Bild: Manfred Esser/Bastei Lübbe/dpa
Der Friedensaktivist über den ersten Tag der AfD im Bundestag

Ab heute sitzt seit langem wieder eine deutlich rechte Partei im Bundestag, die "sich ihr Land zurückholen" und andere Politiker "jagen" will. Die AfD ist eine Partei, die knapp 4,7 Millionen Muslime in Deutschland unter Generalverdacht stellt, sie seien eine Gefahr für unser Land. 

Ja, ich habe Angst. 

Angst davor, dass Muslime nicht mehr als gleichwertig angesehen werden, ihre Religion nicht mehr frei ausleben können. Die AfD hat vorgeschlagen, Kopftücher auf öffentlichen Plätzen zu verbieten. 

Wie weit werden andere Parteien darauf eingehen? Wie viele unberechtigte Ängste werden noch geschürt?

Das macht Ali Can auch...

Ali Can, 24, kam 1995 als Kleinkind mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. Heute engagiert er sich bei Unicef, gründete den Friedensverein "Interkultureller Frieden e.V.". und studiert Deutsch und Ethik auf Lehramt in Gießen (Homepage von Ali Can). Um mit Flüchtlingsgegnern ins Gespräch zu kommen, rief er die "Hotline für besorgte Bürger" ins Leben.

Viele Menschen sind über die neue Zusammensetzung des Bundestags entsetzt, manche fühlen sich machtlos. Vor allem Menschen wie ich, die einen Migrationshintergrund haben und nicht hier geboren sind, blicken mit großer Sorge in die Zukunft. 

Uns trifft die rechte Politik besonders hart, also habe ich mich engagiert. 

Aus der Überzeugung heraus, dass der Nährboden für Fremdenhass und rechtes Gedankengut unter anderem die tief verwurzelte Angst und Unkenntnis vor dem Unbekannten und Unverständlichen ist, habe ich die "Hotline für besorgte Bürger" ins Leben gerufen. 

Eine Hotline, bei der mich zweifelnde, verängstigte und auch rechte Wähler angerufen haben. Wir haben uns über ihre Sorgen unterhalten – viele konnte ich widerlegen.

Was ich dabei gelernt habe: 

Auch ich kann als Einzelner etwas ausrichten – und zwar, indem man auf Hass mit Besonnenheit reagiert. Ich habe das Gefühl, dass viele Pegida- oder AfD-Anhänger pauschale Urteile und populistische Parolen übernehmen. Es fallen dann Sätze wie: "Der Islam passt nicht zu Deutschland." Oder: "Flüchtlinge sind doch alle kriminell."

Ali bei einer Demo in Berlin(Bild: Privat)
Meine Taktik: 

Erst einmal einen gemeinsamen Nenner suchen, auf ihre Argumente eingehen. Ja, es gibt in einigen muslimischen Familien das Rollenverständnis, Frau und Mann seien nicht gleichberechtigt. Ja, Integration ist eine Herausforderung, sie kostet Zeit, eigenes Engagement und Mühe. 

Der zweite Schritt: 

Beispiele aufzeigen, die die Argumente widerlegen. Oft bin ich selbst das Beispiel, das ich nenne. Meine Eltern sind nicht zur Schule gegangen, ich bin der erste in unserer Familie, der studiert. Integration kann also funktionieren. Wem ich das zu verdanken habe? Freunden, Familien, die mich eingeladen haben – zu Weihnachten, zu Fußball-Spielen, in Vereine. 

Dritter Schritt: 

Gegenfragen stellen. Ist ein Vegetarier weniger deutsch, weil auch er kein Schweinefleisch isst? Ist eine Nonne weniger integriert, weil sie immer Kopftuch trägt?

Plötzlich werden Diskussionen weniger oberflächlich, plötzlich werden Vorurteile weniger. 

Ich würde mir Wünschen, dass meine Erfahrungen im Kleinen auch ein Vorbild für Bundestagsabgeordnete seien könnten.
Den Wahlzettel in die Urne zu werfen, war für mich der Höhepunkt meiner Integration.

Heute am Tag der konstituierenden Sitzung blicke ich trotzdem ernüchtert und mit großer Ungewissheit auf die nächsten vier Jahre. Momentan kommt kaum eine Diskussion ohne Polemik oder gar Beleidigungen aus – bei allen Parteien. Das finde ich falsch.

Gleichzeitig bin ich so motiviert wie nie zuvor, mich aktiv in die Gesellschaftspolitik einzubringen.

Auch weil ich gemerkt habe, das ich als einzelner etwas bewegen kann – und ein immens großes Feedback bekomme:

New York Times über unsere Demo… Seit Sonntag bin ich der glücklichste Friedens-Aktivist in Deutschland. The Washington...

Posted by Ali Can on Dienstag, 24. Oktober 2017

Das Gute ist, dass wir die Politik und das gesellschaftliche Leben schon mit unserer Sicht auf unsere Mitmenschen ändern können. Seitdem ich eine wertschätzende Haltung gegenüber Andersdenkenden eingenommen habe, ergeben sich viel mehr Gespräche, in denen wir uns gegenseitig Gedankenimpulse geben können. 

Wie sonst will ich bei einem sich rassistisch äußernden Menschen kritische Denkprozesse erreichen? 

Darüber hinaus sollten wir unsere Demokratie nicht für selbstverständlich nehmen und sie schätzen. Ich bin immer dafür, die Meinung öffentlich zu sagen, oder für Werte zu protestieren. 

Mehr von Ali Can

Über das, was er dort erlebt hat, hat Ali ein Buch geschrieben. "Antworten vom Asylbewerber Ihres Vertrauens" kannst du bei Amazon kaufen.

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Am Wahlabend habe ich ein Video gedreht, in dem ich meine Facebook-Freunde zu einer Demonstration in Berlin gegen Hass und Rassismus im Bundestag einlud, ohne zu wissen, ob überhaupt nur irgendjemand dem Aufruf folgen würde. 

Vergangenen Sonntag kamen dann 12.000 Menschen und appellierten vor dem Brandenburger Tor für mehr Respekt und Wertschätzung im Bundestag und in der Gesellschaft.

Die Kundgebung verlief sehr friedlich, war bunt und Menschen unterschiedlichster Parteien, Altersgruppen und Herkunft waren anwesend. Ich hatte das Gefühl, wir alle waren uns einig: Friedliche Demonstrationen und eine gelungene Integration ist die beste Waffe gegen Rechtspopulismus. 

Das macht mir Mut.

Genauso wie die Abgeordneten im Bundestag, die nun die Aufgabe haben, immer wieder Haltung zu zeigen gegen die AfD.

Der stellvertretende AfD-Fraktionschef Peter Felser hat die friedliche Demonstration am Sonntag als "Anschlag auf die Demokratie" bezeichnet. 

Dabei ist sie gelebte Demokratie. 

Aus diesem Grund möchte ich an alle Politiker, auch die der anderen Parteien, appellieren, Haltung zu bewahren. 

Wie das gelingen kann?

Jeder Mensch sollte nach seinem Charakter bewertet werden – nicht nach Religion, Aussehen, Oberflächlichkeiten eben. Es ist wie bei einem Eisberg. Wer nur die Spitze sieht, der wird nie wissen, was unter der Wasseroberfläche ist. Wer mich sieht, denkt vielleicht nicht gleich an einen Lehramtsstudenten, der aus der Türkei kommt und sich hier in Deutschland gegen die AfD engagiert. 

Im Parlament dürfen schwierige Themen nicht verschwiegen werden. Dann nimmt die AfD den demokratischen Parteien nämlich die Themen weg. Ich habe in Berlin erlebt, wie Geflüchtete ihren Sprachkurs beendet haben, kein Praktikum, keine Arbeit fanden und nun Drogen verkaufen. Was passiert mit diesen Menschen? Das könnte eine Debatte im Bundestag sein. 

Nicht die AfD sollte die Antwort auf die Frage finden, sondern die anderen fünf Parteien. 

Today

Achtung: Betrüger verschicken falsche YouTube-Links bei Facebook

Auf Facebook geht derzeit eine Messenger-Nachricht herum, die Nutzer dazu einlädt, auf ein YouTube-Video zu klicken. Der Link führt jedoch nicht zu einem Video – sondern in die Falle von Trickbetrügern.

Davor warnt nun die Polizei Niedersachsen auf ihrer Website "Ratgeber Internetkriminalität". Demnach hätten sich vermehrt Nutzer des Messengers gemeldet und von den Betrug-Nachrichten berichtet.