Bild: Swen Pförtner/dpa
Alle haben davon gewusst.

Die meisten Vorwürfe vor dem Hintergrund von #Metoo haben gemeinsam, dass ihre Anklägerinnen sich nach Jahren des Schweigens äußern. Auch im Fall des deutschen Regisseurs Dieter Wedel ist das so.

Die Vorwürfe sind so lange her, dass sie juristisch gesehen sogar verjährt wären. Immer wieder kommt dann die Frage auf: Warum erst jetzt? Warum haben sich die Frauen erst jetzt geäußert?

So unangebracht diese Frage und so komplex die Antwort hierauf auch ist, der eigentliche Skandal ist: Die Frauen haben sich nicht erst jetzt geäußert. Es hörte nur niemand hin.

Was ist passiert?
  • Im "Zeit-Magazin" hatten Anfang Januar mehrere Frauen Vorwürfe der Gewalt und sexuellen Nötigung gegen Dieter Wedel erhoben. Nur Patricia Thielemann und Jany Tempel sprachen dabei unter ihrem echten Namen. Sie erklärten per Eid gegenüber dem Magazin, dass Ihre Aussagen wahr seinen. Die Autorinnen des Textes sprachen außerdem mit damaligen Kollegen und Freunden, die sich and die Vorfälle erinnerten. (bento, Zeit Magazin)
  • Jetzt, rund drei Wochen später, hat die "Zeit" in einem Dossier Anschuldigen vier weiterer Frauen gegen den Regisseur veröffentlicht. Sie berichten von Gewalt bis hin zu Vergewaltigung. Die Schweizer Schauspielerin Ester Gemsch etwa soll Wedel beim Dreh eines Films in seinem Hotelzimmer verprügelt und anspuckt haben. Sie musste schwer verletzt ins Krankenhaus. Ihre Nachfolgerin drangsalierte Wedel derart, dass sie einen Nervenzusammenbruch und eine Fehlgeburt erlitt. Weitere Schauspielerinnen berichten anonym von Gewalt, eine sagt, sie sei von Wedel vergewaltigt worden. (bento, Die Zeit)

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun in einem einzelnen, nicht verjährten Fall gegen Dieter Wedel:

Die Vorwürfe und Berichte der Frauen sind schlimm genug und es ist nur schwer vorstellbar, dass sich die Opfer nicht gewehrt haben, niemandem davon erzählten. Die Fälle reichen in die 80er Jahre zurück. Wie konnten Sie so lange schweigen? 

Haben sie nicht. 

Tatsächlich lagen dem Saarländischen Rundfunk (SR) und der Produktionsfirma Telefilm Saar schon zu Zeiten des besagten Drehs ärztliche Atteste der Betroffenen vor. Dazu gehört auch ein Schreiben von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, bekannt als Arzt des FC Bayern. Er behandelte die Schauspielerin Esther Gemsch und bestätigte, Gemschs Beschwerden könnten "eindeutig als Folge der Gewalttätigkeit vom 12. 12. 80 angesehen werden". 

Auch in einem internen SR-Bericht sollen die Vorwürfe festgehalten worden sein. Dort stand, dass es bei versuchten sexuellen Kontakt zu Handgreiflichkeiten gekommen sei. Der Fall wurde so genau festgehalten, weil die Neubesetzung und der Ausfall der Hauptdarstellerin den Sender viel Geld kosteten. 

  • Die Zuständigen aber taten: Nichts. 

Gemsch brach den Dreh ab, die Rolle wurde neu besetzt. Ihre Nachfolgerin Ute Christensen musste den Dreh ebenfalls abbrechen, nachdem sie einen Nervenzusammenbruch erlitt und eine Fehlgeburt. 

  • Und dann: Taten sie wieder nichts.

Stattdessen taten sie es alles als "private Angelegenheit" ab. Zeuginnen, etwa die Kostümbildnerin Regina Bätz, sprechen von einem "Klima der Angst" am Set. Alle sollen von dem Vorfall gewusst haben. Unternommen hat niemand etwas. Wedel bekam weiterhin Aufträge, setzte seinen Anwalt auf die Frauen an und kam unbescholten davon.

Ein Mann nutzt seine Macht aus, um junge Frauen sexuell auszunutzen – und alle schauen zu. Der Fall steht dabei für die "MeToo"-Debatte wie bisher kein anderer in Deutschland. 

Der SR gibt heute an, man wisse leider nicht, warum damals niemand auf die Vorwürfe reagiert habe. Eine interne Kommission soll den Fall nun aufarbeiten, der Sender habe dazu Kontakt zu den mutmaßlichen Opfern aufgenommen. Das ZDF und der NDR kündigten an, ihre eigenen Archive nach ähnlichen Hinweisen bei Wedel-Produktionen zu durchsuchen. (Süddeutsche.de)

Welche Frage in der Sexismus-Debatte nichts zu suchen hat:

Dieter Wedel selbst streitet alle Vorwürfe ab. Er hat sich jüngst aus seiner Position als Intendant der Bad Hersfelder Festspiele zurückgezogen. In einer Stellungnahme sprach er von einem "Klima der Vorverurteilung, der sogenannten 'Verdachtsberichterstattung'", und kündigte an, sich nicht weiter zu dem Thema äußern zu wollen. Den Kampf gegen seine Reputation könne er nicht gewinnen – "weder mit juristischen Mitteln noch mit medialen Stellungnahmen". (Die Zeit)

Auch andere kritische Stimmen mahnen: Es gilt noch immer die Unschuldsvermutung. Die Fälle seien ohnehin alle verjährt. Jetzt einen Menschen dafür an den Pranger stellen? Rufmord! Allerdings, stellt Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung fest: 

Es ist richtig, dass sich die Unschuldsvermutung nicht in eine Schuldvermutung verkehren darf. Aber die Aussagen der Opfer sind so klar, dass es eine Schande wäre, die Dinge nicht aufzuklären.

Auch unsere Autorin findet es wichtig, dass Dieter Wedel beim Namen genannt wurde:


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