Bild: © Frédéric Batier/X Filme 2017
Das hat es mit der Krankheit von Kommissar Gereon Rath auf sich

Der Kommissar Gereon Rath liegt neben der Kloschüssel, krümmt sich. Sein ganzer Körper zittert. Urin durchtränkt seine Hose. Er ist ein gebrochener Mann im Kampf mit seinen Erinnerungen. Erinnerungen an die schrecklichen Kriegstage des Ersten Weltkrieges, an Blut, an Leichen.

Rath ist die Hauptfigur in Deutschlands bislang teuerster Serie "Babylon Berlin", die seit Freitag auf Sky zu sehen ist. Rath, ein ehemaliger Soldat, arbeitet zu Zeiten der Weimarer Republik bei der Sitten-Polizei in Berlin, hat es mit Prostituierten und Pornoproduktionen zu tun. (bento)

Als sich ein Verdächtiger vor seinen Augen erschießt, bricht Rath auf der Toilette zusammen. Erst nachdem er Morphium schluckt, beruhigt er sich wieder. "Kriegszittern" nannte man dieses Trauma in den Zwanzigerjahren. 

Was hat es mit der Krankheit auf sich?

Heute sprechen Ärzte und Psychologen nicht mehr vom Kriegszittern sondern von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD). Unter der psychischen Krankheiten leiden häufig Soldaten, wenn sie aus Kriegs- und Krisengebieten zurückkehren.

"Typisch sind Schlafstörungen. Patienten wachen mitten in der Nacht auf, weil sie sich an Kriegsszenen erinnern", erklärt Isabella Heuser. Sie ist Direktorin der Klinik und Hochschulambulanz für Psychologische Medizin. Auch tagsüber überkämen Betroffene diese Bilder. 

"Jemand, der unter posttraumatischen Belastungsstörungen infolge von Kriegserlebnissen oder Unfallfolgen leidet, beschreibt immer wieder sehr genau, wie er zerstückelte Körperteile oder zerfetzte Leiber vor sich sieht."

Die Symptome von "Kriegszittern":

  • Betroffene leiden häufig unter Herzrhythmus-Störungen, erhöhtem Herzschlag, sie verlieren ungewollt die Darm-oder Blasenkontrolle – oder fangen plötzlich an, zu zittern. So entstand auch nach dem Ersten Weltkrieg der Begriff "Kriegszittern".
  • Diese sogenannten autonomen Störungen oder Übererregbarkeit treten vor allem auf, wenn Betroffene getriggert werden. "Oft sind es zum Beispiel Gerüche. Wenn etwas angebrannt riecht, erinnert sich derjenige an verbranntes menschliches Fleisch", sagt Heuser. "Sehr viel Adrenalin steigt in den Erkrankten auf. Sie wollen vor ihren Kriegserlebnissen fliehen, können es aber nicht. So entstehen die Symptome."

Darum geht es in der Serie

Warum trat das Kranksheitsbild vor allem während und nach dem ersten Weltkrieg auf?

Der Erste Weltkrieg war der erste Massenvernichtungskrieg: Maschinengewehre und Giftgas kamen zum Einsatz. Tausende Bomben fielen vom Himmel, Kanonen zerstörten Bunker, es standen sich so viele Soldaten gegenüber wie nie zuvor. (Süddeutsche Zeitung) Allein in den ersten Grenzschlachten zwischen dem 20. und 25. August 1914 starben allein auf französischer Seite rund 40.000 französische Soldaten, das heißt, durchschnittlich etwa 8000 Männer pro Tag. (Bundeszentrale für Politische Bildung)

"Diese schiere Masse an Kriegsgerät und Toten war neu", sagt Heuser. Das hätten viele Soldaten nicht verarbeiten können, erklärt sie. "Es gab viele Soldaten, die mit Begeisterung in den Krieg gezogen ist. Die schreckliche Realität hatten sie nicht erwartet."

  • Zu wissen, welche schockierenden Momente auf einen zukommen können, bedeute aber nicht, auch vor einer posttraumatischen Belastungsstörung gefeit zu sein. "Das sieht man zum Beispiel am Afghanistan Einsatz. Viele Bundeswehrsoldaten meldeten sich freiwillig dafür, wussten worauf sie sich einlassen. Trotzdem gibt es Patienten mit einer PTSD", sagt Heuser. 

Wieso war es für die Gesellschaft schwierig, Kriegstraumata zu akzeptieren?

Anfang des 20. Jahrhunderts herrschte ein viel größerer Patriotismus und Kriegsfreudigkeit als heute. "Wer mit einem psychischen Leiden zurückkehrte, dem wurde häufig mangelnde Vaterlandsliebe vorgeworfen. So jemand galt als feige, schwach, nicht männlich genug", erklärt Heuser. 

"Traten die Symptome während des Kriegseinsatzes auf, hieß es häufig: 'Mach mal zwei Wochen Urlaub und komm dann wieder.'" Das Bewusstsein für die Schwere einer solchen Krankheit, sei damals nicht vorhanden gewesen.

Die Folge: Viele Soldaten und Offiziere versuchten die Zitterkrankheit zu vertuschen. Sie wollten nicht stigmatisiert oder bemitleidet werden. 

"Einige kehrten auch übereifrig in den Krieg zurück", sagt Heuser. "Sie sehnten den eigenen Tod herbei, einen Heldentod, um die psychischen Schmerzen nicht mehr ertragen zu müssen." Heute spricht man bei diesem Phänomen über "Suicide by cop".

Welche Behandlungen gab es damals – welche heute?

Heute gelten sie als Drogen, damals kamen sie zum Einsatz, um die Psychosen zu bekämpfen: 

  • Barbiturate: Ursprünglich wurde die Substanz als Schlafmittel eingesetzt. Sie geriet dann aber später in Verruf, weil sie leicht abhängig machte und zu Vergiftungen oder dem Tod führte. Zum Beispiel soll Marilyn Monroe an einer Überdosis Barbituraten gestorben sein. In Ausnahmefällen wird es heute nur noch von der Anästhesie verwendet, erklärt Heuser.
  • Morphin beziehungsweise Heroin: In den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts wurden die Drogen noch aktiv von Pharmaunternehmen wie Bayer beworben – sogar als Hustenmittel oder allgemein zur Steigerung des Wohlbefindens. Die Gefahr einer Abhängigkeit sah man damals noch nicht.
  • Kokain: Selbst Sigmund Freud empfahl das Mittel, ebenso war es Bestandteil von Coca Cola. Damals lobte man die Leistungssteigerung.

Diese Mittel verschreiben Ärzte heute natürlich nicht mehr. Trotzdem werden auch heute noch Präparate verabreicht, die für einen erholsamen Schlaf sorgen, indem sie den Alpträumen entgegenwirken oder Bluthochdruck bekämpfen. "Wichtig ist dass diese Präparate alle nicht abhängig machen", sagt Heuser. "Außerdem sollten Betroffene alle auch eine Psychotherapie machen."

Auch in "Babylon Berlin" versucht Kommissar Rath sein Zittern mit Morphium zu unterdrücken. Er hat Angst, bei der Polizei aufzufliegen. Als Kriegszitterer wäre er wohl nicht mehr für den Job geeignet. 


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