Was führt zu nervtötenden politischen Debatten? Es sind die Extreme. Wenn zwei ganz weit auseinanderstehen und sich nur noch anschreien. Mit ihrer neuen Aktion sucht das Aktivisten-Kollektiv Zentrum für Politische Schönheit (ZPS) das Extrem. Sie wollen damit Rechtsradikalen schaden – aber könnten sie am Ende stärken.

Was ist passiert?

Das Zentrum für Politische Schönheit fordert dazu auf, Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Demonstration von Nazis und Rechtsextremen in Chemnitz zu denunzieren. In einem Schaufenster in Chemnitz und auf der Seite soko-chemnitz.de werden Fotos von Menschen gezeigt, die an Rechtsradikalen Aufmärschen teilgenommen haben sollen – ein Online-Pranger mit angeblich "7000 Verdächtigen".

Nun sollen Menschen ihre Arbeitskollegen, Nachbarinnen, Bekannten und Freundinnen verpfeifen und dafür ein paar Euro kassieren. Arbeitgeber erhalten auf der Seite Hinweise zu Kündigungen, beispielsweise "wegen Rufschädigung". 

Die Aktivisten schreiben: "Während normale Menschen arbeiten, treiben tausende Arbeitnehmer oder Staatsdiener Ausländer durch Chemnitz, attackieren Presse und Polizeibeamte und grüßen Hitler."

Helfen Sie uns, die entsprechenden Problemdeutschen aus der Wirtschaft und dem öffentlichen Dienst zu entfernen.
Zentrum für politische Schönheit

Handelt es sich um echte Aufnahmen aus Chemnitz? 

Die aktuellen Bilder auf der Seite stammen aus Recherchen der Aktivisten. Ob es aber tatsächlich Rechtsradikale sind oder doch Schauspieler, ist nicht zu erkennen. Doch sie gehen noch einen Schritt weiter: Menschen sollen auch ihre eigenen Fotos von angeblichen Rechtsextremen hochladen. Über eine Suchfunktion würden diese dann überprüft und mit den Recherchen abgeglichen, so die Aktivisten. 

Zum Test haben wir versucht, ein Foto hochzuladen – aber nicht abgeschickt. Es erscheint der Hinweis: 

"Ich willige ein, dass das Zentrum für Politische Schönheit das von mir angefertigte und hochgeladene Bild uneingeschränkt nutzen und darüber verfügen darf. Dies umfasst die Verbreitung, Nutzung, Bearbeitung und Weitergabe."

Man soll also erst mal Bilder schicken – egal ob darauf am Ende nur eine unschuldige Person zu sehen ist oder tatsächlich eine Person, die man dabei beobachtet hat, wie sie einen Hitlergruß zeigt. Damit kann das Zentrum für Politische Schönheit dann machen, was es will. 

Die Aktivisten wollen mit ihrem Online-Pranger eine Aufgabe übernehmen, der eigentlich der Job der Polizei ist: Die Fahndung nach mutmaßlichen Straftätern. Auf Facebook erklärten die Aktivisten, sie hätten das Kommando in Sachsen übernommen.

Fans des Aktivisten werden sagen: Rechtsextreme zu verfolgen, geht schon klar. Sie sind es schließlich, die das demokratische System gefährden, Minderheiten bedrohen, Ausländer und Presse angreifen. Wer sie enttarnt, macht ihnen das Leben schwer. Antifa-Gruppen arbeiten seit Jahren so. 

Aber stimmt der Vorwurf – ist Sachsen auf dem rechten Auge blind? Macht die Polizei ihren Job nicht? 

Ein Gericht hatte bereits kurz nach der Demonstration in Chemnitz zwei Männer zu Strafen verurteilt. (SPIEGEL ONLINE)

Was die Aktivisten veranstalten, lässt sich leicht als Aufforderung zur Selbstjustiz verstehen. 

Die Aktivisten entscheiden nun: Die Rechtsradikalen halten sich nicht an die Spielregeln der Demokratie, also tun sie es auch nicht. So wie die AfD Lehrer auf Online-Plattformen an den Pranger stellt, tun es die Aktivisten mit Rechtsextremen. Auge um Auge, wie im alten Testament.

Sie bewegen sich damit mindestens in einer rechtlichen Grauzone. Immerhin mit offenem Visier, sie stehen zu der Aktion. Aber ist sie notwendig? Die demokratischen Parteien liegen bundesweit zusammen bei mehr als 80 Prozent. Von einem Staatsversagen kann keine Rede sein, im Gegenteil: Da schwadroniert eine rechtsradikale Minderheit.

Gleiches mit Gleichem zu vergelten, kann genau das Gegenteil bewirken und diese 80 Prozent schrumpfen lassen. 

Laut ihrer Selbstbeschreibung vertreten die Aktivisten einen "aggressiven Humanismus", sie bezeichnen sich als "Sturmtruppe zur Errichtung moralischer Schönheit, politischer Poesie und menschlicher Großgesinntheit". Die Grenzüberschreitung ist Methode – wie bei Kunst oder politischer Satire.

Auch als die Aktivisten auf dem Nachbargrundstück von Björn Höcke eine Nachbildung des Berliner Holocaust-Mahnmals errichteten, gab es Kritik. Die ermordeten Juden Europas würden für eine Kunstaktion instrumentalisiert, schrieben Kommentatoren. 

Einen großen Unterschied zur neuen Aktion gibt es aber: Damals gab es keine Aufforderung, Menschen öffentlich anzuprangern. Und dieser Unterschied ist wichtig – denn damit bedienen sie sich an Unterdrückungsmethoden, die eher zu den Menschen passen, die sie eigentlich bekämpfen wollen. 


Haha

Stille Nacht, verkaterte Nacht: Das ehrliche Protokoll eines Weihnachtsmarktbesuchs

Oh du fröhliche, besinnliche Weihnachtszeit: Überall duftet es nach frisch gebackenen Plätzchen, frisch geschälter Mandarine und warm dampfendem Glühwein. Weihnachtszeit bedeutet aber auch: Brechend volle Einkaufsstraßen, völlig überlastete Paketdienste, Schneematsch in den Schuhen und der alljährliche Kampf um die besten Geschenke. Und dann gibt es da noch den Endgegner: Den Weihnachtsmarkt. 

Denn im Grunde läuft jeder Weihnachtsmarktbesuch genau gleich ab. 

Kaum bricht die viel zu frühe Dämmerung herein, ploppen auf deinem Handy drei verschiedene Whatsapp-Gruppen auf. "Na, hat wer Lust auf einen spontanen Ausflug auf den Weihnachtsmarkt?" schreibt Lisa mit einer Fülle von weihnachtlichen Emojis, von denen du nicht mal wusstest, dass sie existieren. 

Lisa ist nämlich die Person, die schon im Spätsommer die ersten Lebkuchen aus dem Wühltisch im Discounter inhaliert. "Nein Lisa, auf gar keinen Fall" denkst du dir, nur um dann mit nicht weniger Emojis zu schreiben: "Hmm, also auf ein, zwei Tassen Glühwein wär ich schon dabei!". 

Du fragst dich, wieso du schon wieder zugesagt hast – aber irgendwie willst du dieses traute Weihnachtsfeeling ja schon mal wieder erleben.

Schon auf dem Weg zum weihnachtlichen Happening bist du genervt von den überdurchschnittlich vielen Leuten, die sich mit dir in die U-Bahn quetschen und heute mal – ganz individuell – ihre Nikolausmütze aufgesetzt haben. Voll Vorfreude schnattern Kolleginnen und Kollegen über das ach so tolle Meeting am Nachmittag, das sie jetzt mit drei bis fünf Litern Glühwein vergessen möchten. Eigentlich geht es dir ja nicht anders.

Du kommst an, Lisa und ihren Freund erkennst du schon von weitem, denn sie tragen beide den gleichen weihnachtlichen Strickpulli. 

"Fröhliche Weiihnachteeeeen" kreischt sie dir in einer Stimmlage entgegen, bei der so manche Glühweintasse zerspringt. Eigentlich findest du sowas affig, aber irgendwie freust du dich jetzt schon ein bisschen auf den Abend.