Der Roman und der darauf basierende Film "Die Welle" sorgen seit den Achtzigern immer wieder für Aha-Erlebnisse in Klassenräumen. Die Geschichte des Lehrers, der seiner Schulklasse mit einem Experiment die Überzeugungskraft des totalitären Nazi-Regimes erklären will und dann die Kontrolle verliert, rüttelt auf. 

Aber: "Die Welle" schaut zurück, während heute überall auf der Welt neue autoritäre Systeme entstehen, mit neuen Überwachungs- und Lenkungsmöglichkeiten. Zum Beispiel in China, dem Land, das gerade dabei ist, ein Scoring-System einzuführen. Bürgerinnen und Bürger sollen mit Punkten bewertet werden: Wer sich kritisch äußert oder nur bei rot über die Straße geht, wird abgewertet. Mit teils drastischen Folgen: etwa Reiseverbote oder Sperren für Beförderungen im Job. (bento)

Die Frage, die sich viele beim Lesen solcher Nachrichten stellen, ist: Warum lassen Menschen das mit sich machen?

Die Antwort darauf suchte auch die 30-jährige Deutschlehrerin "Frau Schiller"*, die auf Twitter von einem Experiment berichtet. In ihrem Leistungskurs der 11. Klasse an einer Brandenburger Schule führte sie ein solches Punktesystem ein und zeigte den Schülerinnen und Schülern parallel dazu eine Folge der britischen Sci-Fi-Serie "Black Mirror". In der Episode "Abgestürzt" wird diese Idee des sozialen Punktesystems nämlich komplett durchgespielt. 

So lief das "Black Mirror"-Experiment im Unterricht ab:

  • Zuerst wurde die Klasse nach Noten sortiert. "Einser" saßen vorne und genossen Vergünstigungen, etwa kostenlose Stifte und gutes Papier. "Vierer" saßen hinten und bekamen nichts. 
  • Dann wurden Sachtexte zu modernen Medien bearbeitet. Wer gut mitarbeitete, bekam Bonuspunkte und rückte nach vorne auf, wer nicht gut mitarbeitete, rutschte nach hinten ab. 
  • Dann zeigte die Lehrerin den Schülerinnen und Schülern die erste Hälfte der "Black Mirror"-Episode: 

Die Klasse hatte dazu eine zwiegespaltene Meinung, berichtet Frau Schiller. Wenige konnten sich vorstellen, dass ein solches System wirklich umgesetzt werden könnte, weil Bürgerinnen und Bürger dagegen demonstrieren würden. Zum Ende der Stunde gab die Lehrerin eine freiwillige Hausaufgabe: Schülerinnen und Schüler können in ihrer Freizeit Bonuspunkte sammeln, etwa durch Mithilfe im Haushalt, Gassigehen mit dem Hund oder freundliches Grüßen der Lehrkräfte. "Die Hausaufgabe wurde belächelt", berichtet Schiller. Denn: "Meine Schüler sitzen sonst am liebsten so weit hinten wie möglich."

bento per WhatsApp oder Telegram

Am nächsten Morgen gibt es eine Überraschung: 

Nico, der als einziger keine Bonuspunkte sammeln wollte, wurde bestraft. Sein Stuhl wurde vor die Tür gestellt, er musste vom Flur aus dem Unterricht folgen. Als er sich wehrte, ergriffen die anderen Schülerinnen und Schüler die Seite von Frau Schiller und wiesen Nico zurück. Der Grund: "Er würde den Unterricht gefährden", sagte Schiller. 

In "Black Mirror" verstellen sich die Menschen, um besser bewertet zu werden. Schon jetzt begannen die Schülerinnen und Schüler aus der Klasse von Frau Schiller, es ihnen gleich zu tun. 

Nach nur einem Tag adaptierte die Klasse das System, was sie vorher abgelehnt hatte. Als die Klasse die Erfahrungen des vergangenen Tags diskutierte, meldeten sich die Schülerinnen und Schüler lächelnd. "Gruselig!" findet Lehrerin Schiller. Als Nico einen Fuß über die Türschwelle schob, ermahnten ihn Klassenkameraden. 

An diesem Punkt löste die Lehrerin das Experiment auf und zeigte auf, wo so etwas hinführen kann. 

Ihr Fazit ist bedrückend: 

Ein Leistungskurs voller cleverer, fast erwachsener Menschen ließ sich – sicherlich auch mir zuliebe – innerhalb von 24h in ein System drängen, das sie von Beginn an falsch fanden. Die Schüler haben (hoffentlich) ihre Lektion gelernt.
Frau Schiller

Auf Twitter kommt das system- und medienkritische Experiment gut an. Viele freuen sich, dass motivierte Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler ernst nehmen und mit aktuellen Inhalten und Ansätzen experimentieren. 

bento hat mit der Brandenburger Lehrerin über das Experiment gesprochen. 

Frau Schiller, wie haben das Kollegium und die Eltern der Kinder reagiert? 

"Es kam viel positives Feedback. Mehrere Kolleginnen haben meine Unterrichtsplanung bereits für ihren Kurs genommen. Ich habe mich auch selbst für meine jetzige Schule entschieden, da das Kollegium jung ist und der Direktor genau solche Projekte unterstützt, die das 'selbst denken' und die Mündigkeit der Schüler fördern.

Da die Schülerinnen und Schüler zu Hause aufräumten und sich dann Punkte auf den Arm malten, kamen natürlich interessierte Elternfragen. Ihnen gefiel die Idee gut. Zwei Mütter haben die Folge inzwischen geschaut."

Machen Sie solche Experimente öfter? 

"Jein. Ich habe - wie jeder Lehrer - einen Rahmenplan, in dem ich mich bewege. Es gibt also auch 'normale' Stunden zu Epikanalyse oder Evolution. Ich lege aber sehr viel Wert auf die Schüler- und Zukunftsorientierung, weswegen ich immer versuche, meine Schüler in den Bann zu ziehen. Bisher kann ich damit punkten. Das Thema passt aber auch perfekt in die Sequenz 'Medien und Medienkritik'."

Unsere wichtigste Erkenntis war: Nico ist der wahre Held der Geschichte. Ist er immer so ein Revoluzzer? Oder hat er die Hausaufgaben nur vergessen?  

"Nico hat einen Dickkopf, sagt seine Meinung, hat immer das letzte Wort. Mit dieser Art Schüler hat man als Lehrer im Leistungskurs gewonnen, weil immer spannende Debatten entstehen können. Er ist fleißig und clever, besucht gern Demos in Berlin, organisiert fast alles in seinem Jahrgang für das Abitur. Er hat sich bewusst gegen das Punktesammeln entschieden." 

Das hätte ja auch schief gehen können. 

"Ich hatte zu Beginn die Befürchtung, dass er das Projekt direkt boykottiert und andere mit auf den Zug aufspringen. Vor allem, weil ich dachte, dass er das Ende der Folge kenne. Darauf war ich vorbereitet. Dass er dann am nächsten Tag der einzige Schüler ohne Punkte war, war perfekt für das Übermitteln der Lektion. Plötzlich war der beliebte Junge außen vor. In der Reflexion war er wieder stark, zog Parallelen zum chinesischen System und ging als Held aus der Stunde hervor. Der Stolz war ihm anzusehen. Es sei ihm mehr als gegönnt."

Wir danken für das Gespräch – und nehmen uns vor, wie Nico zu sein. 

Was denkst du? 

*Zur Recherche: bento hat nach den Tweets mit der Person hinter dem Twitter-Account ein schriftliches Interview geführt. Der volle Name der Lehrerin ist der Redaktion bekannt. Aus Anonymitätsgründen wollte sie uns den Namen der Schule nicht nennen. Wir stützen uns bei der Darstellung auf ihre Aussagen. 

Mit der Idee ist "Frau Schiller" übrigens nicht alleine. In den USA und Kanada gibt es einige Lehrkräfte, die unterschiedliche Black Mirror Episoden im Unterricht an Schulen und Unis einsetzen. Hier und hier berichten sie unter anderem davon. 



Grün

Vom Trump-Shutdown sind auch Nationalparks betroffen – und Besucher verwüsten sie

Weil Teile der US-Regierung lahmgelegt sind, fehlen in den Nationalparks nun Mitarbeiter – mit verheerenden Folgen. Dabei sind die größer werdenden Müllberge noch ein kleines Problem: Im Joshua-Tree-Nationalpark in Kalifornien begannen Besucher mit Autos durch die unberührte Natur zu fahren, besprühten Felsen und fällten sogar Bäume. (Vox.com)

Acht Nationalpark-Ranger sind aktuell noch vor Ort – doch der Park im Süden Kaliforniens ist größer als das Saarland.

Unmöglich für die Ranger, die Kontrolle zu behalten, auch wegen der vielen Besucher. Jährlich sind es vier Millionen, aktuell düften es aufgrund der fehlenden Eintrittsgebühren überdurchschnittlich viele sein. Denn während die Campingplätze wegen überfüllter Toiletten bereits seit einer Woche geschlossen sind, blieben die Schranken an den Zufahrtswegen offen. Personal, welches die 30 Dollar Eintrittsgeld kassieren kann, fehlt schlichtweg. (Tagesschau)

Freiwillige Helfer und die verbliebenen Nationalpark-Ranger berichten seitdem von chaotischen Zuständen. Joshua-Tree-Aufseher David Smith sagte dem "National Parks Traveler", Besucher hätten mit ihren Fahrzeugen neue Wege in die unberührte Natur gefahren, zahlreiche seien zu einem besonders beliebten Baum gefahren, um dort wild zu campen. Um neue Wege zu schaffen, wurden nach seinen Angaben sogar einige Bäume gefällt.