Bild: imago/Westend61
Weiße Turnschuhe, anyone?

Wenn mich jemand fragen würde, ob ich lieber so aussehen möchte wie alle anderen oder so wie niemand sonst, würde ich wahrscheinlich antworten: so wie sonst niemand. Ich würde sagen, dass ich über meine Kleidung meine Persönlichkeit ausdrücke, und behaupten, dass ich so etwas wie einen eigenen Stil habe.

Soweit die Theorie.

Die Realität allerdings sieht so aus, dass ich in der vergangenen Woche zusammen mit drei Menschen im Fahrstuhl stand, die die gleichen weißen Turnschuhe trugen wie ich. So, dass in der Woche davor eine Kollegin und ich beide im Jeansrock und schwarz-weißen Oberteil ins Büro kamen. Und so, dass ich sogar ein ausgefalleneres Kleidungsstück, eine silberne Regenjacke, am Garderobenständer einer Freundin wiederfand.

Allen Individualitätsbestrebungen zum Trotz: Ich sehe aus wie alle anderen.

Dass das nicht nur mir so geht, sondern die meisten anderen Menschen ihrer Peergroup ganz schön ähnlich sehen, macht die Fotoreihe "Exactitudes" anschaulich. Seit 25 Jahren sprechen zwei niederländische Künstler für das Projekt Menschen an, die einen ähnlichen Look haben, laden sie in ihr Studio ein, stellen ihre Fotos zu Doppelgänger-Bögen zusammen. (Mehr Infos auf der Homepage des Projekts)

Die Ergebnisse sehen dann so aus:

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Die Fotos sind lustig. Aber irgendwie auch ein bisschen traurig. Ich fühle mich ertappt. Wenn die zwei in der Hamburger Sternschanze unterwegs wären, könnte ich es mit etwas Glück (oder Pech) auch in so eine Collage schaffen, gemeinsam mit elf anderen Mitte-Zwanzig-Medienfrauen.

Das liegt natürlich zum einen daran, dass ich in die gleichen Geschäfte gehe wie die anderen Frauen in meiner Stadt. Und, Globalisierung sei dank, allmählich auch in die gleichen Geschäfte wie die Frauen in Stockholm, New York oder Kapstadt. Modefirmen agieren längst global, H&M und seine Ableger dominieren Fußgängerzonen auf der ganzen Welt, im Internet kann man sowieso alles von überall her bestellen. 

Modetrends werden weltweit gesetzt und wahrgenommen. Influencer beeinflussen über Ländergrenzen hinweg, Pop- oder Filmstars sind Style-Vorbilder, ihre Bilder sehen Menschen auf der ganzen Welt. 

Natürlich könnte ich mich diesem Mode-Diktat widersetzen. Ich könnte in kleinen Boutiquen einkaufen, in Second-Hand-Läden und auf Flohmärkten stöbern oder meine Klamotten gleich selbst nähen. 

Aber um ehrlich zu sein: So wichtig, dass ich einen Großteil meiner Freizeit mit der Jagd nach Einzelstücken verbringen möchte, ist mir individuelles Aussehen dann auch nicht. Also greife ich eben zu dem, was da ist.

Dass wir uns dem Massengeschmack angleichen, hat auch mit Gewöhnungseffekten zu tun. Denn selbst, wenn ich das, was in Geschäften so auf den Stangen hängt, anfangs nicht so richtig gut finde: Wenn es alle um mich herum tragen, gefällt es mir irgendwann doch. An dieser Stelle greift ein nachweisbarer psychologischer Effekt: Je häufiger wir etwas sehen, desto attraktiver bewerten wir es (uni.vers). Schön ist, was wir kennen. Und so kommt es dann, dass ich mir irgendwann doch die weißen Turnschuhe kaufe, die jetzt alle tragen – obwohl ich früher mal fand, dass sie nach Turnhalle und Fußschweiß aus den Achtzigern aussehen.

Nun gut, könnte man mir nun vorwerfen, die junge Frau ist halt Opportunistin und Konformistin. Den wahren Rebell zeichnet ja eben aus, dass er gegen Mainstream und Gewohnheiten seinen eigenen Stil behauptet.

Doch auch – und manchmal sogar: gerade – Menschen, die sich von der Mehrheit abheben wollen, tun das oft auf erstaunlich uniformierte Weise. Ein US-Forscher beschrieb dieses Phänomen kürzlich als den "Hipster-Effekt": Mithilfe von mathematischen Formeln und Computersimulationen zeigte er auf, dass sich diejenigen, die alles anders machen wollen als der Mainstream, irgendwann alle in die gleiche Richtung bewegen. Und sich am Ende doch wieder untereinander ähneln. So wie Hipster eben.

Auch bei den "Exactitudes" sind Menschen dabei, die "anders" aussehen wollen – Punks, Tätowierte oder "Techno-Hippies" zum Beispiel. 

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Und eigentlich ist das wenig überraschend. Denn letztlich liegt dem Gleich-Aussehen ein ganz simples menschliches Bedürfnis zugrunde: Wir wollen dazugehören, von anderen akzeptiert und gemocht werden. Und der einfachste Weg dorthin ist, so zu sein wie die anderen. 

Kinder, die anders aussehen als andere, werden im Kindergarten ausgelacht. Und auch wenn wir älter werden, ist der Kleidungsstil ein Merkmal von Gruppenzugehörigkeit (Telegraph). Also passen wir uns äußerlich der Gruppe an, zu der wir gehören wollen. Das gleiche Aussehen wird zu einem optischen Bekenntnis, das sich die Mitglieder der Gruppe gegenseitig machen: Ich finde euch gut, ich möchte zu euch gehören. Ich will vielleicht nicht aussehen wie alle anderen – aber wie ihr schon.

Und Menschen brauchen solche Gruppen – egal, wie klein sie auch sind. Denn sie bieten sozialen Halt und Schutz vor Isolation. 

Ein Gefühl, für das wir gerne mit unserer Individualität zu bezahlen bereit sind.


Fühlen

Das eigentliche Übel in der Bahn sind die Mitfahrenden
Folge zwei der Kolumne "Beim Schrottwichteln schenk' ich dir mein Leben".

Ich sag’s, wie’s ist: Ich fahre gerne Bahn. Und ich weiß, wovon ich rede: Nicht nur, dass ich seit zwei Jahren jeden Tag auf dem Weg zur Uni auf die Deutsche Bahn angewiesen bin – nein, ich habe auch noch das Glück, dass mein Freund am anderen Ende Deutschlands wohnt (Bayern – naja, eher Pech für ihn als für mich).

Ich finde, es wird sich einfach viel zu häufig über die Bahn aufgeregt. 

Ja, sie kommt fast immer zu spät. Ja, es fallen häufig Züge aus. Ja, bei Sturm/Schnee/Glätte/Regen/Windstärken von eineinhalb Kilometern pro Stunde kommt es zu "Einschränkungen im Bahnverkehr".