Ein Mann macht beim Karneval einen Witz darüber, dass Frauen manchmal lange, unaussprechliche Doppelnamen haben. Davor sollten sie Standesbeamte schützen, findet er. Statt eines solchen Doppelnamens sollten sie sich dann lieber dem Mann unterordnen, suggeriert der Mann. Einer Frau gefällt das nicht. Sie steigt zum Mann auf die Bühne, macht ihm deutlich, dass ja auch der Kerl auf seinen Nachnamen verzichten könne.

So passierte es am Wochenende in Köln, als Comedian Bernd Stelter seine Büttenrede hielt – und Gegenwind in Sachen Gleichberechtigung bekam.

Die Geschichte könnte hier vorbei sein – Doppelnamen-Witze kann man lustig finden, den Standpunkt der Frau kann man richtig finden. Die Reaktionen im Netz zeigen allerdings: So einfach ist es leider nicht. 

Die Frau wird nun im Netz für ihre Aktion angefeindet. Gab es auf Twitter zunächst Beifall und viel Lob für ihre mutige Bühnenbesteigung, wird unter #steltergate nun vor allem gepöbelt. Tenor: Stell dich nicht so an, ist nur lustig.

Weitaus ernster: Die Frau arbeitet selbstständig als Steuerberaterin – nun tobt um ihr Unternehmen ein Bewertungskampf.

Trolle – wohl vor allem Männer – die ihr eins auswischen wollten, spürten ihr Unternehmen im Netz auf. Unter anderem bei Google, Yelp und Cylex vergaben sie möglichst wenig Sterne und verfassten negative Bewertungen. In den Kommentaren steht dann: "Versteht den Kölner Karneval nicht. Sollte besser zu Hause bleiben" oder "Bierernst und komplett frei von Ironie, Humor und Freude. Neigt aber dann doch zu impulsiven Handlungen und tickt gerne mal aus. Einen Stern extra für die kecke Matrosenmütze!"

Seit Samstag gibt es auf ihren Unternehmensprofilen jede Menge neue Bewertungen. Die beziehen sich aber alle auf ihre Aktion beim Karneval, nicht auf die Qualität ihrer Arbeit. Der Google-Eintrag war am Montag schließlich gelöscht, andere Plattformen sind noch verfügbar.

Unterstützerinnen und Unterstützer der Frau bemerkten das – und riefen ebenfalls zum Bewerten auf. Dann aber mit voller Punktzahl:


Das Problem: Solche Aktionen können die Existenz gefährden. Und das hat mit einem mehr oder minder guten Karnevalswitz nichts mehr zu tun. Wer in einem halben Jahr eine Steuerberaterin in Weimar sucht, wird vielleicht eher nicht das Büro von Möller-Hasenbeck wählen. Nur schlechte Bewertungen, viele fiese Kommentare. Wer erinnert sich da noch an diese Karnevalssache?

Das zeigt einerseits, mit wie viel Gegenwind Frauen rechnen müssen, wenn sie einmal darauf hinweisen, dass manche Witze für sie weniger lustig sein könnten. Generell müssen Frauen sich auf stärkere Reaktionen einstellen, wenn sie sich beispielsweise in sozialen Netzwerken äußern (Tagesspiegel). 

Und es zeigt andererseits ein grundlegendes Problem von Bewertungstools wie Yelp und Google auf: Wirklich seriös sind sie alle nicht, eher eine Plattform für Frust und Emotionen.

Hier mal gegen das eine Haar auf dem Hotelbett pöbeln, dort eine Sehenswürdigkeit als zu alt und brüchig abstufen, da die stinknormale Pizza zum chemischen Kampfstoff erklären: Im Netz fühlen wir uns unantastbar und werden zum radikalen Kritiker. Um Objektivität geht es dabei nicht. Eher um möglichst harte Worte.

Das ist weder gerecht noch hilfreich. Und im schlimmsten Fall – wie nun bei der betroffenen Frau – geschäftsschädigend

Google, Yelp oder TripAdvisor könnten was dagegen tun: Bewerten sollte nur, wer nachweisen kann, dass er ein Restaurant, ein Geschäft, eine Arztpraxis wirklich besucht hat. Aber das würde bedeuten, auf viele Kommentare und Klicks zu verzichten – also auf zornige Interaktion. Und die ist den Bewertungsportalen im Zweifel mehr wert als Seriösität.


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