Bild: dpa
Wir haben mit einem Polizeiforscher darüber gesprochen.

Es war ein kinoreifer Einsatz: Mehr als 50 Polizeibeamte, ein gesperrtes Einkaufszentrum und ein verdächtiger Unbekannter. Im Leipziger Stadtteil Reudnitz herrschte Ende vergangener Woche für mehr als fünf Stunden Ausnahmezustand.

Drei Tage später ist klar: Der Verdächtige war ein gewöhnlicher Einkäufer, die vermeintliche Gefahrensituation hat es nie gegeben. Dafür sieht sich die Polizei jetzt mit Rassismusvorwürfen konfrontriert.

Was ist passiert?

Am Freitagabend alarmierte eine 32-jährige Frau die Polizei, weil sie beim Einkaufen einen schwarzen Mann gesehen hatte, der ihr verdächtig vorkam. Nach ihren Angaben soll er "Kabel" am Körper getragen haben. Daraufhin mobilisierte die Leipziger Polizei alle verfügbaren Streifenwagen und zusätzlich Spezialkräfte für sogenannte "lebensbedrohliche Einsatzlagen".

Das Einkaufszentrum wurde geräumt und mit einem Spürhund durchsucht. Ohne Ergebnis. Auch in der Umgebung wurde nichts Verdächtiges entdeckt. (LVZ

Nach rund fünf Stunden wurde die Sperrung in der Nacht auf Samstag wieder aufgehoben. Im Polizeibericht heißt es:

Womöglich täuschte sich die 32-Jährige schlicht.
Bericht der Polizei Leipzig

Obwohl die Angaben der Frau selbst von der Polizei angezweifelt wurden und die Beamten nach Angaben eines Sprechers keine weiteren Notrufe erhielten, wurde auch nach Ende der Sperrung mit einem umstrittenen Aufruf nach dem unbekannten Mann gesucht:

(Bild: Screenshot Polizei Leipzig/Hervorhebung: bento)

Ist diese Personenbeschreibung rassistisch?

Die Beschreibung der Leipziger Polizei warf bei manchen Beobachtern Fragen auf: Warum wurden aufgrund der äußeren Erscheinung des Mannes Rückschlüsse auf seine Herkunft gezogen? Erschien es der Leipziger Polizei nicht denkbar, dass ein dunkelhäutiger Mann auch aus Dresden, Osnabrück oder Flensburg kommen könnte?

Die ergänzende Formulierung in der Klammer legt nahe, dass die Beamten selbst geahnt haben dürften, dass die Beschreibung "scheinbar afrikanischer Herkunft" nicht ausreicht, um einen Unbekannten auf der Straße erkennen zu können. Kritiker merkten jedoch an, dass auch der Zusatz "dunkler Teint, aber kein Schwarzafrikaner" fragwürdig sei.

Der Grund: Die – auch in Medienberichten häufig genutzte – Formulierung "Schwarzafrikaner" entstand in der Kolonialzeit, um Menschen aus dem Teil Afrikas südlich der Sahara zu beschreiben. Bei der Bundeszentrale für politische Bildung schreibt die Wissenschaftlerin Susan Arndt dazu: 

 "'Schwarzafrika' folgt der kolonialen Unterteilung Afrikas in einen 'weißen' Norden, dem der Westen ein gewisses Maß an Kultur und Geschichte zubilligt, und einem subsaharischem Afrika bar jeder Geschichte und Kultur. Dieser Grenzziehung, die mit Rassentheorien legitimiert wird, fehlt jede Grundlage."

Auf Twitter sorgte das Vorgehen der Polizei für grundsätzliche Kritik:

Was sagt die Polizei?

Drei Tage später hält die Polizei den Einsatz immer noch für angemessen. Auf Nachfrage von bento sagte ein Sprecher, der gesuchte Mann sei inzwischen gefunden. Es handele sich um einen 51-jährigen Kongolesen, der in Leipzig lebe. Er stamme "aus dem Obdachlosenmilieu" und trage "Kleidung, die man interpretieren kann, aber nicht muss", so der Sprecher. Nach Angaben der Frau hatte er einen Anzug getragen. 

Der Verdacht gegen den Mann habe sich nicht erhärtet, auch sonst habe außer der Anruferin niemand den Mann beim Einkaufen für verdächtig gehalten, so die Polizei weiter: "Von ihm ging zu keiner Zeit eine reale Gefahr aus."

Zur umstrittenen Personenbeschreibung hieß es auf Nachfrage von bento, man würde die Formulierung "heute anders wählen". Von einem Fehler wolle man dennoch nicht sprechen. Da die Anruferin den Mann so beschrieben habe, sei ihre Formulierung so übernommen worden.

Es hat sich gezeigt, dass der gesuchte Mann ja auch so von der Bevölkerung identifiziert wurde.
Sprecher der Polizei Leipzig

Die alarmierten 13 Streifenwagen und zusätzliche Spezialkräfte seien notwendig gewesen, weil man die Gefahrenlage zunächst als ernst eingestuft habe. Dieses Vorgehen sei üblich. 

Nicht die erste umstrittene Mitteilung dieser Art in Leipzig

Bereits vor wenigen Wochen hatte die Polizei Leipzig mit einer Mitteilung für Schlagzeilen gesorgt. Damals hieß es nach einem sexuellen Übergriff auf eine junge Frau, der mutmaßliche Täter sei "magisch" von den "ebenmäßigen Formen" der 25-Jährigen angezogen worden (bento). Im vergangenen Herbst fragte eine Pressemitteilung der Leipziger Beamten rhetorisch, ob die Delikte eines 19-jährigen Libyers "Begrüßungshandlungen gegenüber der Bevölkerung" seien (Welt).

Auf Nachfrage von bento sagte der Sprecher, dass es bislang keine grundsätzlichen Richtlinien für die Formulierung von Personenbeschreibungen und Pressemitteilungen gebe. 

Was sagt ein Polizeiforscher?

Wir haben den Polizeiforscher Rafael Behr von der Akademie der Polizei Hamburg gefragt, wie er den Umgang der Polizei mit rassistischen Personenbeschreibungen einschätzt. Nach Ansicht des Wissenschaftlers hat sich die Sprache der Polizei in den vergangenen Jahren deutlich geändert

Die Polizei hat sich früher extrem zurückgehalten mit der Nennung von Nationalitäten oder ethnischen Merkmalen. Diese Zurückhaltung hat man abgelegt. Hautfarbe, Herkunft oder Nationalität werden heute viel offensiver genannt als früher.​
Rafael Behr, Polizeiforscher

Behr sagt, das passiere auch, weil "bestimmte Teile der Bevölkerung" es so verlangten. Zu Fällen wie in Leipzig sagt der Forscher, es passiere immer wieder, dass Beschreibungen 1:1 von Zeugen übernommen würden. Ob das im konkreten Fall auch passiert sei, könne er nicht sagen. Falls dies passiert sei, wäre es jedoch "wenig professionell".

Ich interpretiere das als hilflose Formulierung, weil einem nichts anderes eingefallen ist.
Rafael Behr, Polizeiforscher

Die Polizei müsse reflektiert mit Personenbeschreibungen umgehen. Beschreibungen wie "Afrikaner" seien kein Hilfsmittel. 

Natürlich muss man manchmal sagen, welche Hautfarbe jemand hat, aber die Beschreibung "Afrikaner" hilft niemandem. Das wäre für mich genauso sinnvoll wie Amerikaner oder Europäer. Da weiß man auch nicht, nach wem gesucht wird.
Rafael Behr, Polizeiforscher

Gleichzeitig verteidigte der Wissenschaftler die Arbeit der Polizei gegen pauschale Vorwürfe. In Notsituationen sei es nachvollziehbar, bestimmte Formulierungen für eine begrenzte Zeit zu verwenden, so Behr. 

Eine Grenze sei für ihn dann erreicht, wenn Führungspersonen die Beschreibungen überprüft hätten. Spätestens dann müssten unreflektierte Formulierungen korrigiert werden. Dieses Bewusstsein müssen die Beamten vor Einsätzen entwickeln und trainieren. Vor allem die Unterscheidung zwischen Beschreibungen und Bewertungen sei wichtig, so der Polizeiforscher.


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Diese Fotos zeigen die Dramatik der Lage.

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