Bild: dpa/Federico Gambarini
Können wir uns an Terror-Anschläge gewöhnen?

"Was wir befürchtet haben, hat sich bewahrheitet." Mit diesen Worten reagierte der belgische Premierminister Charles Michel am Dienstag auf die Terroranschläge in Brüssel. Auch viele Bürger hatten – mehr oder weniger bewusst – damit gerechnet, dass irgendwann etwas passieren würde (bento). Trotzdem: Die Anschläge waren ein Schock und hinterlassen viele offene Fragen.

Wir haben mit Experten gesprochen und versucht, einige von ihnen zu beantworten.

Waren die Anschläge in Brüssel vorhersehbar?

Nein, sagt der Politikwissenschaftler Asiem El Difraoui. "Anschläge kann man nicht genau voraussagen, aber es bestand natürlich ein hohes Risiko: Einige der meistgesuchten Terroristen stammen aus Brüssel und hatten schon die Attentate in Paris von hier aus vorbereitet."

Den Terroristen sei es auch diesmal um die Symbolik gegangen: "Die Anschläge richteten sich nicht nur gegen Belgien, sondern vor allen Dingen gegen Europa. Die Attentäter wollten alle Europäer treffen."

Wie viel bringen Terrorwarnstufen?

In Brüssel herrschen seit Monaten erhöhte Sicherheitsvorkehrungen, nach den Anschlägen in Paris im vergangenen November wurde kurzzeitig sogar die höchste Terrorwarnstufe verhängt (bento). Trotzdem konnten die Attentate nicht verhindert werden.

Terroristische und militante Anschläge lassen sich nur sehr schwer verhindern
Andreas Armborst, Kriminologe

"Das liegt daran, dass sich terroristische und militante Anschläge generell nur sehr schwer verhindern lassen", sagt Andreas Armborst, Kriminologe und Leiter des Nationalen Zentrums für Kriminalprävention. Selbst in Ländern, die eine autoritäre Führung haben, in denen alle Formen von Überwachung zulässig sind und Folter eingesetzt wird, gebe es immer wieder Anschläge. In den demokratischen Staaten Europas müssten rechtsstaatliche Prinzipien eingehalten werden, zum Beispiel mit Blick auf Datenschutz; dadurch haben Terroristen mehr Freiheiten, können leichter durchs Fahndungsraster fallen. Und genau deshalb könne Terrorismus dort immer wieder funktionieren, sagt Armborst.

Asiem El Difraoui äußert mit Blick auf die Anschläge in Brüssel aber auch Kritik an den belgischen Behörden: Die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen, die mit einer Terrorwarnstufe einhergehen, würden nur dann etwas bringen, wenn man sie "ernsthaft" umsetzt. Das sei nicht immer der Fall gewesen: "Wenn man mit dem Zug von Brüssel nach Paris gefahren ist, wurde man zum Beispiel überhaupt nicht kontrolliert – und das, obwohl die Anschläge in Paris von Brüssel aus geplant wurden."

(Bild: dpa / Arnulf Stoffel)
Wie kann man den Terrorismus in Europa bekämpfen?



Terrororganisationen wie der IS operieren über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Einer solchen international organisierten Gefahr könne man ebenfalls nur durch internationale Zusammenarbeit begegnen, sagt der Politikwissenschaftler Asiem El Difraoui.

Außerdem müsse man berücksichtigen, dass der Terrorismus eine langfristige Herausforderung sei, die Europa noch Jahrzehnte beschäftigen werde – nicht nur bei der Sicherheitspolitik, sondern auch bei der Dschihadimus-Prävention und mit Blick auf eine konstruktive gemeinsame Außenpolitik gegenüber den südlichen Mittelmeer-Nachbarn. "Denn ohne den Nährboden dort gäbe es keine Dschihadisten."

Trotzdem: "Man darf nicht in Panik geraten", sagt El Difraoui. "Genau das wollen die Terroristen, sie wollen verunsichern."

Müssen wir in Europa nun regelmäßig mit Terroranschlägen rechnen?

Im Januar 2015 der Angriff auf das Satiremagazin Charlie Hebdo, im November der Terror in Paris, jetzt die Attentate in Brüssel: Zwischen den jüngsten Terroranschlägen in Europa liegen nur wenige Monate. Gefühlt ist die Terrorgefahr in den vergangenen Monaten gestiegen.

Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir in den kommenden zehn Jahren immer wieder Anschläge erleben werden
Andreas Armborst, Kriminologe

"Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir in den kommenden zehn Jahren immer wieder Anschläge erleben werden", sagt der Kriminologe Andreas Armborst. Attentate hat es in Europa aber auch früher schon gegeben, zum Beispiel 2004 in Madrid und 2005 in London. Neu sei lediglich, dass jetzt auch der IS Europa ins Visier nehme, sagt Armborst (bento). Laut Asiem El Difraoui sei das Bedrohungsniveau in Europa seit zwei bis drei Jahren ungefähr dasselbe. "Da sind kürzere oder längere Abstände nicht ausschlaggebend."

Die westlichen Staaten sind bei Weitem nicht am stärksten vom Terrorismus betroffen. Zwischen 2000 und 2014 wurden die meisten Terror-Toten in den Ländern Afghanistan, Pakistan, Syrien, Nigeria und Irak verzeichnet. Das geht aus dem Global Terrorism Index des Instituts für Wirtschaft und Frieden hervor (PDF).

Von der Regelmäßigkeit an Anschlägen, die in diesen Ländern alltäglich ist, sei Europa noch weit entfernt, sagt Armborst: "Ich halte es für ausgeschlossen, dass wir hier dieselbe Situation bekommen wie in Irak oder Syrien. Die Gewalt in diesen Ländern ist schließlich auch durch Bürgerkriegsumstände bedingt."

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Können wir uns an Terror-Anschläge gewöhnen?

Menschen gewöhnen sich in der Regel recht schnell an neue Situationen. Aber gilt das auch für Terroranschläge? Ja, sagt die Psychologin Kathrin Hoffmann.

"Zunächst reagiert unser Angstsystem sehr intensiv auf eine neue und unkontrollierbare Bedrohung wie einen Terroranschlag, insbesondere dann, wenn er räumlich nah ist, wie in Paris oder Brüssel. Die eigene Sterblichkeit, die wir in unserem Alltag erfolgreich verdrängen, wird uns in diesen Momenten schmerzhaft bewusst. Nach einiger Zeit findet jedoch meist eine Gewöhnung an die Sorge vor einem Terroranschlag statt, wir richten unsere Aufmerksamkeit wieder auf andere Dinge, auch wenn das objektive Risiko sich nicht verändert hat. Man kann also davon ausgehen, dass es langfristig keine starke Veränderung des Angstgefühls in der Gesellschaft geben wird."

Wie viel Angst müssen wir wirklich vor einem Terroranschlag haben?

"Diese Angst ist zu einem gewissen Teil berechtigt, weil es einen ganz zweifellos treffen kann", sagt Michael Geyer, Professor und wissenschaftlicher Leiter der Akademie für Psychotherapie in Erfurt. Trotzdem: "Es ist viel wahrscheinlicher, bei einem Autounfall zu sterben."

Laut der Psychologin Kathrin Hoffmann unterliegen wir mit Blick auf Terroranschläge einer sogenannten kognitiven Verzerrung: "Bei Ereignissen, die sich besonders stark ins Gedächtnis einprägen, überschätzen wir die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder eintreten. Dabei spielen unsere Emotionen natürlich eine große Rolle. Je mehr mich ein Ereignis emotional berührt, desto besser kann ich mich später daran erinnern."

(Bild: epa/Olivier Hoslet)
Steht auch Deutschland ein Terroranschlag bevor?


Ja, fürchtet Kriminologe Andreas Armborst: "Der IS hält Anschläge in Deutschland für legitim, damit ist schon mal die erste Hürde genommen." Spätestens seit Deutschland Waffen an die Kurden im Nordirak geliefert hat und Aufklärungsflugzeuge in Syrien einsetzt, ist es zu einem Feind des IS geworden.

Wie konkret ein Anschlag bevorsteht, könne man nicht sagen, sagt Armborst: "Das kann noch drei Jahre dauern, das kann nächste Woche der Fall sein."

Gesellschaften verändert man durch Terrorismus nicht
Andreas Armborst, Kriminologe
Wie gut ist Deutschland für einen eventuellen Terroranschlag gewappnet?

Wirklich schützen kann man sich vor einem Terroranschlag wahrscheinlich nicht. Es gebe aber Pläne, um die Auswirkungen auf das öffentliche Leben oder die Infrastruktur so gering wie möglich zu halten, sagt Andreas Armborst. Das gelte nicht nur für mögliche Terroranschläge, sondern zum Beispiel auch für Naturkatastrophen oder Chemieunfälle.

"Ansonsten kann man sich vielleicht mental darauf vorbereiten", sagt Armborst. Man müsse sich bewusst machen, dass die Gefahr eines Attentats besteht – und sich dann in Gelassenheit üben. "Gesellschaften verändert man durch Terrorismus nicht, dahingehend muss man keine Angst haben."