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Wenn man wie ich Bücher schreibt, hat man manchmal das Glück, dass man die auch vorlesen darf. Dann fährt man durch die Republik und kann so manche Erkenntnis gewinnen. Zum Beispiel, dass zu glauben, es gäbe DAS Deutschland, totaler Quatsch ist. 

Trotzdem denke ich "Deutschland" – wie so viele – als Einheit. Oder besser: ich dachte. 

Ich dachte, dass das eben das Land ist, in dem ich wohne. Dass hier Deutsch gesprochen wird, aber auch manchmal andere Sprachen. Dass es eben "deutsch" aussieht. Ich dachte über den Begriff und über das Land, was man eben so denkt, wenn man sich zu wenig Gedanken gemacht hat. Denn ich hatte absolut keine Ahnung. (Spoiler: Jetzt habe ich noch weniger.) 

Auf der intellektuellen Ebene wusste ich natürlich, dass es Dialekte und regionale Spezialitäten gibt, dass die einen Schützenkönige und die anderen Weinköniginnen feiern. Aber es ist etwas anderes, das so direkt zu erleben. Den einen Tag in Sachsen zu sein und kurz darauf in Hessen, mal kurz in Bayern vorbeizuschauen und dann wieder in Nordrhein-Westfalen. Ich war in kleinen Städten und in großen und ich bin wirklich sehr, sehr viel Zug gefahren.

Ich mag Deutschland, also die geologischen Gegebenheiten und einige kulturelle und ökonomische Aspekte. Ich finde, ich kann ganz schön dankbar sein, dass ich zum Beispiel in einem Land lebe, in dem ich studieren konnte und in dem Frieden herrscht. Viele Dinge finde ich jedoch ziemlich eklig. Rassismus zum Beispiel, der sich hinter Patriotismus verstecken kann. Ich bin nicht stolz darauf, Deutsche zu sein. Ich bin lediglich dankbar für die Privilegien, für die ich kaum etwas getan habe (so wie die meisten nichts dafür getan haben).

Aber jetzt, nach meiner kleinen Deutschlandtour, finde ich Stolz aufs Deutschsein nicht bloß lächerlich, sondern auch irrsinnig. Denn "DAS Deutschland" gibt es nicht. Wirklich nicht. 

Und wer das glaubt, sollte einfach mal ein paar Wochen mit dem Zug durch das Land fahren, das er so gerne verallgemeinern will.

Dortmund und München – diese beiden Städte sind so unterschiedlich, wie der Dialekt, der dort gesprochen wird. In München drehten sich alle Gespräche um den Wohnungsmarkt, und wo man überhaupt noch leben kann. In Köln waren alle so herzlich, dass ich für einen Moment gedacht habe, dass es eine Doppelgängerin von mir gibt, die seit Jahren mit all diesen Menschen befreundet ist. In Düsseldorf waren alle sehr höflich, in Hamburg gucken die Taxifahrerinnen und -fahrer immer mitleidig, wenn ich sage, dass ich in Berlin wohne. 

In Weißwasser war ich auf einer Techno-Party, in Mainz mag man Wein, es gibt einen Wildpark in der Stadt und die Menschen reden viel darüber, wie schön es ist, in einer Kleinstadt zu wohnen, die aber fast wie eine Großstadt ist. Na ja. Jeder Ort ist jedes Mal neu, nie ist irgendwas wie in der Stadt davor. Nicht einmal die verdammten Brötchen heißen im ganzen Land gleich. Was für mich ein "Berliner" ist, ist für andere ein "Pfannkuchen" und wehe, das verwechselt jemand!

Deutsche leben in den Bergen, am Meer, im Wald. 

Sie sprechen unzählige Dialekte, haben merkwürdige Ausdrücke für alles Mögliche, sie feiern Feste, die hundert Kilometer weiter nur belächelt werden. Die einen lieben Wein, die anderen Bierbrauereien, egal, denn gesoffen wird, und das ist ausnahmsweise mal überall im Land so, bei jeder Gelegenheit.

In Münster gibt es sehr viele Kirchen (und Gläubige!), in Berlin weniger Feiertage als irgendwo anders. Die Städte spiegeln ihre Geschichte wieder, manche sind ganz schwarz vom Ruß, andere wurden im Zweiten Weltkrieg fast gänzlich zerstört, es gibt die Seefahrt und die Bergwerke, feuchte Städte, trockene Städte und Städte in den Bergen. 

Es gibt gemeinsame Werte, natürlich: Nächstenliebe zum Beispiel. Oder dass man sein Zuhause sauber hält. Sowas. Aber sogar Kraken putzen ihr Zuhause und jeder Hund ist pünktlich, wenn er erst mal weiß, wann es Futter gibt.

Zu glauben, dass es eine Leitkultur gäbe, würde bedeuten, dass sehr viele Dinge in allen Städten und Bundesländern gleich sind. Das ist bei Gesetzen so, aber nicht bei der Kultur.

Zu glauben, es gäbe "den Deutschen" und "das Deutschland" bedeutet, zu glauben, dass Gleichmacherei etwas Erstrebenswertes ist. 

Dabei war für mich eine der besten Erfahrungen, dass eben gar nichts gleich ist in diesem Land. Zu sehen, wie unterschiedlich die Architektur ist, die Landschaft, die Traditionen. In der einen Stadt Schiffe, in der anderen drum herum Berge. Mal Schnaps, mal Käse, mal Wein, mal Würstchen. 

All das hat mich gelehrt, dass ich vorher keine Ahnung hatte, was dieses Land genau ist, und es jetzt noch weniger weiß. Und dass genau das mir das Staunen erlaubt, das Entdecken, das Offenbleiben für all die Millionen Nuancen. Denn dieses Land ist so vielfältig wie seine Dialekte und es hat 82,79 Millionen verschiedene Einwohnerinnen und Einwohner – eine jede und ein jeder ein ganzes Universum für sich. Was für ein Glück.


Gerechtigkeit

AfD-Politiker macht Greta Thunberg mitverantwortlich für Christchurch – was das über die AfD sagt
Es ist eine bizarre Verdrehung der Wirklichkeit.

Wenn sich rechte Politiker in den vergangenen Jahren nach Terrorangriffen äußerten, klang das oft ähnlich. Nach dem Anschlag am Berliner Breitscheidplatz twitterte Marcus Pretzell, damals AfD-Europaabgeordneter, etwa: "An die 'Erstmal-abwarten-Fraktion': Sowas kommt von abwarten". Auch bei Parteikolleginnen und -kollegen war der Tenor: Wir haben es euch ja gesagt, diese Migrationspolitik ist Schuld am Terror, Danke Merkel. Aus den Tweets tropfte förmlich der Stolz: Die eigenen vermeintlichen Vorhersagen waren eingetreten. 

Nach dem Terroranschlag in Neuseeland liegt der Fall anders. Die typische und einfache Schuldzuschiebung der AfD funktioniert nicht. Denn es waren Muslime, die angegriffen wurden – mutmaßlich von einem 28-jährigen Rechtsradikalen. Deshalb bleiben den Rechtspopulisten wenig Argumente, um die Verantwortung für die Tat bei Muslimen zu suchen. 

Den Berliner AfD-Politiker Harald Laatsch brachte das am Tag nach dem Attentat trotzdem nicht zum Schweigen. Er suchte einfach eine andere Schuldige, und kam auf Greta Thunberg