Drei Kommandos, mindestens sechs Ziele: Französische Ermittler sind dabei, die Anschläge von Paris zu rekonstruieren. Bei dem Angriff am späten Freitagabend kamen 129 Menschen ums Leben, mehr als 352 wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt.

Vor dem Stade de France sprengten sich drei Attentäter in die Luft, dort spielte gerade die deutsche gegen die französische Nationalmannschaft. Einem der Terroristen war es zuvor nicht gelungen, ins Stadion zu gelangen. Drei weitere Attentäter stürmten den Konzertsaal Bataclan und richteten dort ein Blutbad an. Beim Zugriff der Polizei sprengten sich zwei der Männer in die Luft, den anderen erschoss die Polizei. Außerdem wurden Menschen in mehreren Restaurants und Cafés angegriffen, dabei zündete einer der Attentäter seine Sprengstoffweste.

Wer sind die Täter? Was wissen wir bisher?

Er ist 27 Jahre alt, Belgier mit marokkanischen Wurzeln – und aus der Sicht der Ermittler der Drahtzieher der Anschläge von Paris: Abdelhamid Abaaoud. Er wuchs im Brüsseler Stadtteil Molenbeek auf, wo es eine islamistische Szene gibt. Vor mindestens zwei Jahren schloss er sich dem "Islamischen Staat" in Syrien an. Unter seinem Kampfnamen Abaaoud Abou Omar al-Baljiki tauchte er in Propagandavideos auf.

Im Januar dieses Jahres war Abaaoud von Syrien nach Verviers in Belgien gereist, um mit zwei weiteren Terroristen Anschläge auszuführen. Ziel sollten Kioske sein, in denen die Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" verkauft wurde. Das Trio flog auf, beim Zugriff tötete die Polizei zwei der Terroristen. Abaaoud konnte sich vorher absetzen, ging wieder nach Syrien.

Ermittler glauben, dass er außerdem hinter zwei vereitelten Anschlägen steckt: Hinter einem Angriff auf eine Kirche in Paris im April sowie auf einen Schnellzug im August. Bei einem Zugriff der Polizei im Pariser Stadtteil Saint-Denis am Mittwochmorgen ist er getötet worden, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Geheimdienste hatten ihn eigentlich in Syrien vermutet.

Bisher konnten zwei der drei Angreifer auf den Konzertsaal identifiziert werden:

  • Samy Amimour, 29
    Südlich von Paris groß geworden, verheiratet, ein fünfjähriger Sohn. Verließ seine Familie im September 2013, angeblich, um Urlaub zu machen. Stattdessen reiste er nach Syrien, schloss sich offenbar dem "Islamischen Staat" an und erlitt später eine Kriegsverletzung. Sein Vater versuchte, ihn im Juni persönlich zur Rückkehr zu bewegen – vergeblich. Offenbar haben die Behörden nicht gemerkt, dass Amimour zurück in Frankreich war.
  • Ismaël Omar Mostefaï, 28
    In einem Vorort im Nord-Osten von Paris geboren. Im Oktober 2012 festgenommen, weil er im Verdacht stand, einer Terrororganisation beigetreten zu sein. Wollte offenbar in den Jemen reisen. Ging im September 2013 für einige Wochen nach Syrien. Erzählte seiner Familie dann von einer Hochzeit mit einer Französin und einer Schwangerschaft. Mostefaï tauchte im Frühjahr 2014 in einer Kleinstadt südwestlich von Paris wieder auf, als Mitglied einer salafistischen Gruppe.

Einer der drei Attentäter am Stadion konnte identifiziert werden, bei einem dritten wurde ein syrischer Pass gefunden. Von einem der Angreifer konnte ein Fingerabdruck genommen werden.

  • Bilal Hadfi, 20
    Gebürtiger Franzose, lebte im Brüsseler Stadtteil Neder-Over-Heembek. Soll sich im Frühjahr 2014 binnen weniger Wochen radikalisiert haben und später nach Syrien gereist sein, um dort zu kämpfen. Kam dieses Jahr zurück nach Belgien.
  • Syrischer Pass
    Einer der Attentäter hatte offenbar einen syrischen Pass bei sich, ausgestellt auf den 25-jährigen Ahmad Almohammad. Der Pass könnte gefälscht sein: In Serbien ist ein weiterer Mann mit einem identischen Pass festgenommen worden – ein möglicher Hinweis darauf, dass mehrere davon im Umlauf sein könnten.
  • Fingerabdruck
    Von einem der toten Attentäter konnte ein Fingerabdruck genommen werden. Er stimmt offenbar überein mit dem Fingerabdruck eines Mannes, der Anfang Oktober mit syrischem Pass als Flüchtling nach Griechenland eingereist war. Wenig später ließ er sich in Serbien in einer Erstaufnahmeeinrichtung registrieren. Einen Tag später wurde er in Kroatien registriert – dann verliert sich die Spur.

Eine dritte Gruppe griff Restaurants und Cafés an:

  1. Rue Alibert/Rue Bichat: An der Kreuzung wurden Schüsse auf die Restaurants Le Petit Cambodge und Le Carillon abgegeben. 14 Menschen starben.
  2. Rue de la Fontaine au Roi: Wenige hundert Meter vom Bataclan entfernt war die Terrasse der Pizzeria La Casa Nostra Ziel eines Anschlags. 5 Menschen kamen ums Leben.
  3. Rue de Charonne: Im La Belle Équipe töteten die Angreifer 19 Menschen.
  4. Boulevard Voltaire: Hier sprengte sich ein Selbstmordattentäter am Café Comptoir Voltaire in die Luft.

Bisher ist nicht klar, wie viele Angreifer unterwegs waren. Identifiziert ist der Selbstmordattentäter:

  • Ibrahim Abdeslam, 31
    Lebte in Brüssel im Stadtteil Molenbeek, war dort Betreiber einer Bar, die wegen Drogengeschäften gerade erst von den Behörden geschlossen worden war. Sein Bruder Salah Abdeslam soll das Fahrzeug der Bataclan-Gruppe angemietet haben.

Von der Polizei mit internationalem Haftbefehl gesucht:

  • Salah Abdeslam, 26
    Bruder von Ibrahim Abdeslam. Hat laut Ermittlern den VW Polo angemietet, der bei dem Angriff auf den Konzertsaal Bataclan genutzt wurde. Wenige Stunden nach den Anschlägen offenbar von französischen Polizisten an der Grenze zu Belgien angehalten, zusammen mit zwei weiteren Männern. Zu dem Zeitpunkt aber noch auf keiner Fahndungsliste. Ob und wie Abdeslam in die Taten involviert war, ist bisher noch unklar.
Der Sprecher der IS-Audiobotschaft
  • Nach Informationen des SPIEGEL soll es sich bei dem französischen Sprecher der Botschaft Ermittlern zufolge um Fabien Clain handeln. Die Audiobotschaft wurde nach den Anschlägen von Paris verbreitet. Clain soll sich derzeit in der syrischen Stadt Rakka aufhalten – einer Hochburg des IS.
  • Seit mehr als einem Jahrzehnt soll Clain in der islamistischen Szene in Toulouse aktiv sein. Er saß in Frankreich im Gefängnis, ehe er sich nach Syrien absetzte. Der Franzose gilt als Mitglied einer Zelle, die regelmäßig IS-Propaganda produziert und über das Internet verbreitet.
  • Bereits im April diesen Jahres soll er versucht haben, von Syrien aus einen Anschlag auf eine Kirche in dem Dorf Villejuif, südlich von Paris, zu steuern. Zunächst radikalisierte er einen jungen Islamisten algerischer Abstammung, der den Plan durchführen sollte. Der Angriff scheiterte nur, weil der Attentäter sich aus Versehen ins Bein schoss.