Bild: Sean Gallup/Getty Images
Wenn der Schein trügt.

Deutschland steht für Autos, Fußball und eine neue Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Jedenfalls war das bis vor ein paar Tagen noch so. Denn keiner dieser Träume kann einer genaueren Betrachtung standhalten:

Fußball-Nation Deutschland

Nicht erst seit dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft blickt die Fußball-Welt voller Neid auf Deutschland. Was 2014 seinen Höhepunkte erlebte, begann mit dem sogenannten Sommermärchen im Jahr 2006. Eine junge, bunte Fußballmannschaft verwandelte das alte, dröge Deutschland in die größte, freundlichste und offenste Party-Nation der Welt.

Das war schon damals ein bisschen übertrieben. Aber was jetzt herauskommt, bringt den Traum zum Platzen: Wie der SPIEGEL nun berichtet, wurde der Austragungsort offenbar durch Schwarzgeld erkauft. Konkret geht es um 6,7 Millionen Euro, für deren Auftauchen und Verwendung es bislang keine stichhaltige Erklärung gibt.

Alles also nur eine große Täuschung? Wohl leider ja. Und das Schlimmste daran: Es diskreditiert die Leistung der Fußballer auf dem Platz.


Auto-Nation Deutschland
(Bild: dpa / Jochen Lübke)

Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den Top-Exportnationen der Welt. Für einen Großteil der Exporte zeichnet die Automobilindustrie verantwortlich. Volkswagen ist der größte Autobauer Europas und einer der größten weltweit. Ausgerechnet die Vorzeige-Ingenieure aus Deutschland wurden nun beim Betrug erwischt. Tolle Abgaswerte bei Diesel-Modellen: schlicht gelogen.

Ingenieurskunst? Keine Frage. Trickserei? Allerdings. Ein Bärendienst für all die Arbeiter und Wissenschaftler, die täglich Spitzenarbeit verrichten.


Willkommenskultur in Deutschland
(Bild: dpa / Bernd von Jutrczenka)

"Wir schaffen das!" Bundeskanzlerin Angela Merkel inszeniert Deutschland als Nation mit ausgeprägter Willkommenskultur. Das ist mehr als erfreulich für all diejenigen, die es bislang geschafft, nach Deutschland zu flüchten. Herzlich Willkommen!

Doch hinter den Kulissen wurde unlängst an einer Verschärfung der Asylgesetzgebung gearbeitet. Und als wäre das nicht bereits Hohn genug mit Blick auf die inszenierte Willkommenskultur, hat die Bundesregierung mit der Türkei einen Pakt ausgearbeitet, der einzig und allein das Ziel verfolgt, Flüchtlinge aus Europa fernzuhalten. Die Türkei bekommt dafür Geld und wohl Visumserleichterungen in Aussicht gestellt.

Das dürfte dem umstrittenen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan Rückenwind bei den Wählern geben. Erdogan ist der, der gegen eine freie Presse in der Türkei eintritt, Twitter in der Türkei sperren ließ und massive Polizeigewalt gegen Demonstranten toleriert.

Doppelmoral? Massivst. Das Traurigste daran: All die Menschen, die in den letzten Wochen immer dort parat standen und geholfen haben, wo der Staat weggesehen hat, wurden von der Regierung ausgenutzt, um Schönwetter-Politik zu betreiben.

Deutschland täte deshalb gut daran, sich nicht zu sehr zur moralischen Instanz aufzuschwingen. Denn wer gerne hoch fliegt, kann auch ziemlich tief fallen.

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