Bild: Sebastian Willnow/dpa
Vier Fragen und vier Antworten zu den Geschehnissen in Chemnitz

Hunderte Rechtsextreme sind am Sonntagnachmittag nach dem gewaltsamen Tod eines 35-Jährigen durch Chemnitz gezogen. Dabei soll es zu Rangeleien und Übergriffen auf Migrantinnen und Migranten gekommen sein. Die Stadt beendete daraufhin das Stadtfest. Die Polizei schien überfordert zu sein. 

Update, Montag, 15:28 Uhr:

  • Es wurden Haftbefehle gegen zwei Tatverdächtige wegen gemeinschaftlichen Totschlags in Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt auf dem Stadtfest in Chemnitz erlassen: Ein 23-jähriger Syrer und ein 22 Jahre alter Iraker wurden dem Haftrichter vorgeführt. Die Ermittlungen zum Tatmotiv, zum genauen Ablauf der Tat und zur Tatwaffe dauern an, hieß es bei der Staatsanwaltschaft.
  • Abgeordnete der SPD, AfD und CDU in Sachsen warnen vor Selbstjustiz: "Ich appelliere an alle anständigen Sachsen: Wehren wir uns dagegen, dass rechte Populisten und Extremisten die Gunst der Stunde nutzen, um gegen Ausländer zu hetzen", sagte SPD-Ostbeauftragter Dulig in Chemnitz.
    Sächsische Abgeordnete der AfD-Bundestagsfraktion verurteilten die "Gewaltexzesse" in Chemnitz und rufen die Bürger der Stadt zur Besonnenheit auf, zeigen aber auch Verständnis für die Wut: Sachsens AfD-Vize Siegbert Droese sagte: "Wie das unter Umständen zustande gekommen sein soll, der Tathergang, also mit allen Spekulationen, dass es vielleicht den einen oder anderen zur Unvorsichtigkeit verleitet, das kann ich durchaus nachvollziehen."
    Der sächsische Regierungschef Michael Kretschmer von der CDU sagte: "Es ist widerlich, wie Rechtsextreme im Netz Stimmung machen und zur Gewalt aufrufen. Wir lassen nicht zu, dass das Bild unseres Landes durch Chaoten beschädigt wird."

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Was ist in Chemnitz genau passiert?

  • Über soziale Netzwerke sollen sich Rechtsextreme nach dem Todesfall zu einem Marsch verabredet haben. (Mitteilung der Polizei)
  • Wie lokale Medien berichten, sollen die Demonstrantinnen und Demonstranten gegen Ausländerkriminalität protestiert und Sprüche wie "Wir sind das Volk" gerufen haben. (Freie Presse Chemnitz) Darunter sollen auch rechte und gewaltbereiten Fußballfans gewesen sein. 
  • Wie die "Freie Presse" berichtet standen zweitweise 800 Personen im Stadtzentrum etwa 50 Polizisten gegenüber. "Das war in der Situation nicht ausreichend", sagte eine Polizeisprecherin dem SPIEGEL.
  • Die Stadt beendete das Stadtfest, nachdem es zu Rangeleien und Übergriffen kam. Ursprünglich hatte die Stadt den Abbruch mit der tödlichen Messerattacke begründet, "aus Pietätsgründen" und als Zeichen der Anteilnahme gegenüber den Angehörigen. 
  • An den Auseinandersetzungen sollen gewaltbereite Rechte und Linke beteiligt gewesen sein.
  • Wie der freie Journalist Johannes Gruhnert berichtet, sollen die Anhänger der rechten Szene in der Nähe der Chemnitzer Zentralhaltestelle plötzlich losgesprintet sein. "Sie sind auf jeden losgestürmt, der nicht deutsch aussah." Eine Gruppe von ausländisch aussehenden Menschen sei mit Flaschen attackiert worden, habe aber flüchten können. (SPIEGEL ONLINE)

Laut der Polizei hatte es am Sonntag zunächst einen Aufruf der AfD für eine Demonstration gegeben. Dafür hätten sich gegen 15 Uhr – vor dem Marsch, der eskalierte – etwa hundert Menschen versammelt. Hier sei alles friedlich geblieben. (SPIEGEL ONLINE)

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Wieso starb ein 35-Jähriger?

  • Der 35-Jährige war in der Nacht zum Sonntag nach dem Chemnitzer Stadtfest bei einem Streit ums Leben gekommen. (Mitteilung der Polizei Chemnitz)
  • Zwei weitere Menschen im Alter von 33 und 38 Jahren wurden verletzt, zum Teil schwer. Alle drei sind laut den Ermittlern Deutsche. 
  • Bei dem Streit sollen Messer zum Einsatz gekommen sein. Wie die Nachrichtenagentur dpa berichtet, sollen an dem Streit Menschen mit mehreren Nationalitäten beteiligt gewesen sein. 
  • Die Polizei nahm zwei 22 und 23 Jahre alte Männer vorläufig fest, die sich vom Tatort entfernt hatten.

Videos auf Twitter zeigen Übergriffe auf Migranten.

In einem Video ist zu sehen, wie eine Gruppe von Männern zwei dunkelhaarigen Männern hinterherläuft und nachtritt. Aus der Gruppe sind Rufe zu hören: "Haut ab" und "Ihr seid hier nicht willkommen". Ob die Videos wirklich aus Chemnitz stammen, ist nicht sicher.

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Wie reagierte die Oberbürgermeisterin?

"Wenn ich sehe, was sich in den Stunden am Sonntag hier entwickelt hat, dann bin ich entsetzt", sagte Barbara Ludwig dem MDR

"Dass es möglich ist, dass sich Leute verabreden, ansammeln und damit ein Stadtfest zum Abbruch bringen, durch die Stadt rennen und Menschen bedrohen – das ist schlimm." ​
Barbara Ludwig

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Wie geht es jetzt weiter?

In Chemnitz bekunden derzeit Stadt und Polizei, die Geschehnisse genau aufarbeiten zu wollen. Die gesamte Nacht über waren verstärkt Einsatzkräfte im Stadtgebiet unterwegs. "Es war ruhig. Es gab keine besonderen Ereignisse in der Nacht", sagte ein Sprecher der Polizei.

Derzeit würden vier Anzeigen bearbeitet, darunter seien zwei wegen Körperverletzung, eine wegen Bedrohung sowie eine wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Bisher hätten zwei Menschen – ein Deutscher und ein Syrer – Anzeige wegen Körperverletzung erstattet, sagte eine Polizeisprecherin zum SPIEGEL. Eine weitere Person bulgarischer Nationalität habe Anzeige erstattet, weil sie bedroht worden sei. 

Für Montagabend sind weitere Demonstrationen angekündigt – gegen Nazis.

Mit Material von dpa


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