Dass man durch ungeschützten Sex nicht nur Kinder zeugen, sondern auch Krankheiten bekommen kann, sollten die meisten Jugendlichen in Deutschland schon früh lernen – und zwar mindestens in der Schule: Sie trägt einen gesetzlichen Auftrag zur Sexualbildung. 

In erster Linie aber kommt die Verantwortung noch immer den Eltern zu. Den Rest erledigen Freunde und – das Internet.

Die Frage ist: Reicht das?

Die Zahl der Neu-Infizierungen mit sexuell übertragbaren Krankheiten (STI) steigt. Auch mit HIV stecken sich allein in Deutschland noch immer Tausende Menschen im Jahr an. (Deutsche Aids-Hilfe)

Wie interessiert man Jugendliche für so ein ernstes – und gleichzeitig intimes – Thema?  Was muss sich ändern?

Darüber haben wir mit Daniel Nagel gesprochen. Er leitet den Verein "Jugend gegen Aids", eine Gruppe von jungen Menschen zwischen 16 und 26, die seit 2009 Aufklärung an Schulen und unter Jugendlichen im Allgemeinen leistet. 

(Bild: Alex Kleis)

Ihr gebt Aufklärungs-Workshops an Schulen und bringt sie dazu, Kondom-Automaten aufzuhängen. Warum?

Die Themen HIV und Aids sind für Jugendliche nicht sehr relevant. Die meisten verbinden damit nur Stereotype: Schwule, Afrika, Drogen. Und es herrscht viel Unwissen. Viele denken, das Thema ist durch, es gibt Medikamente dagegen.  

Wie interessiert man junge Leute dafür?

Es reicht auf jeden Fall nicht, Fachwissen zu vermitteln. Jeder weiß, man soll nicht zu viel Alkohol trinken oder rauchen. Trotzdem machen es viele. Um junge Leute zu erreichen, musst du das Thema in ihre Lebensrealität holen. 

Dadurch, dass wir selbst zur Zielgruppe gehören, wissen wir, worum es beim Thema noch geht: um Unsicherheit mit dem Körper, um Selbstbewusstsein. Deswegen haben wir das Thema ausgeweitet, sprechen viel über positive Körperbilder.

Wir setzen auch auf Sprache: In den Workshops geben wir uns mehr als große Geschwister oder Freunde, statt zu belehren. Die Gesprächsatmosphäre ist anders, wenn junge Leute untereinander reden.

Wie kam es dazu, dass ihr euch ausgerechnet im Kampf gegen Aids engagiert?

Wir waren Schülervertreter an unserem Gymnasium in Hamburg, es war Welt-Aids-Tag – und wir fragten uns, warum eigentlich niemand darüber spricht. Also beschlossen wir, selbst etwas zu tun und organisierten mit anderen Schulen einen Schleifenverkauf. Wir nahmen 20.000 Euro ein und wollten das Geld an eine Stiftung spenden. Aber die sagten uns: Ihr habt dafür gearbeitet, ihr sollt entscheiden, was damit passiert.

Da dachten wir: Aufklärungsarbeit in Schulen ist der nächste logische Schritt. 

Heute unterstützen euch Konzerne wie Google, Lufthansa oder Starbucks, euer Schirmherr ist der Bundespräsident. Es sieht aus, als hätten alle nur darauf gewartet, dass ihr kommt. 

Das war am Anfang anders. Da bekamen wir auf 100 E-Mails keine einzige Antwort. Wir merkten, dass junge Leute nicht ernst genommen werden. Bei offiziellen Stellen vorzusprechen, war ein kleiner Kampf. Wir versuchten dann bewusst, durch große Namen glaubwürdiger zu wirken – wir stellten Angela Merkel zum Beispiel vor, was wir machen. Das zu erwähnen, hilft auch Schulleitern, wenn sie Eltern erklären müssen, warum wir mit ihren Kindern über Sex reden wollen.

Im Bundestag mit Angela Merkel, Sigmar Gabriel und Barbara Hendricks.(Bild: Jugend gegen AIDS)

Müsst ihr euch dafür wirklich rechtfertigen? 

Ja, das kommt vor. Eltern sind auch heute zum Teil sehr verkniffen. Manche befürchten immer noch, dass ihre Kinder sofort auf der Schultoilette rummachen, wenn wir mit ihnen über Sex sprechen. Ich musste schon öfter auf Elternabenden erklären, warum wir das machen.

Eigentlich könnte man uns eine Retro-Organisation nennen, weil wir Kondome verteilen und über Sex reden wollen. 

Viele finden unsere Arbeit aber auch gut. Und wir haben mittlerweile eine Bedingung: Schulen, die uns für Workshops einladen, müssen einen Kondom-Automaten aufhängen. Es haben sich schon fast 200 Schulen angemeldet.  

Ihr wollt jetzt international werden. Warum?

Wir wollen junge Leute stärker involvieren und ihnen Gehör verschaffen. Die junge Generation ist es, die HIV beenden kann. 

Im vergangenen Jahr waren wir mit 50 unserer Freiwilligen auf der Welt-Aids-Konferenz in Paris und die Teilnehmer dort haben sich ziemlich gefreut, so junge Leute dabei zu haben. Dieses Jahr sind wir offizieller Partner der Konferenz und wollen mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne auf GoFundMe 300 Freiwillige aus der ganzen Welt im Juli auf die Konferenz nach Amsterdam holen.

Die junge Generation ist es, die HIV beenden kann.
Daniel Nagel

Vor Ort haben wir verschiedene Veranstaltungen geplant, wollen über Flirt-Apps, Pornographie und Körperbilder sprechen und den Teilnehmern die Möglichkeit geben, wichtigen Menschen in geschütztem Raum ihre Fragen zu stellen.


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