Was geht, Deutschland?

"Kennst du Thüringer Gehacktes? Gewürztes Mett und oben drauf Zwiebeln und Saure Gurken. Ich liebe es! Oder Schmand mit Pflaumenmus. Auch ziemlich lecker." 

Wenn Milen von seinem Lieblingsbrotaufstrich erzählt, klingt es als wäre er in Thüringen groß geworden. Aber Milen stammt aus Bulgarien, aus einem kleinen Ort in der Nähe der Hauptstadt, Sofia. Seine Leidenschaft für Thüringer Gehacktes und Pflaumenmus entdeckte der 20 Jährige während eines Schüleraustauschs im thüringischen Mengelrode

Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

Obwohl ihn seine Gastfamilie nach seiner Rückkehr nach Bulgarien per Post mit Thüringer Spezialitäten versorgte, wollte Milen zurück nach Deutschland. 

Seit August 2017 lebt er nun in Hamburg und absolviert hier einen Freiwilligen Dienst bei einer Austauschorganisation, mit der er Schulklassen in ganz Deutschland besucht und Workshops zum Thema Rassismus und Migration anbietet. 


"Bevor ich nach Deutschland kam, dachte ich immer, dass die deutschen Herzen so kalt sind wie das Wetter hier", sagt Milen und lacht. "Aber Gott sei Dank stimmt das überhaupt nicht. Mir gefällt es hier." 
Trotzdem hat er sich oft eine Frage gestellt: "Weil ich es in Deutschland ziemlich kalt finde, war ich damals als Austauschschüler überrascht, dass es zum Abendessen nur Brot gab. In Bulgarien essen wir Abends immer warm. Das habe ich vermisst. Aber mittlerweile liebe ich das deutsche Brot und alles, was zu einem typisch deutschen Abendbrot dazu gehört. Die vielen verschiedenen Sorten, den Aufschnitt und die Abwechslung. Trotzdem frage ich mich, warum die Deutschen so verrückt nach Brot sind."  

Bernd Kütscher ist Bäckermeister und Direktor der Bundesakademie des Deutschen Bäckerhandwerks. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich mit Brot. Außerdem coacht er die Deutsche Bäckernationalmannschaft (ja, die gibt es wirklich), und pflegt für den Zentralverband des Deutschen Bäckerhandwerks das Deutsche Brotregister. Wir haben ihn gefragt: 

Warum essen die Deutschen so gerne Brot? 

"Brot hat eine lange Tradition. Das moderne Brot (der mit Sauerteig gelockerte Brotlaib aus dem Ofen) wurde vor etwa 6.000 Jahren von den Ägyptern erfunden und kam mit den Römern bald auch nach Europa. Schon vor 1.300 Jahren wurden in den mittelalterlichen Städten in Deutschland erste Bäckereien eröffnet. 

Ein Grund für die vielen verschiedenen Brotsorten im Land sind die unterschiedlichen Bodenbedingungen. Im Norden Deutschlands wird mehr mit Roggen gebacken und im Süden mehr mit Weizen. Auf der Schwäbischen Alb gibt es besonders viele Dinkelbrote, weil dort Dinkel wächst. 

Und die verschiedenen Brotsorten waren früher den verschiedenen Bevölkerungsgruppen vorbehalten: Weizenbrote für Könige und Adlige, Mischbrote aus feinem Mehl für vermögende Handwerker und Kaufleute. Das gemeine Volk aß grobe Vollkornbrote".

Neben dem Getreide trägt aber auch die Ausbildung zur Brotvielfalt bei. 

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Wilhelm Bruinjes ist Leiter des Europäischen Brotmuseums in Ebergötzen bei Göttingen. Die Tradition des Bäckerhandwerks in Deutschland hat zur Vielfalt und Popularität von Brot beigetragen, sagt er. 

(Bild: Wilhelm Bruinjes)

"Bis heute gehen viele Gesellen nach ihrer abgeschlossenen Lehre auf Wanderschaft. Dabei besuchen sie andere Städte und Länder. Besonders unter Lehrlingen im Getreidehandwerk ist das eine lange Tradition. Im Spätmittelalter, bis hin zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert, waren diese 'Wanderjahre' Voraussetzung, um für die Meisterprüfung zugelassen zu werden. Müller und Bäcker wanderten für ein oder zwei Jahre umher und arbeiteten in anderen Bäckereien. Von dort brachten sie neue Rezepte und Ideen zurück in ihre heimische Brotkultur. 

Außerdem eignet sich die geografische Lage Deutschlands perfekt dazu viele verschiedene Getreide anzubauen. Egal ob Roggen, Hafer oder Weizen - die klimatischen Bedingungen sind ideal für den Getreideanbau. Das spiegelt sich in dem breiten Angebot an Brotsorten wider." 

Nicht nur in Deutschland war das Mittagessen die Hauptmahlzeit des Tages und wurde mit der Familie eingenommen.

Bäckermeister Bernd Kütscher erklärt, dass bis zur Industrialisierung in den europäischen Regionen das Mittagessen ein wichtiger Punkt im Tagesablauf von Arbeiterfamilien war. "In Deutschland wurde deftige Hausmannskost serviert, die den Arbeitern der Familie Kraft für die nächste Arbeitsphase geben sollte. Am Abend war es dann nicht mehr notwendig, aufwendig zu kochen. Ein Laib Brot, Butter und etwas Aufschnitt reichten als Abendbrot

Im 19. Jahrhundert standen den Menschen dann neue Konservierungsmöglichkeiten zur Verfügung. Nun konnte Brot auch mit Marmelade oder Pflaumenmus bestrichen werden."

In den zwanziger Jahren änderten sich dann die Alltagsanforderungen der Menschen und somit auch die Esskultur. Der technische Fortschritt bedeutete weniger Belastung für die Arbeiter. Zudem kamen immer mehr Kantinen auf, in denen die Arbeiter und Angestellten auch Mittags auf der Arbeit warm essen konnten. 

Die Menschen passten ihren Speiseplan diesen Umständen an und genossen ein leichtes Abendbrot in familiärer Atmosphäre. Auch wenn sich unsere Arbeitsbedingungen und Lebensumstände wieder geändert haben, ist die deutsche Liebe zum Brot aber geblieben. Warum? 

In vielen Ländern wird Brot meist als reine Sättigungsbeilage betrachtet, die Deutschen aber schätzen ihre Backwaren als Kulturgut.

Wilhelm Bruinjes' Erklärung für den deutschen Brot-Hype: "Brot gilt als eines der bedeutendsten christlichen Symbole. Im Christentum kennt man das Brot vom letzten Abendmahl, es wird vom 'täglichen Brot' gebetet und Brot und Wasser als 'göttliche Gabe' an Mensch und Tier verehrt. Das Christentum gibt es natürlich nicht nur in Deutschland, die Getreidevielfalt und die wandernden Gesellen aber schon. All diese Komponenten machen Brot in der deutschen Kultur zu mehr als einer einfachen Sättigungsbeilage." 


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