Sechs Kabinen, ein Selbstversuch – und zwei Anrufe bei Experten.

Ich bin eine normal große Frau und wiege normal viele Kilos. Zwischen mir und meinem Körper ist soweit alles in Ordnung – meine Figur bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Und trotzdem gibt es eine Situation, in der mich regelmäßig der Selbstzweifel packt: Wenn ich eine Umkleidekabine betrete.

Neulich zum Beispiel. Ich bin auf eine Hochzeit eingeladen, brauche was zum Anziehen und ging deshalb in ein Geschäft. Die Kleider im Schaufenster gefielen mir, ich nahm fünf Stück mit in die Umkleide. Dort begann der Horror.

Im Spiegel sind auf einmal die seltsamsten Körperstellen hervor getreten. Ich sah traurig aus, müde, ungepflegt, kurz: nicht wie jemand, den man auf seiner Hochzeit haben wollte. 

Ich habe also alle Kleider allesamt verschämt an den "Nee, doch nicht"-Ständer gehängt und nicht nur das Geschäft, sondern gleich die ganze Fußgängerzone verlassen. Für die Hochzeit habe ich immer noch nichts zum Anziehen. Und mein Selbstbewusstsein dafür erst mal einen kleinen Knacks.

Als ich einer Freundin davon erzählte, machte sie ein mitfühlendes Geräusch und pflichtete mir bei, in diesem Geschäft seien die Umkleiden wirklich "besonders schlimm".

Aber stimmt das wirklich? Sind manche Umkleidekabinen wirklich unvorteilhafter als andere – und wenn ja, warum?

Um das herauszufinden, habe ich verschiedene Umkleiden getestet und mich überall in demselben Kleid fotografiert. Anschließend haben wir zwei Experten gefragt, was in den Geschäften eigentlich schief läuft – und ob Besserung in Sicht ist.

Doch zuerst mal zum Umkleiden-Test.

Bei Tageslicht.

Das hier ist das Kleid, in dem ich an diesem Tag unterwegs war. Schlicht, grau, enganliegend – ein Kleid, das einem im Zweifel nichts schenkt.

1

Die erste Station: H&M. Überraschend angenehm!

Gar nicht so verkehrt.

Die Kette ist eigentlich bekannt für Massenware, nicht für ein luxuriöses Einkaufserlebnis. Tatsächlich aber bietet die Kabine gedämpftes Licht von vorne – das ist nachsichtig mit der Haut, und auch das Kleid sieht in Ordnung aus. 

2

Zara. Kann hier jemand das Licht ausmachen?

Urgh.

Preise und Qualität sind ähnlich wie bei H&M, die Umkleiden unterscheiden sich jedoch wie Tag und Nacht. Mein Gesicht liegt zwar im Schatten, dafür bekommt das Kleid viel Licht ab – und zwar von oben. Wozu das führt: Aus meinem Bauch scheint sich eine Avocado zu erheben, auch die Oberschenkel zeichnen sich auf unvorteilhafte Weise ab. Ich ergreife die Flucht.

3+4

& Other Stories und Cos: Teurer macht nicht unbedingt schöner. 

Ist da jemand?

In ersterem Laden ergeht es mir noch ganz in Ordnung – dort ist es, wenn überhaupt, zu dunkel, um überhaupt irgendetwas zu sehen. Vielleicht auch nicht optimal zum Shoppen – aber immerhin bleibt mir der Scheinwerfer-Moment erspart.

Hmmmmmmnein.

Bei Cos meldet sich im harten Licht dann aber nicht nur die Bauch-Avocado zum Dienst, auch die Umrisse meiner Unterwäsche kommen auf einmal zum Vorschein, Hautunreinheiten und Haaransatz senden ebenfalls liebe Grüße.

Immerhin kann man diese Umkleide abschließen, sodass wenigstens niemand versehentlich in diese traurige Szene hineinlaufen kann.

5

Im teuren Kaufhaus fühle ich mich zwischen feinen Verkäuferinnen etwas fehl am Platz.

In der Umkleide mit Alsterblick ist es dafür gar nicht so übel. Die geräumige, dezent beleuchtete Kabine lässt mich im Feinripp-Kleid zwar nicht wie eine Stammkundin, aber immerhin nicht wie ein verirrtes Flusspferd wirken.

Okay, ein bisschen mehr Schlaf könnte ich schon gebrauchen.

6

Die hochpreisige Boutique hat schließlich alle Tricks auf Lager. 

Kann man machen.

Nicht nur die Klamotten, auch die Umkleiden wirken teuer. Das Licht kommt von vorne und von oben – was scheinbar das Zaubermittel gegen Augenringe ist. 

Für ein komisches Gefühl sorgen hier höchstens die Verkäuferinnen, die alle paar Minuten wissen wollen, ob man mir "helfen" könne.

Ein Tag, sechs Umkleiden: Zum Direktvergleich noch mal alles im Schnelldurchlauf.

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Mein Fazit nach zwei Stunden Umkleiden-Hopping:

Tatsächlich macht es einen riesigen Unterschied, in welcher Kabine ich mit dem Kleid stehe. Schon während des Tests habe ich das gemerkt. Wenn ich die Fotos anschaue, wird der Effekt noch um einiges deutlicher.

Während ich mich in einigen Kabinen absolut wohl in meiner Haut (und im Kleid) fühle, finde ich mich in anderen so gruselig, dass ich mich so nie auf die Straße getraut hätte. Dann, wenn das Kleid auf einmal an den ungünstigsten Stellen zu kneifen scheint (Bauch! Oberschenkel!). 

Der Knackpunkt dabei immer wieder: die Beleuchtung. Je nach Lichtverhältnissen wirkt meine Haut mal bleich und krank, mal sonnengebräunt. Mal wird der Körper im Spotlight gnadenlos ausgeleuchtet, mal sanft umschmeichelt. 

Dabei sind es nicht ausschließlich die teuren Geschäfte, die gut abschneiden. Ausgerechnet bei Billig-Anbieter H&M finde ich mich im Spiegel am angenehmsten wiedergegeben.

Und was sagen die Experten dazu?

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Eigentlich ist das Problem schon lange bekannt. Nicht nur Käuferinnen und Käufer beklagen sich seit Ewigkeiten über das unschöne Kabinen-Erlebnis.

Ein Zukunftsforscher warnte bereits vor vier Jahren medienwirksam, dass "fies ausgeleuchtete" Umkleidekabinen Unternehmen viel Geld kosten. Insbesondere um trotz Online-Konkurrenz weiterhin Kunden anzulocken, müssten traditionelle Ladengeschäfte ihre Umkleidekabinen endlich angenehmer gestalten. (SPIEGEL ONLINE)

Axel Augustin, Sprecher des Handelsverband Textil in Köln, ist derselben Meinung: "Die Kabinen werden immer wichtiger – wenn die Käuferinnen und Käufer überhaupt schon mal im Laden sind und nicht online kaufen, muss man sie begeistern."

Wenn alle das so sehen – warum sind die Umkleiden dann trotzdem oft so gnadenlos?

Die Umsetzung ist in erster Linie natürlich eine Kostenfrage. Ein neues Konzept für die Kabinen zu entwerfen, kostet Geld, ebenso wie die Ausstattung selbst. Gerade die Discounter würden für Ladenbau und Licht nur wenig Geld ausgeben, so Haak.

Für die großen Ketten ist es im Zweifel wichtiger, die Läden mit möglichst viel Waren zuzustellen: "Wenn die Umkleidekabinen zu groß sind, könnte es sich möglicherweise nicht mehr rechnen", erklärt Augustin.

Gibt es dennoch Hoffnung?

"Aktuelle Umbauten und Neueröffnungen zeigen, dass die Modehändler die Bedeutung einer gut gemachten Umkleidekabine erkannt haben", sagt Anja Haak. Das Ziel bei der Umkleiden-Gestaltung sei inzwischen, die Kunden sich "wie zuhause" fühlen zu lassen, zum Beispiel mit Teppichen, Sitzgelegenheiten und weichen Materialien wie Samt oder Filz. Auch für das Thema Licht gibt es Lösungen: Lampen, die sowohl Sonnenlicht als auch Büro-Beleuchtung eingestellt werden können, zum Beispiel.

Allerdings muss auch sie einräumen: "Umgesetzt werden diese Dinge bis jetzt allerdings noch sehr verhalten."

Es könnte also noch etwas dauern, bis die Umkleidekabinen überall so gestaltet sind, dass man sich darin nicht wie eine angespülte Qualle fühlt.

Aber bis dahin haben wir immerhin einen Trost: Es liegt nicht an uns.

Mitarbeit: Katharina Hölter


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Hier ist der Comic-Con-Trailer vom 2. Teil der "Phantastischen Tierwesen"
Drei Fakten zur Handlung

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Er heißt "Grindelwalds Verbrechen". Rowling hat das Drehbuch höchstpersönlich zu Papier gebracht.