesweite Demonstrationen von Frauen gegen Bolsonaro unter dem Motto "Ele Não", "Er nicht". Heute gibt es wieder eine, ich weiß aber nicht, ob ich hingehen werde, da es gefährlich werden kann. Vor einer Woche wurde eine Rednerin angegriffen, die über normale Dinge wie Menschenrechte gesprochen hat. Daraufhin wurde sie von einem Bolsonaro-Fan geschlagen trug zwei blaue Augen davon.

Ich fahre jeden Tag mit dem Bus zur Uni und zur Arbeit, dabei höre ich alle über die Wahl sprechen. Viele wissen nicht, wen sie wählen sollen. Die, die es wissen, wollen die Meinung anderer nicht hören.

Die Menschen sind unzufrieden. Auch ich merke die Wirtschaftskrise in meinem Leben. Viele Lebensmittel sind teurer geworden. Bei mir geht es noch. Ich habe neben der Unterstützung meiner Eltern noch einen Job. 

Aber ich weiß, dass es viele Leute schwerer haben als ich. Deswegen sind die Menschen von Angst getrieben und wählen Bolsonaro.
Fernanda

Victor, 18

Victor

(Bild: privat)

Ich bin besorgt und habe Angst. Das Land ist gespalten. Die beiden Kandidaten, die in den Umfragen vorn liegen, sind gleichzeitig die, die die größte Ablehnung bekommen. 

Die Extremisten bekommen täglich mehr Zulauf.

Viele Menschen haben Angst davor, wie es die nächsten vier Jahre weitergeht. Manche beschimpfen sich auf offene Straße. Manche werfen anderen vor, Kommunisten, Anarchisten oder Sozialisten zu sein, nur weil sie sich für Menschenrechte einsetzen.

Ich habe Verwandte, die Bolsonaro im zweiten Wahlgang wählen würden. Für mich ist das ausgeschlossen. Gleichzeitig weiß ich nicht, wen ich sonst wählen soll. Doch selbst, wenn ich mit dem Leben bedroht würde, würde ich Bolsonaro nicht wählen. Ein rechtsextremer, misogyner Mann mit so viel Hass auf Minderheiten – den übrigens auch viele Menschen in Brasilien haben. 

Sie sind gegen LGBTQ-Menschen, Afrobrasilianerinnen und -brasilianer, Arme. Bolsonaro ist für sie wie ein Messias. Viele einfache und religiöse Menschen wollen ihn wählen.

Anna, 19

Anna

(Bild: privat)

Mich quält der Gedanke, dass Bolsonaro wahrscheinlich gewinnen wird. Das wird uns zurück in die dunklen Zeiten der Militärdiktatur katapultieren. Der Wahlkampf hat die Menschen bereits stark entzweit, in Gegner und Befürworter von Bolsonaro.

In meinem Umfeld hat jemand vor kurzem gesagt, dass die politische Linke mit Schlägen ins Gesicht bekämpft werden müsse. 

Das ist traurig, denn aus Worten können schnell Taten werden.
Anna

Bolsonaro profitiert von der Unzufriedenheit im Volk. Die Leute wollen ein Ende von Korruption und Kriminalität. Wir haben 13 Millionen Arbeitslose. Aber deswegen Bolsonaro wählen? Ich gebe meine Stimme Ciro Gomes von der Mitte-Links-Partei PDT.

Lucas, 20

Lucas

Ich freue mich darauf, Henrique Meirelles von der Mitte-Partei MDB zu wählen. Auch wenn seine Umfragewerte nicht so gut sind, will ich sehen, wie er das Land verändern würde. Als ehemaliger Banker wäre er die beste Option für Brasilien.

Die Wirtschaftskrise bemerkt das ganze Land an den steigenden Preisen.
Lucas

Ich glaube, viele Menschen wählen Bolsonaro, weil er in dieser Situation ehrlich rüber kommt. Mein Vater hält ihn für einen Guten – meine Mutter für einen Faschisten. Ich finde das alles einfach nur schrecklich.


Gerechtigkeit

Hambacher Forst: 50.000 Demonstrierende feiern Rodungsstopp

Der Hambacher Forst bleibt. Zumindest vorerst, und das feierten Tausende. Am Freitag hatte das Oberverwaltungsgericht Münster beschlossen, dass der Energiekonzern RWE in dem uralten Wald erst einmal keine weiteren Bäume abholzen darf – bis zu einer Gerichtsentscheidung über eine Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz. (bento)

Am Samstag kamen nun Tausende in dem Gebiet um den Wald in der Nähe von Köln zu einer – zunächst verbotenen, dann doch erlaubten – Großdemo: 50.000 waren es, die den Etappensieg gegen RWE feierten, aber auch ihre Wut über die nordrhein-westfälische Landesregierung ausdrückten. Es sei "die mit Abstand größte Demo, die das Rheinische Braunkohlerevier je gesehen hat", sagte Dirk Jansen, Geschäftsführer des BUND Nordrhein-Westfalen. (SPIEGEL ONLINE)

Wie die Proteste am Hambacher Forst abliefen, und was Besucherinnen und Besucher der Großdemo bewegt hat, dort hinzugehen, siehst du oben im Video.

Mit Material von dpa