Bild: dpa/ Arne Dedert
Worum geht es?

Um einen Fußballprofi, der wegen Verbindungen zu einer umstrittenen islamischen Hilfsorganisation seinen Verein verlassen muss. Genauer geht es um Änis Ben-Hatira, 28, der bis Mittwoch noch als Spieler beim Erstligisten SV Darmstadt 98 beschäftigt war. Am Nachmittag einigten sich Verein und Spieler dann auf eine sofortige Auflösung des Vertrags, der ursprünglich bis Sommer 2017 lief (hessenschau.de).

Was wirft der Verein Ben-Hatira genau vor?

Sein Engagement für die Hilfsorganisation Ansaar International e.V. Ben-Hatira spendete für den Verein wohl rund 2000 Euro (bild.de). Der Verein sagte bento, sie wurden für den Bau eines Brunnen in Ghana verwendet. Ansaar soll laut Verfassungsschutz allerdings Verbindungen zu salafistischen Kreisen haben.

Was sind Salafisten?

Der Begriff kommt aus der Anfangszeit des Islam und beschreibt die ersten Anhänger des Propheten Muhammad. Heute versteht man darunter strenggläubige Muslime – und auch Radikale, die den Islam politisch durchsetzen wollen.

In Deutschland gibt es laut Verfassungsschutz etwa 8350 Salafisten. Rund 680 von ihnen sind als "Gefährder" eingestuft. Das bedeutet, dass ihnen Gewalttaten zugetraut werden (Stand Juni 2017).

Vereinsvertreter, Politiker und auch Fans empörten sich daher über die Verbindung zwischen Ben-Hatira und Ansaar. Beim Spiel zwischen Darmstadt und Borussia Mönchengladbach verteilte die Gruppe Lilienfans gegen Rechts Flyer. Sie forderten Ben-Hatira auf, die Zusammenarbeit mit Ansaar zu beenden.

  • "Wir können nicht akzeptieren, dass solche Leute für Extremisten zur Verfügung stehen", sagte der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU). "Diese Persönlichkeiten des Sports haben eine Wirkung auf junge Leute. Wir haben da eine Verantwortung."

Ben-Hatira wechselte erst im vergangenen Sommer von Eintracht Frankfurt nach Darmstadt. Bei sechs Spielen traf der Mittelfeldspieler einmal ins Tor.

Was sagt Ben-Hatira?

Am Mittwoch und schon in den Tagen zuvor verteidigte Ben-Hatira seine Unterstützung für die Organisation. Am Abend schrieb er auf seiner Facebook-Seite:

"Es gibt wenige Menschen, die eine große Verantwortung tragen, dennoch täglich in den Spiegel sehen können und sich mit stolz selbst erkennen. (HAMDOULILLAH) Gott sei Dank, ich kann das."

Es gibt wenige Menschen, die eine große Verantwortung tragen, dennoch täglich in den Spiegel sehen können und sich mit...

Posted by Änis Ben-Hatira on Wednesday, 25 January 2017

Bereits nach der Flugblattaktion im Stadion hatte sich Ben-Hatira auf Facebook gewehrt:

"Wer meinen Lebenslauf und meine Engagements nur kurz recherchiert, dem wird schnell auffallen, dass ich schon immer ein Typ war, der sich sozial einbringt und vor allem für Völkerverständigung steht, also für die Gleichbehandlung zwischen Menschen verschiedener Hautfarbe, Ethnien oder Glaubensrichtungen kämpft."
Was sagt der SV Darmstadt 98?

bento hat die Pressestelle kontaktiert, aber seit der Vertragsauflösung wollen die Verantwortlichen keine Auskunft mehr geben.

In einer offiziellen Stellungnahme sagte Präsident Rüdiger Fritsch: "Nach Analyse der Gesamtsituation macht eine weitere Zusammenarbeit für beide Seiten keinen Sinn mehr." Die Zusammenarbeit Ben-Hatiras mit der Organisation sei falsch.

Inwieweit darf ein Fußballverein das private Engagement eines Spielers zur Bedingung für einen Vertrag machen? Und in wieweit hat sich der Verein mit der umstrittenen Hilfsorganisation auseinandergesetzt? Die Antworten auf diese Fragen bleibt der Club schuldig.

Was ist an den Islamismusvorwürfen gegen den Verein Ansaar dran?

Ansaar ist seit 2012 als gemeinnütziger Verein registriert und unterstützt nach eigenen Aussagen Entwicklungsprojekte in arabischen und afrikanischen Ländern mit Spendengeldern. Besonders aktiv ist der Verein in Syrien, den Palästinensergebieten, in Somalia und dem Jemen. Ansaar ist Arabisch und bedeutet: Unterstützer.

Allerdings sagen Verfassungsschützer dem Verein Nähe zu islamistischen Bewegungen nach. Demnach sollen die Spenden nicht nur in Hilfsprojekte fließen – sondern auch islamistische Milizen in Kriegsregionen unterstützen. Wer spendet, weiß also nicht, ob mit seinen Geldern Medizin oder Waffen gekauft werden.

Das ist über Ansaar bekannt:

  • Die Hamburger Verfassungsschützer beobachteten 2014 eine Spendengala der Oragnisation für Syrien. Dabei blieb unklar, ob auch Gelder an Al-Qaida nahestehende Gruppen gingen.
  • Der Bayerische Verfassungsschutzbericht von 2015 beobachtete Straßenmissionierungen von Ansaar-Mitgliedern in mehreren bayerischen Städten.
  • Im NRW-Verfassungsschutzbericht von 2015 steht, dass Ansaar Hilfskonvois nach Syrien organisiert und mit deutschen Salafisten in Kontakt steht. Der Verein agiere nur "unter dem Deckmantel der humanitären Hilfe“, sagten Verfassungsschützer der "Westdeutschen Zeitung“.
  • Auch der hessische Innenminister Peter Beuth stuft Ansaar als "fest mit der deutschen Salafisten-Szene verwoben" ein ("Der Tagesspiegel").

Einen direkten Nachweis, dass die Hilfsorganisationen Waffen oder Gelder an islamistische Milizen liefert, nennen die Behörden bislang nicht.

Was unstrittig ist: Muslime, die mit Ansaar nach Syrien reisen wollten, hatten Gelder für islamistische Gruppen gesammelt, darunter der Deutsch-Pakistaner Mirza Tamoor Baig und der Siegener Kais B.O. Letzterer soll in einem abgehörten Telefonat damit gedroht haben, Ungläubigen "die Kehle durchzuschneiden". Baig soll Gelder und einen Krankenwagen an Terroristen weitergegeben haben ("Süddeutsche Zeitung").

Sie sind in einem Video von Ansaar zu sehen, das eine Reise nach Syrien dokumentiert:

Was sagt der Verein Ansaar International selbst?

Wir haben mit Organisations-Chef Joel Kayser gesprochen. Er nennt die Vorwürfe "ungerecht" und den Rauswurf Ben-Hatiras einen "Skandal". Sein Verein betreibe "Völkerverständigungsprojekte" und unterscheide nicht zwischen Muslimen und Christen.

"Wir distanzieren uns von jeglichen Radikalen", sagt Kayser. Sein Verein sei in Krisengebieten "selbst vor Ort" und dadurch nicht darauf angewiesen, mit dubiosen Gruppen oder Milizen zusammenzuarbeiten. Terrorgruppen wie der "Islamische Staat" oder Al-Qaida würden Ansaar in ihrer Arbeit immer wieder behindern.

Auch beim Vorwurf, deutsche Islamisten wie Mirza Tamoor Baig nach Syrien gebracht zu haben, wiegelt Kayser ab: Den hätten sie noch in der Türkei zurückgeschickt und nie bis nach Syrien mitgenommen.

"Vor zwei, drei Jahren waren wir noch ein Stück weit naiv", sagt Kayser. Nicht jeden ehrenamtlichen Helfer habe man sich zu Beginn genau angesehen.


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KZ-Gedenkstätte Buchenwald lädt Höcke von Veranstaltung aus

Der Thüringer AfD-Politiker Björn Höcke ist nach seiner viel kritisierten Rede in Dresden von einer Gedenkveranstaltung im ehemaligen KZ-Buchenwald ausgeladen worden. Während die AfD bis heute keine Konsequenzen gezogen hat (bento), setzt die Thüringer Gedenkstätte ein klares Zeichen. Am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz, sollen die Opfer der Nazizeit nicht auf den radikal-rechten Politiker treffen müssen.

"Nach seiner Rede in Dresden ist eine Teilnahme von Herrn Höcke an der Kranzniederlegung im ehemaligen KZ Buchenwald nicht akzeptabel", sagte der stellvertretende Direktor, Rikola-Gunnar Lüttgenau. (MDR)