Bild: Paul Zinken/dpa

Obdachlose in Berlin sollen ab kommenden Winter nicht mehr nachts in U-Bahnhöfen schlafen dürfen. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bestätigten auf Anfrage von bento, dass die BVG dies diskutiere. Die "Berliner Morgenpost" hatte zuerst darüber berichtet.

In den vergangenen Jahren ließ die BVG im Winter zumindest zwei U-Bahnhöfe für Obdachlose Tag und Nacht offen, um Obdachlose, die keinen Schlafplatz finden, vor dem Erfrieren zu retten. Doch damit soll jetzt Schluss sein.

Warum dürfen Obdachlose nicht mehr in den Bahnhöfen übernachten?

Eigentlich sind die sogenannten "Kältebahnhöfe" in Berlin Tradition. In den letzten Jahren hatten diese Bahnhöfe auch unter der Woche 24 Stunden geöffnet. Im vergangenen Jahr waren es die Stationen Südstern und Lichtenberg

Doch das sei nicht mehr umsetzbar, erklärt der Sprecher der BVG, Markus Falkner, dem rbb. Die Situation habe sich im vergangenen Winter zugespitzt. "Eigentlich waren die Nachtbahnhöfe seit 15 Jahren ein eingespieltes System. Seit letztem Jahr ist es aber so, dass statt vier bis acht auf einmal mehrere Dutzend Menschen in den Bahnhöfen waren. Das war eine sprunghafte Entwicklung", so Falkner zu bento. 

Teilweise seien die Obdachlosen stark alkoholisiert gewesen oder hätten unter Drogeneinfluss gestanden. Somit hätte die Sicherheit auch dieser Personen nicht mehr gewährleistet werden können. "Bei so vielen Leuten gibt es natürlich auch Konflikte. Wir hatten sogar einen Fall, da sind Personen ins Gleisbett gefallen. Das ist lebensgefährlich." 

Das Problem sei, dass auch nachts der Starkstrom im Gleisbereich eingeschaltet bliebe, da dies nötig sei, um Wagen zu rangieren und Bauarbeiten abzuwickeln, sagte Falkner dem rbb. 

Ist das der einzige Grund?

Nein. Die BVG begründet weiter: "Unsere Kundinnen und Kunden haben einen Anspruch darauf, dass sie morgens in einen Bahnhof kommen, der sich in einem vertretbaren Zustand befindet", umschreibt Falkner es im Interview mit dem rbb

Dies könne nicht garantiert werden, wenn teilweise mehrere Dutzend Obdachlose in den Stationen die Nacht verbringen und unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stünden. 

Welche Reaktionen gibt es auf die Entscheidung?

Kritik kommt besonders von der Politik. Thomas Seerig, sozialpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, nennt die Entscheidung dem rbb zufolge "nicht nachvollziehbar". Die Gefahr des Stroms im Gleisbett und auch hygienische Probleme habe es schon in den vergangenen Jahren gegeben. Beides habe die BVG bislang nicht von der Öffnung der Kältebahnhöfe abgehalten

Die Caritas schließt sich der Kritik an: Die Bahnhöfe in Winternächten nicht zu öffnen, sei ein Ausdruck zunehmender sozialer Kälte und grenze Menschen am Rand weiter aus. Die Berliner Vorsitzende des Wohlfahrtsverbands, Ulrike Kostka, forderte die BVG auf, ihre Entscheidung zu überdenken, berichtet der rbb.

Wo sollen die Obdachlosen stattdessen übernachten?

Die BVG betonte, sie sei sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst und werde niemanden im Winter einfach in die Kälte schicken. Es sei möglich, Obdachlosenunterkünfte anzurufen, die die Obdachlosen mit dem Auto abholen. Falkner betonte im Gespräch mit bento allerdings: "Wir wollen diese Leute nicht einfach raußschmeißen. Trotzdem ist ein Bahnhof keine menschenwürdige Unterkunft. Es ist ein letzter Notnagel."

Außerdem gebe es keinen Bedarf mehr für Kältebahnhöfe, da Berlin in den vergangenen Jahren die Plätze in Obdachlosenunterkünften von 500 Plätzen auf über 1.200 ausgebaut habe, argumentiert die BVG dem rbb zufolge. 

Update 18.09.2018, 9 Uhr: In einer früheren Version des Textes legte unsere Darstellung nahe, dass die endgültige Entscheidung über ein Übernachtungsverbot für Obdachlose in den U-Bahnhöfen bereits gefallen ist. Das ist nicht der Fall. Die BVG betont, dass es eine aktuelle Überlegung ist. Wir haben das entsprechend konkretisiert. 


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