Bild: Pascal Le Segretain / Getty Images
Reden wir über Krieg.

Nach den Anschlägen in Paris herrscht "Krieg", so sagen es zum Beispiel der französische Präsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" wähnt sich gar im "Weltkrieg". Springer-Chef Mathias Döpfner fordert in der "Welt" eine "Radikalisierung der gesellschaftlichen Mitte". In den Kommentaren auf Facebook ist sowieso schon lange Krieg.

Dabei gerät einiges durcheinander. Nicht alle meinen dasselbe, wenn sie nun von "Krieg" sprechen. Man muss davon ausgehen, dass einige genau darauf abzielen.

Von was für einem Krieg ist die Rede?

Als Reaktion auf das Massaker flogen französische Kampfjets Vergeltungsangriffe auf Raqqa in Syrien, eine Hochburg der Terrororganisation "Islamischer Staat", die hinter den Anschlägen steckt. Frankreich kämpft schon länger im Irak und in Syrien gegen die Terroristen, in einer von den USA angeführten Koalition.

Deutschland hält sich bisher zurück. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 war das anders: uneingeschränkte Solidarität mit den USA. Die Bundeswehr ging nach Afghanistan.

Jetzt hat es Frankreich getroffen, den wichtigsten wirtschaftlichen und politischen Partner Deutschlands. "Schicken wir jetzt die Bundeswehr in den Krieg?", fragt die Hamburger "Mopo". Eine berechtigte Frage.

Das ist der eine Krieg.

Es gibt aber noch eine andere Art von Krieg in der öffentlichen Debatte: Nicht Polizei und Militär gegen Terroristen und den "Islamischen Staat", sondern "wir" gegen "die". Dieses "die" ist unscharf, es meint nicht nur Terroristen und deren Helfer. "Die" wird benutzt, um den Westen gegen eine ganze Kultur in Stellung zu bringen.

Das Gerede vom Kampf der Kulturen geht zurück auf ein Buch aus dem Jahr 1996, in dem Samuel Huntington die Welt in "Kulturkreise" einteilt und diese gegeneinander antreten lässt. Es ist eine simple Weltformel, die einer näheren Betrachtung nicht standhält. Schon nach dem 11. September wurde die längst widerlegte These herausgekramt. Jetzt ist es wieder soweit.

Rechtsextremisten und "besorge Bürger" beschwören diesen Kulturkampf jeden Tag herauf, auf Facebook, Pegida-Demonstrationen und ihren eigenen Websites. Sie sehen sich jetzt bestätigt. Sie haben es ja immer gewusst. Gefährlich wird es, wenn jetzt Politiker und Leitartikelschreiber denselben Ton anschlagen.

Denn Menschen lassen sich nicht so einfach in Huntingtons "Kulturkreise" einteilen. Menschen haben ganz unterschiedliche Identitäten: Sie fühlen sich ihren Freunden verbunden, ihrer Lieblingsserie, ihrer Heimat, ihrem Wohnort, ihrer Familie, ihrer Sprache, ihrem Fußballclub, ihrer Haarfarbe, manche auch ihrer Religion - diese Aufzählung könnte immer weiter gehen. Sie sind vielschichtig und widersprüchlich.

Wir Menschen sind komplexer, unsere Welt ist komplexer als Huntingtons "Kulturkreise".

Das pauschale "wir" gegen "die" ist kein Krieg, sondern Unsinn.

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