Was geht, Deutschland?

Manchmal sind es die kleinen Dinge, wegen derer es verdammt lange dauern kann, bis man sich in einem Land zu Hause fühlt – so, wie zum Beispiel die Bauart der Toiletten.

Sercan erinnert sich noch vage an diesen Tag, damals im August 2015. Er war das erste Mal in Deutschland, wollte die Sprache lernen: einen Monat Summer School, Westfälische Wilhelms- Universität in Münster. 

Als er zum ersten Mal die Toilette betrat, war er so überrascht über die offenen Urinale, dass er zu den Kabinen abbog.

Sercan, gebürtig aus Samsun, ist 25 Jahre altlebt und studiert eigentlich in Istanbul und will dort seinen Bachelor in BWL machen. Er wohnt im konservativen Stadtteil Beykoz – für Frauen ist es hier zum Beispiel schwierig, auf der Straße eine Zigarette zu rauchen oder ihren Partner zu küssen.

Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

Gerade ist er aber für ein Auslandsemester an der Freien Universität in Berlin. In Deutschland war er seit jenem Tag im August 2015 noch einige Male: in Frankfurt, in Köln, nochmal in Münster, jetzt Berlin. 

Sercan vor dem Schloss Charlottenburg(Bild: Jiří Pelleš)

Aber immer wieder fragt er sich:

Warum steht Ihr beim Pinkeln eigentlich direkt nebeneinander? Ich fühle mich wirklich unwohl, wenn ich in Deutschland eine öffentliche Toilette benutzen muss, auch jetzt noch. Ich verstehe nicht, warum das so sein muss, ich kenne so etwas aus meiner Heimat nicht.

Cemil Şahinöz versteht das. Der 36-jährige Diplom-Soziologe und Islam-Experte erklärt, dass aus hygienischen Gründen zwischen Urinalen wahrscheinlich keine Trennwände nötig wären – "kulturhygienisch" aber doch. "Es gibt Kulturen, ganz gleich ob muslimisch oder christlich, wo bestimmte Körperteile aus Scham bedeckt werden", erklärt er. 

Viele Menschen aus diesen Kulturkreisen hätten eine Sozialisation genossen, bei der bestimmte Körperteile, etwa die Geschlechtsorgane, nur in den allerseltensten Fällen entblößt würden. Dabei sei es egal, ob man sie – wie beim Arzt – bewusst zeige, oder eben auf der Toilette entblöße, sagt Şahinöz. 

Schamwände zwischen Urinalen sind immer auch "kulturelle Schutzwände"
Cemil Şahinöz, Diplom-Soziologe

In vielen Ländern werde der Gang zur Toilette als etwas so Intimes betrachtet, dass per se nur Toilettenkabinen aufgestellt würden, sagt Şahinöz. Die Türkei gehört allerdings nicht überall dazu. Auch hier pinkeln Männer im Stehen; Schamwände gibt es nicht immer. Sogar die Unterschiede zwischen Istanbuls Stadtteilen sind groß. 

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Woran liegt es also, dass manche große Scham empfinden – und andere kaum?
(Bild: Pixabay)

Prof. Dr. Ute Frevert leitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung den Bereich "Geschichte der Gefühle" und forscht auch zu kulturellen Unterschieden im Schamverhalten. Grundsätzlich sei es so, sagt die 63-Jährige, dass Männern ein anderes Schamgefühl anerzogen werde als Frauen.

"Männer dürfen hier Scham empfinden, wenn sie feige gehandelt haben oder in einer männlichen Konkurrenzsituation unterlegen sind. Ihren Geschlechtsorganen und Körperausscheidungen gegenüber aber dürfen sie schamfrei sein", sagt Frevert, das könne man in Deutschland zum Beispiel am Wettpinkeln sehen. 

Das Bedürfnis von Männern, sich hinter Schamwänden verstecken zu wollen, schätzt sie daher als recht gering ein – hierzulande.   

Sonst gäbe es diese Wände auch häufiger.
Ute Frevert

Das eher geringe Schamgefühl im Bezug auf die männlichen Geschlechtsorgane schlägt sich übrigens auch im Baurecht nieder. Das ist weitestgehend Sache der Länder. Wenn man sich bei denen umhört, lautet der Tenor, dass es im Bauordnungsrechte so etwas wie "Schamvorschriften" nicht gibt. 

Klar – wenn kaum jemand ein Problem sieht, muss es auch nicht gelöst werden. Aber ist es den deutschen Männern wirklich so egal, dass sie beim Pinkeln immer nebeneinander stehen?

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John Oliver trollt den US-Vizepräsident mit schwulem Hasen
Eine Lehre in Sachen Toleranz.

Moderator John Oliver ("Last Week Tonight) trollt mit einem eigenen Buch das kürzlich erschienene Buch von US-Vizepräsident Mike Pence.

So lustig trollt John Oliver das Buch des Vizepräsidenten

Mike Pence hat kürzlich ein Buch herausgebracht. Der Titel: "Marlon Bundo´s A Day in the Life of the Vice President". Der Inhalt: Der Hase Marlon schildert seinen Tag als Vizepräsident der Vereinigen Staaten. Aus Sicht eines Hasen. Es soll also den jungen Lesern die Pflichten eines Vizepräsidenten darlegen. Illustriert wurde das Kinderbuch von seiner Frau. 

Auch John Oliver hat nun ein Buch veröffentlicht. Der Titel: "A Day in the Life of Marlon Bundo". Der Inhalt: Marlon Bundo ist ebenfalls ein Hase und schildert genau wie in Pence Buch einen Tag in seinem Leben. Nur geht es hier nicht um Pflichten und Politik, sondern um Liebe und Gleichberechtigung. Und vor allem, um die gleichgeschlechtliche Hochzeit des Hasen von Mike Pence (SPIEGEL ONLINE).