Ding-Dong. Niemand da. Zwanzig Sekunden später landet die Benachrichtigungskarte im Briefkasten. Und wieder landet ein online bestelltes Paket unter einer Treppe, in einem DHL-Shop oder beim Nachbar, das in vielen Fällen später sowieso als Retoure zurückgeht. Genau das passiert inzwischen offensichtlich immer öfter: 

Jede sechste Bestellung im Internet wird später wieder zurückgeschickt, wollen Wirtschaftswissenschaftler der Universität Bamberg herausgefunden haben

Doch woran liegt das? 

  • An den kostenlosen Rücksende-Angeboten vieler Onlineshops? 
  • Den irren Impulskäufen, zu uns endlose End-Mid-Season-Sales nötigen? 
  • Oder liegt es nicht eher daran, dass Kleidergrößen nichts mehr aussagen und sich der Regenmantel in "Nude" nach zwei Tagen oft auch nur als beige Rentner-Jacke herausstellt?

Sicher ist: Der Internet-Versandhandel in Deutschland boomt. Allein im vergangenen Jahr wurden zwischen Flensburg und Rosenheim Sneaker, Laptops und Kochtöpfe im Wert von 65,1 Milliarden Euro verschickt, schätzt die Branche. Das ist... viel. Und in diesem Jahr sollen es noch einmal elf Prozent mehr sein.

Keine Postboten, sondern Models in DHL-Outfits.

(Bild: Getty)

Immer öfter bringen die Paketboten jedoch nicht nur Online-Bestellungen vom Lagerort zum Kunden, sondern wenige Tage und Wochen später auch wieder dorthin zurück. 487 Millionen Artikel wurden 2018 zurückgesandt. Eine Menge, die nicht nur absurd groß klingt, sondern auch konkrete Folgen für die Umwelt hat. 

Zusammen belasten die Rücksendungen das Klima so schlimm wie "täglich 2200 Autofahrten von Hamburg nach Moskau", rechnen Wissenschaftler vor.

Das ist nicht nur für Eisbären und Greta Thunberg ein Problem: Auch die Onlinehändler selbst haben durch die vielen Rücksendungen immer öfter wirtschaftliche Probleme. Zalando, lange so etwas wie das H&M unter den Online-Modehändlern, rutschte im vergangenen Herbst sogar in die roten Zahlen. 

In einer Mitteilung des Unternehmens hieß es dazu:

Die Bruttomarge sank aufgrund (…) höherer Kosten aufgrund ineffizienter Aufbereitung retournierter Artikel, die auf operative Fehler zurückzuführen sind und die zwischenzeitlich adressiert und behoben wurden.

Weniger verschwurbelt hieß das: Wir haben mittlerweile soviele Rücksendungen, dass wir nicht mehr damit klarkommen und deshalb jetzt die Gewinnspanne sinkt. Anderen Unternehmen geht es ähnlich. 

Müssen sich all jene jetzt schuldig fühlen, die regelmäßig im Netz einkaufen?

Nein. Tatsächlich sind viele Onlinehändler an der Situation nicht ganz unschuldig: Jahrelang wurden Kundinnen und Kunden damit angelockt, im Zweifel alles kostenlos zurücksenden zu können. 

Oft geht die Rückgabefrist 28 oder 30 Tage lang, obwohl gesetzlich nur 14 vorgeschrieben sind. Bei Zalando sind es sogar 100 Tage.

Vor allem im Modegeschäft lassen sich Rücksendungen ohnehin kaum vermeiden. Ohne Anprobe sehen Schuhe, Kleider und Jacken nach dem Auspacken der Kartons und Tüten oft ganz anders aus als auf den Hochglanzbildern im Netz. Viele Shops präsentieren Hosen für 19 Euro wie Kunstwerke, das macht das Problem nicht kleiner. 

Instagrammer bei einer Veranstaltung der Modemesse "Bread&Butter" in Berlin – passenderweise unterstützt von Zalando.

(Bild: Getty)

Doch selbst wer sich im #Fashion-Wirrwarr zurechtgefunden und erfolgreich bestellt hat, ist vor Überraschungen nicht geschützt. Immer wieder fallen Kleidergrößen ganz anders aus, als man es erwarten könnte. Die H&M-Hosen in Größe 42, die Frauen einen dicken Hintern einreden und eigentlich eher wie 36 oder 38 ausfallen, sind inzwischen legendär (bento). In anderen Shops ist es genau umgekehrt. 

Wenn die Größen passen, bleibt oft unklar, was mit Farbtönen wie "Mauve" oder "Taupe" (übrigens das französische Wort für Maulwurf), eigentlich gemeint ist. Selbst Laptops werden inzwischen mit entsprechenden Angaben verkauft.

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Dass sich mit soviel Trendgespür oft vor allem die Rücksendungen häufen, hat sich zum Glück auch bei den Onlineversandhändlern herumgesprochen. Pro Rücksendung fallen durchschnittlich fast 20 Euro an, schätzen Experten

Immerhin: Die Branche diskutiert deshalb inzwischen über "empathischen E-Commerce" und Möglichkeiten, die Auswahl noch vor dem Kauf möglichst verständlich zu machen. Wer Schuhe bei Adidas gekauft hat, kann beispielsweise seit einiger Zeit angeben, wie groß sie tatsächlich anfallen. Der Zalando-Mitwerber "About You" reagiert auf Konkurrenz und Retouren damit, dass er vor allem komplette Outfits verkauft. 

Diese Kollektionen haben oft absurde Namen wie "Urban Hippie Outfit", "A Day in St. Tropez" oder "White Office Look", versprechen aber aus Kundensicht aber offenbar nicht mehr, als sie auch halten können. Wer sich den weißen Büro-Look von Kopf bis Zehenspitze schon vor dem Kauf vorstellen kann, mag ihn offensichtlich auch nach dem Kauf. 

Bestellen About-you-Kundinnen Kleidungsstücke dennoch in mehreren Größen, werden sie inzwischen auf die Umweltfolgen von Retouren hingewiesen. Allein daduch sollen die Rücksendungen deutlich zurückgegangen sein.

Das mag einfaches Kalkül eines Großunternehmens sein. Am Ende haben aber Kunden und Verkäufer etwas davon, wenn dadurch weniger Onlinekäufe hin- und hergeschickt werden. Bitte mehr davon. 


Gerechtigkeit

Für die Europawahl begeistern? Ja, aber bitte nicht so.
Auf diesen neuen Werbespot für die Europawahl hat wirklich niemand gewartet.

Die Europawahl steht an, doch die Begeisterung für dieses politische Großevent hält sich derzeit noch in Grenzen. Auf Facebook wird stattdessen über die aktuelle Misere des HSV diskutiert, außerdem ist noch nicht abschließend geklärt, ob Dieter Bohlen dem neuen DSDS-Sieger nun gratuliert hat oder nicht. 

Um die Wahlmotivation zu befeuern, hat das Europäische Parlament kurz vor der Wahl noch eine neue Kampagne auf den Weg gebracht. "Wählen Sie Ihre Zukunft" ist der Titel eines Wahlwerbespots, der seit dem Wochenende vor YouTube-Videos geschaltet und vor Kinofilmen gezeigt wird – der aber bisher so mittelmäßig gut ankommt, wenn man sich die Kommentare bei Facebook und YouTube durchliest.