Jeden Tag regen wir uns über Donald Trump auf, den Lügenbaron, der nun US-Präsident ist. Der Klimawandel? Eine Lüge! Die Arbeitslosenzahlen? Geschönt! Die Besucherzahlen? Fake News! Die Wahrheit ignoriert er.

Populisten wie ihm haben wir zu verdanken, dass wir tagtäglich darüber diskutieren, ob wir angeblich in einem "postfaktischen" Zeitalter mit "alternative Fakten" leben, wie Trumps Wahlkampfmanagerin Kellyanne Conway ungeniert fabulierte. Was macht das mit uns, wenn wir täglich mit Lügen gefüttert werden? Und wir oft nicht bewerten können, wie viel Wahrheitsgehalt in etwas steckt?

Wir haben mit zwei Forschern gesprochen, die sich in ihrem Job mit dem Lügen beschäftigen.

Was wir übers Lügen wissen sollten:

Was spielen Lügen für eine Rolle in unserem Leben?

Eine Große, denn Lügen gehört zu unserem Alltag. Wir lügen, wenn uns die Kollegin fragt, ob sie nicht total fertig aussieht. Oder wenn jemand von uns wissen will, ob sein selbstgekochtes Essen schmeckt.

Warum tun wir das? Aus Höflichkeit, weil wir niemanden verletzten wollen, erklärt Marc-André Reinhard, Sozialpsychologe von der Uni Kassel. "White Lies" heißt das in der Wissenschaft.

Aber es gibt auch eine andere Art von Lügen – die, mit denen man eine bestimmte Absicht verfolgt. In Bewerbungsgesprächen überhöhen wir unsere Fähigkeiten, um den Job zu bekommen. Banker, Werber, Handelsvertreter beschönigen Produkte, um sie zu verkaufen. Politiker lügen, um gewählt zu werden.

Geflunker umgibt uns also überall, aber: "Lügen können unterschiedlich schlimme Konsequenzen haben", sagt Reinhard. Nicht ganz überraschend: "Alltagslügen sind häufig natürlich weniger dramatisch als Lügen im Bereich der Politik."

Klick dich durch die Erklärung: Was sind eigentlich genau Fake News?

In der genauen Übersetzung: Gefälschte Nachrichten. Viele von ihnen verbreiten sich tausendfach in sozialen Medien und verunsichern die Mediennutzer.
Vorwiegend handelt es sich dabei um politische Falschmeldungen. Der Urheber dieser Nachrichten will die Wähler damit beeinflussen und politisch in eine Richtung lenken – oder einfach nur Geld verdienen.
Bisher kursierten Fake-News vor allem im US-Wahlkampf. Dutzende Seiten streuten gezielt Falschmeldungen, um Wähler zu beeinflussen.
Ein Beispiel aus Deutschland:
Die Grünen-Politikerin Renate Künast soll über den Freiburger Mädchenmörder, einen minderjährigen Flüchtling aus Afghanistan, gesagt haben:
"Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen".
Die Quelle für dieses Zitat: angeblich die "Süddeutsche Zeitung".
Doch weder Künast noch die Zeitung haben damit irgendetwas zu tun. Auf diversen Facebook-Seiten wie "Widerstand deutscher Patrioten" wurde es verbreitet.
Facebook selbst verurteilte die Verbreitung – aber stoppte sie nicht.
Lügen ändern oft keine Meinungen – aber bestätigen lang gehegte Vorurteile. Vor allem Wechselwähler könnten sich so verunsichern lassen.
1/12
Was überrascht uns so an Trumps Lügen?

Die Behauptungen sind besonders absurd und stellen bestehende Normen in Frage. Außerdem lassen sich viele seiner Aussagen binnen kurzer Zeit mit Fakten widerlegen – wie bei den Besucherzahlen zu seiner Amtseinführung.

Klaus Fiedler ist Sozialpsychologe an der Universität Heidelberg. Er macht darauf aufmerksam, dass wir Lügen in der Politik nicht als neues Phänomen betrachten dürfen.

Politiker würden seit jeher lügen, wenn sie uns als Wählern eine Steuererleichterung versprächen, diese aber nie umsetzten. "Auch Angela Merkel hat gesagt, mit ihr werde es keine Maut geben. Das hat sich hinterher als falsch herausgestellt, aber sie hat sich nie dazu bekannt und es einfach totgeschwiegen" sagt Fiedler.

Damit wolle er Trump nicht in Schutz nehmen, nur mahnen. "Wir sollten aus Trump für unseren eigenen Bundestagswahlkampf lernen, statt uns zu empören." Wissenschaftler und Journalisten müssten systematisch die Aussagen von Politikern erfassen und sie anhand von Fakten und Realitäten überprüfen.

Trumps Presseteam spricht von "alternativen Fakten" – andere würden ganz klar "Lüge" sagen. Warum erkennen einige Lügen sofort und andere nicht?

"Der Mensch ist alles, nur kein rationaler Faktenchecker. Wir beurteilen Fakten immer nur vor unseren eigenen Einstellungen und Gefühlen", sagt Sozialpsychologe Reinhard. So zeigten zum Beispiel Studien, dass die Affäre von Bill Clinton von seinen Anhängern, den Demokraten, als weniger problematisch bewertet wurde als von den Republikanern.

  • Auch ein Beispiel aus dem Alltag zeigt, dass wir Fakten häufig verdrängen und uns bewusst nicht damit beschäftigen: Zahlen belegen, dass sich etwa ein Drittel der verheirateten Paare wieder scheiden lassen, ein Drittel bleibt zusammen, ist aber unglücklich, ein Drittel lebt einigermaßen zufrieden. Von Romantik und Leidenschaft bleibe wenig übrig, sagt Reinhard. "Wenn ich aber gerade heirate, will ich davon natürlich nichts hören."

In der Wissenschaft wird dieses Phänomen als (Truth)-Bias beschrieben. In vielen Situationen wollen Menschen einfach glauben, dass etwas wahr ist, und wollen die Lüge gar nicht entlarven.

Kann man einen Lügner nicht schon an seinem Verhalten entlarven?

Pinocchio wächst eine lange Nase, wenn er lügt. Und wie sieht es in der Realität aus? Müsste Trumps Pressesprecher nicht rot werden oder zittern, wenn er behauptet, zu Trumps Vereidigung seien so viele Menschen gekommen wie noch nie?

Nein. Erwachsene haben die Fähigkeit, sich das Lügen nicht anmerken zu lassen, wie die Wissenschaftler erklären. "Wir entwickeln deshalb auch kein schlechtes Gewissen oder sind furchtbar nervös", sagt Reinhard. Das sei nur ein Klischee.

Lügen sei ein Teil des sogenannten Impression Management. Wir wollen einen guten Eindruck machen, da gehört das Lügen dazu. "Man sieht an Trump, dass er keinerlei Skrupel hat, zu lügen", sagt Reinhard.

Zum Klicken: Die ersten Tage von Donald Trump

1/12
Besteht die Gefahr, dass wir durchs ständige Lügen nicht mehr zwischen wahr und falsch unterscheiden können?

Was ist schon wahr und falsch – das ist häufig nur schwer herauszufinden. Ist eine Krebsvorsorge wirklich sinnvoll? Ist ein Medikament gut für uns oder hat es zu viele Nebenwirkungen? Was für eine Altersvorsorge lohnt sich überhaupt? "Vieles ist so undurchsichtig, dass wir es nicht bewerten können", sagt Fiedler.

Außerdem befürchtet er, dass wir uns längst ans Lügen gewöhnt haben. Noch würden wir uns mit sehr vielem einfach zufrieden geben. "Wir haben zum Beispiel den VW-Abgasskandal einfach so hingenommen. Wie weit das in der Branche verbreitet ist, haben wir – Medien und Wissenschaft – nie ausgiebig hinterfragt."


Fühlen

An diesem Bild ist nur die Katze echt

Auf Instagram werden ganze Welten verwandelt. Da vergrößern sich mächtige Wasserfälle und Brüste, Pickel und Bäuche schrumpfen. So weit, so wunderbar. Aus Spaß luden zwei deutsche Bloggerinnen ein Bild hoch, auf dem sie ihre Beine extrem verschlankten. Das Ergebnis: zwei Frauen auf Stelzen. Die Resonanz war erschreckend.