Bild: Facebook/Bellingcat

Seit Mittwoch ist Anis Amri zur europaweiten Fahndung ausgeschrieben. Der Tunesier wird verdächtigt, hinter dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zu stecken. Bei der Tat fuhr ein Lkw quer über Buden auf dem Weihnachtsmarkt, zwölf Menschen starben, Dutzende wurden verletzt.

Über Amri sind inzwischen einige Fakten bestätigt – es kursieren aber auch Gerüchte. Bislang ist nicht erwiesen, dass Amri den Lkw fuhr. Er sei jedoch "dringend tatverdächtig", schreiben Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt in ihrem öffentlichen Fahndungsaufruf (tagesschau.de).

Wir listen auf, was wir wissen – die Fakten von offiziell bestätigt bis falsch:
Weiße Anführungszeichen
Diese fünf Punkte sind offiziell bestätigt:
  • Anis Amri ist 24 Jahre alt und kommt aus der tunesischen Kleinstadt Waslatia, auch Oueslatia geschrieben ("Al-Chourouk").
  • Er ist als Migrant im Juni 2015 nach Deutschland gekommen. Im Juli 2016 wurde Amri als Asylbewerber abgelehnt, bestätigte NRW-Innenminister Ralf Jäger am Mittwoch (bento).
  • Die Abschiebung schlug fehl, weil Ausweispapiere fehlten. Tunesien habe laut Jäger bestritten, dass Amri tunesischer Staatsbürger sei. Am Mittwoch hätten deutsche Behörden dann die Dokumente erhalten.
  • Sicherheitsbehörden hatten Amri als "Gefährder" beobachtet. Zwischen März und September 2016 wurde er überwacht, teilte der Berliner Generalstaatsanwalt mit ("Süddeutsche Zeitung"). Beamte hatten ihn observiert und seine Kommunikation überwacht – einen Anlass zum Zugriff habe es jedoch nicht gegeben.
  • Bekannt ist, dass Amri mindestens acht Identitäten benutzte. Eine dieser Identitäten gehört zu einem Ausweisdokument, das im Lkw gefunden wurde. Das Papier war nicht auf Amris richtigen Namen ausgestellt.
Weiße Anführungszeichen
Diese sieben Punkte sind noch nicht offiziell bestätigt:
  • Im April 2016 hatte Amri laut SPIEGEL-Informationen einen Asylantrag in Deutschland gestellt – als Ägypter. Weil er kaum Fakten über das Land nennen konnte, sei der Antrag demnach als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt worden.
  • Nach Angaben von Amris Familie hat er Ende 2010 – zu Beginn des Arabischen Frühlings – das Haus der Familie verlassen ("Frankfurter Allgemeine Zeitung").
  • In Tunesien soll Amri nach Angaben aus tunesischen Sicherheitskreisen bereits mehrfach wegen Drogendelikten verhaftet worden sein.
  • Offenbar reiste er 2011 von Tunesien nach Italien aus, wo er drei Jahre verbracht haben soll. Dort soll er wegen Brandstiftung zu vier Jahren Haft verurteilt worden sein ("Süddeutsche Zeitung").
  • Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Jahr 2015 sollte Amri von Italien nach Tunesien abgeschoben werden. Auch hier bestätigten die Tunesier nicht rechtzeitig seine Identität. Er sei des Landes verwiesen worden und konnte nach Deutschland einreisen.
  • Wie die "New York Times" berichtet, stand er über den Messenger-Dienst Telegram mindestens einmal im Kontakt mit dem "Islamischen Staat". Der IS selbst beansprucht den Lkw-Angriff für sich (bento) – ob und wie eng die Verbindung war, bleibt zunächst unklar.
  • Nach Informationen des SPIEGEL buhlte Amri zudem um deutsche Islamisten: Bei Ermittlungen gegen mehrere Hassprediger tauchten Ergebnisse aus der Telekommunikationsüberwachung auf, in der sich Amri offenbar als Selbstmordattentäter anbot.

Islamismus in Tunesien

Seit Ende 2010 hat sich Tunesien zu einem Hotspot für Islamisten entwickelt. Nach Schätzungen kämpfen bis zu 7000 Tunesier im Ausland für den "Islamischen Staat" oder "Al-Qaida" ("Wall Street Journal"). Unter anderem der Nizza-Attentäter hatte tunesische Wurzeln.

Trotz des Arabischen Frühlings 2011 hat sich für viele junge Tunesier die Hoffnung auf Arbeit und eine besser Zukunft nicht erfüllt – Terrorgruppen verführen die jungen Männer. Einer Studie des nationalen Jugendobservatoriums zufolge lehnen nur noch rund 20 Prozent einen radikalen Salafismus ab ("Die Zeit").

Die Rechercheplattform "Bellingcat" hat zudem ein Handyvideo entdeckt, dass Amri in Berlin zeigen soll:

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Diese Information ist falsch:
  • Zunächst berichteten einige Medien, dass Amri aus der tunesischen Stadt Tataouine komme. Das ist falsch. Die Stadt wurde zudem rasch als "Hochburg für Terroristen" bezeichnet ("Die Welt"). Auch das ist falsch: Tataouine gilt zwar als Schmuggelort nahe der libyschen Grenze, die tunesische Islamistenszene konzentriert sich aber eher entlang der algerischen Grenze.


Fühlen

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Lisa fragt:

In Berlin sind zwölf Menschen gestorben, noch mehr wurden verletzt. Wahrscheinlich durch einen Terroranschlag. Das ist alles furchtbar – besonders natürlich für die Angehörigen. Trotzdem berührt es mich kaum. Ich lese und schaue die Nachrichten – und fühle nichts. Ich habe deswegen ein schlechtes Gewissen. Und ich verstehe nicht, warum ich so kalt reagiere.