Bild: dpa/Soeren Stache
Wir müssen reden.

An wenig erkennt man das Wutbürgertum des Deutschen mehr als am Thema Bahn. Denn was nicht pünktlich ist, ist Dreck. Und Streiks sowieso, auch wenn die ja demokratisches Recht sind. Aber der Deutsche, er versteht da keinen Spaß. Denn es darf nicht sein, was nicht fährt. 

Noch besser wird es eigentlich nur in der Bahn selbst. Da kann er endlich so richtig ausrasten, der Deutsche. Am Eindrücklichsten zeigt sich das beim Fahren mit einem mittelalten IC.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Dort gibt es alles, was den Spießbürger zur Weißglut bringt: zu enge Gänge, kaputte Toiletten, Ersatzwagen aus den Achtzigern, kaputte Sitzplatzanzeigen, kaputte Heizungen und die schwierigste aller Funktionen: eine zurückstellbare Lehne.

Und diese Lehne ist das, was jeder sich genauer anschauen sollte, der das Deutschsein verstehen möchte. Wenn man den Knopf finden will, mit der sie sich zurückstellen lässt, muss man schon mal die erste Hürde nehmen: genau hinschauen, wo am Rand des Sitzes in dieser einen Ritze der Knopf denn ist. Da muss man stark bleiben und sich sagen: Du willst aus dem unbequemen Sitz einen unbequemen Halbliegesitz machen, also reiß dich verdammt noch mal zusammen.

Wenn man ihn gefunden hat und gerade drücken will, kommt der Moment, der den Zweifel sät. Der Gutes böse macht (frei nach Iphigenie): Störe ich damit nicht denjenigen, der hinter mir sitzt? 

Und damit geht der grausame Irrsinn dann los.

Denn man muss es so sagen: Der typische Deutsche möchte sowohl Bequemlichkeit als auch Rücksichtnahme, denn unangenehm aufzufallen, wäre ja nun wirklich unerträglich. Die Lehne-Problematik ist das maximale möbelgewordene Dilemma des Spießbürgers: bekommen, wofür man bezahlt hat, aber gleichzeitig vielleicht auch freiwillig darauf verzichten wollen. 

Stellt man sie zurück, barsch und rücksichtslos, rammt man der Hinterfrau oder dem Hintermann das ausgefahrene Sitz-Tablett an die Knie oder in den Bauch. Es sei denn, es handelt sich um eine sehr dünne, sehr kleine Person, also um Kinder. Allen anderen nimmt man damit weitere 60 Prozent der gefühlten zehn Zentimeter Freiheit

Ein weiteres Problem ergibt sich aus dem vermeintlichen Nutzen dieser Aktion. Denn die um wenige Grad geneigte Rückenlehne ist so, wie die Bilder des Essens im Bordrestaurant: eine gemeine Täuschung. Man erhofft sich mehr Bequemlichkeit, erfährt aber nur eine neue Art der Unbequemlichkeit. Jeder und jede, der oder die schon einmal vier Stunden und mehr auf einem solchen Sitz verbracht hat, weiß: Eine Nacht auf einer dünnen Isomatte birgt weniger Schmerz in sich, als eine sechsstündigen Fahrt in einem IC-Sitz. Selbst mit zurückgestellter Lehne. 

So sind am Ende alle unzufrieden. Der Lehnenschieber, der jetzt auch keine bessere Position hat. Der Hintermann oder die Hinterfrau, die noch weniger Platz hat als zuvor und im schlimmsten Fall nun seinerseits oder ihrerseits die Lehne zurückstellt, um noch ein bisschen Platz zu schinden. 

So wird eine Kettenreaktion im Abteil ausgelöst, bei der nach einer Stunde endlich der süße Geruch der Verzweiflung durch die Luft flirrt, der sich mit Butterbrot-, Fast Food- und Kaffeeduft vermengt. Ein olfaktorisches Paradies.

Höher entwickelte Spießbürger wissen aber, dass das nur ein Teil des Kampfes ist. 

Da ist ja auch noch die Armlehne zwischen beiden Sitzen und die elementare Frage nach ihrem Besitz. Millionen Jahre Evolution enden an der einfachen Aufgabe, eben jene zu teilen. Der Kampf um sie kann Stunden in Anspruch nehmen und nur, wer hart bleibt, kriegt am Ende die Ellbogenstütze. Der innere Stresspegel bei 8000, aber Hauptsache gewonnen. Schließlich hat man ja für alles bezahlt. 

Und so ist ein IC-Abteil ein nahezu perfekter Ort des menschlichen Scheiterns. Gescheitert wird an einfacher Kommunikation. Daran, Sätze zu sagen wie etwa folgende:

„Ist es in Ordnung, wenn ich einen Teil der Armlehne beanspruche?“
„Entschuldigen Sie, ich würde gerne die Rückenlehne ein wenig nach hinten stellen, aber nicht lange, damit sie genug Platz haben.“

Oder auch an Rücksichtnahme und einer Eigenschaft, die gemeinhin den Deutschen nachgesagt wird: Das Bestehen auf Dingen, von denen man meint, sie stünden einem zu.

Und solange wird die Bahn Schauplatz all der Ängste, Zweifel und Sorgen des Wutbürgers sein, bis es endlich selbstfliegende Autos gibt, in denen man alleine sitzen kann. 

Denn was der oder die Deutsche noch mehr liebt als Pünktlichkeit, seine Rechte und die Korrektheit aller Vorgänge: sich möglichst wenig mit fremden Menschen auseinandersetzen. Denn das könnte ja bedeuten, dass ihm etwas weggenommen wird.  

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