Bild: dpa / Monika Skolimowska
Unser Reporter berichtet von den Demonstrationen

Chemnitz kommt nicht zur Ruhe. Knapp eine Woche ist seit dem Mord an Daniel H. vergangen. Seitdem kam es hier beinahe täglich zu Demonstrationen. Die blieben selten friedlich. Angriffe auf Migranten wurden dokumentiert, genau wie Angriffe auf Journalisten. Innerhalb weniger Tage wurde die sächsische Stadt zum ostdeutschen Schandfleck erklärt. Wie war das Bild am Samstag?

Gleich zwei rechte Demos waren geplant: eine organisiert vom Bündnis "Pro Chemnitz", eine andere von der rechtspopulistischen AfD. Thüringens AfD-Chef Björn Höcke mobilisierte auf Facebook persönlich dafür. 

Ein "Schweigemarsch" sollte es werden – keine Symbole, außer Deutschlandfahnen, und nur dunkle Kleidung wurden angeordnet. Mit diesem Bild sollte nicht nur dem am vergangenen Sonntag gestorbenem Daniel H., sondern einer ganzen Reihe Ermordeten gedacht werden.

Auch Björn Höcke (Mitte), Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, nahm an der Demonstration von AfD und dem ausländerfeindlichen Bündnis Pegida teil.

(Bild: dpa / Ralf Hirschberger)


Um erneute Ausschreitungen zu verhindern, organisierte sich die Polizei 1800 Beamte aus dem gesamtem Bundesgebiet. Ein lokales Fußballspiel musste abgesagt werden, weil nicht genug Einsatzkräfte zur Verfügung standen. Sie wurden für die laut eigenen Polizeiangaben etwa 9500 Menschen gebraucht, die in Chemnitz protestieren wollten.

3500 davon kamen allein zur Demo "Herz statt Hetze", organisiert von dem Bündnis "Chemnitz Nazifrei". Dort war Lärm statt Stille angesagt: Spontan kündigten sich die Bands Madsen und Egotronic an, auf einer kleinen Bühne für die Teilnehmer zu spielen. Während der AfD-Schweigemarsch aufgrund organisatorischer Schwierigkeiten über eine Stunde lang nicht vom Fleck kam, wurde vor der Bühne gefeiert.

So richtig still wurde es bei der AfD nicht. Bevor sich der Marsch endlich in Bewegung setzte, wurden die Teilnehmer ungeduldig, riefen mehrfach "Laufen! Laufen!" und "Wir sind das Volk!". 

Anhänger von AfD, Pegida und "Pro Chemnitz" mit Deutschlandfahne

(Bild: dpa / Zentralbild)


Immer wieder musste der Sprecher auf dem Lautsprecherwagen wie ein Klassenlehrer zur Ordnung mahnen: "Ja, das sind wir, aber bitte bewahrt jetzt Disziplin!"

Bei "Herz statt Hetze" machte man es sich derweil auf der Straße gemütlich. Die Demonstranten wollten die angemeldete Demo-Route des AfD-Marsches blockieren. Das gelang auch. Große Mühe mussten sie sich dafür aber nicht geben. Schon kurz, nachdem Egotronic ihre letzten Akkorde verhallen ließen, vermeldete ein Sprecher, dass die rechte Demo ihre geplante Route aus Sicherheitsgründen nicht laufen könne und der Marsch nun aufgelöst sei. 

Punktsieg für die, die Herzen statt Hetze verteilten. 

Die Blockierenden jubelten und klatschten. Ein Teilnehmer sagte lächelnd: "Das war ja einfach." Dann folgten Sprechchöre: "Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda! Whose City? Our City!"

Während auf der AfD-Seite fast ausschließlich Männer mittleren Alters marschierten, kamen bei "Herz statt Hetze" vor allem junge Menschen, viele Kinder und vereinzelt ein paar Senioren zusammen. Ein Kind fragte seinen Vater: "Wo sind denn nun die Nazis?" Die Antwort: "Hier sind sie nicht, hier sind die Gegen-Nazis!" 

Teilnehmer der Kundgebung von "Chemnitz Nazifrei": "Hier sind die Gegen-Nazis!"

(Bild: dpa / Monika Skolimowska)


Auf der anderen Seite waren die wummernden Bässe von Madsen und Egotronic – trotz des Lärms von Hubschraubern, Reiterstaffeln und etlichen Einsatzwagen – immer wieder deutlich zu hören.

Viele waren aus den umliegenden Städten Dresden und Leipzig, aber auch aus Berlin angereist, teils in gemieteten Bussen und übervollen Regionalbahnen. 

Trotz der bunten Schilder und Kostüme wurde das Stadtbild in der Dämmerung unheimlich. Chemnitz blieb weiträumig abgeriegelt. Räumpanzer und Wasserwerfer waren bis in die Nacht vor Ort. Wer kommen und gehen wollte, musste die von der Polizei vorgegebenen Routen nehmen.

Teilnehmer der Demonstration von AfD, Pegida und "Pro Chemnitz" versuchen, das Plakat am Karl-Marx-Denkmal abzunehmen. 

(Bild: dpa / Boris Roessler)

Das Stadtwahrzeichen, der Karl-Marx-Kopf, musste viel mit ansehen an diesem Tag. Erst wurde er mit einem Banner dekoriert, auf dem "Chemnitz ist weder grau noch braun" stand. Spät am Abend war die untere Hälfte des Plakates abgerissen. Im Dunkeln, bei flüchtigem Blick, las sich der Spruch dann so: "Chemnitz ist wieder grau." 

Die vielen der fast 250.000 Einwohner, die hier gestern weder auf der einen, noch auf der anderen Seite demonstrieren waren – vielleicht wünschen sie sich das sogar.


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