"Ich bin nicht so dumm, wie die meisten dachten"

Miriam Wagnitz erinnert sich noch an diese eine Mathearbeit in der Grundschule. Furchtbar war die. Wie in vielen anderen Arbeiten habe sie zwar eigentlich alle Aufgaben gekonnt, jedes Ergebnis gewusst.

Weil sie aber nicht so schnell vorankam wie ihre Mitschüler, sie die Arbeit nicht fertig bekam, lautete die Note: sechs. Die Lehrer entschieden damals, Miriam sei nicht schnell genug, solle daher ab sofort auf eine Förderschule gehen.

Vor einigen Tagen hat die gleiche Person, mittlerweile 20 Jahre alt, als Jahrgangsbeste an der Gesamtschule in Nettetal, Nordrhein-Westfalen, das Abitur abgelegt. Notendurchschnitt: 1,5.

Die Mathearbeit von einst, das Abi von jetzt – zwei Ereignisse in Miriams Lebenslauf, die nicht zusammenpassen wollen. Sie selbst kann kaum glauben, dass sie sich so entwickelt hat. "Ich habe es allen bewiesen", sagt sie. "Ich bin doch nicht so dumm, wie die meisten dachten."

Zwischen damals und heute liegen extreme Monate und Jahre.

Besonders die erste Zeit auf der Förderschule tat Miriam weh, sie fühlte sich falsch an diesem Ort: "Ich konnte flüssig lesen, ich konnte schwierige Aufgaben lösen", sagt sie. "Ich war mir sicher, dass ich keine spezielle Förderung brauche – sondern nur mehr Zeit."

Ihr erster Lehrer auf der neuen Schule empfahl ihr, doch noch auf eine Regelschule zu gehen. Doch dann wechselten die Klassenlehrer. Und noch mehr Probleme prasselten auf Miriam ein: Sie wurde gemobbt, ihr Verhältnis zu den Lehrern verschlechterte sich, sie begann eine Therapie.

Immer wieder bekräftigte sie, dass sie nur langsam sei, sonst alles kann. Und sie fragte sich oft: Warum sieht kein Lehrer, was ich sehe?

Ihre Mutter habe oft versucht, gegen die Schule zu kämpfen, immer wieder habe sie um Gespräche gebeten, sagt Miriam. Doch die Schule sei bei der Ansicht geblieben, dass Miriam Förderbedarf habe – und bleiben müsse.

Nach fünf Jahren konnte sie raus. Weil Miriams Mutter das Jugendamt um Hilfe bat, das sich in Gespräche zwischen Lehrern und Eltern einschaltete und zu vermitteln versuchte.

Miriam kam in die achte Klasse auf der städtischen Gesamtschule. Sie nahm erst noch am Englischunterricht der sechsten Klasse teil, um aufzuholen. Ihre Noten verbesserten sich, sie fühlte sich richtig. Endlich. Die Langsamkeit von damals: kaum noch vorhanden. Sie bekam einen Hauptschulabschluss, einen Realschulabschluss, machte Abitur.

Wer Miriams Geschichte liest, dem mögen Zweifel aufkommen am deutschen Schulsystem, das sich – auch in vielen anderen Fällen – immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert sieht, sich nicht ausreichend mit den individuellen Biografien der Schüler auseinanderzusetzen. Hätte man eher erkannt, dass Miriam offenbar auf eine andere Schule gehört, wenn es mehr Personal gegeben hätte, das zuhört, nachfragt, da ist?

Oder müssen Schüler noch länger betteln, noch beharrlicher deutlich machen, dass es ihnen nicht gut geht?

Für Miriam sind Gedanken und Fragen wie diese kein Thema mehr.

"Ich traue mir viel mehr zu als früher, habe ein stärkeres Selbstbewusstsein bekommen." Sie wolle studieren, am liebsten Soziale Arbeit, und dann Streetworkerin werden, Jugendlichen auf der Straße helfen. "Die meisten können nämlich viel", sagt sie. "Sie werden einfach nur missverstanden."


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