Bild: Imago (Montage: bento)

Hypegeist

Wie haben sich die Neunziger zurück in unsere Kleiderschränke gemogelt? Und warum tragen gerade alle ihr Handy am Halsband? In dieser Reihe gehen wir der Frage nach, wie es manche Trends geschafft haben, sich durchzusetzen – und was sie über unsere Gesellschaft aussagen.

Heute: das Einkaufsnetz

Was ist es? 

Mehr Loch als Beutel – kann trotzdem einen gefühlten Kubikmeter Material halten.

Wo sieht man es? 

Als ausgewaschene Variante in der Hand der alten Dame von nebenan, während sie ihr Gemüse nach Hause trägt. 

In pastelliger Trendfarbe in der Armbeuge einer hippen Person in der Hamburger Sternschanze, gefüllt mit einer hübschen Decke und einem Buch, das gesehen werden soll.

Was muss man beim Gebrauch beachten? 

Kleine/dünne/spitze Gegenstände sind verboten, werden bei Missachtung dieser Regel aber automatisch aussortiert.

Was ist am Hype überraschend?

Was früher vor allem in der DDR ein billiges, platzsparendes und nicht selten selbstgehäkeltes Hilfsmittel des Alltags war, wird nun als Lifestyle-Accessoire verkauft. Weil kaufstarke Zielgruppen für einen "Häkelbeutel" allerdings vermutlich kaum Geld ausgeben würden, wird häufig die momentan sehr trendige orientalische Knüpftechnik Makramee als Namensgeber bemüht. Hashtag Macramebag.

Warum gerade jetzt?

Ist das Einkaufsnetz ein Symbol der Generation Fridays for Future? Demonstrieren wir mit dem Einkaufsbeutel, wie #zerowaste, öko und plastikfrei wir unsere Salatgurke nach Hause transportieren können? Ja, sagt Peter Schmies, Professor für Mode- und Designmanagement an der AMD Akademie Mode & Design in Düsseldorf. 

"Das Einkaufsnetz zahlt auf zwei große Megatrends unserer Zeit ein", sagt er zu bento. "Einerseits Neoökologie, also ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit, andererseits Individualisierung, weil man diese Beutel auch selbst stricken oder häkeln kann – oder es zumindest behaupten kann." 

Warum ist es Menschen wichtig, beides darzustellen? "Mode ist immer ein Ausdruck der eigenen Persönlichkeit", sagt Schmies. Doch auch die Außenwahrnehmung spiele eine Rolle: "Mit einem solchen Netz, das ich eventuell auch noch selber hergestellt habe, zeige ich: Ich nehme mir die Zeit, etwas Individuelles anzufertigen und tue damit auch noch etwas Gutes für die Umwelt. Damit mache ich in einigen Gesellschaftsschichten viel richtig. In manchen Kreisen ist es einfach angesagt oder sogar gefordert, dass man ein gewisses ökologisches Bewusstsein zeigt und nicht mehr mit einer Plastiktüte herumläuft."

Auch der Retro-Aspekt sagt viel über uns aus. "Das kann bei jungen Menschen viel mit dem Thema Sicherheit zu tun haben – ein weiterer Megatrend unserer Zeit, da wir in einer Welt leben, wo tagtäglich irgendwelche sicher geglaubten Dinge infrage gestellt werden. Da kann ein Rückgriff in die Vergangenheit helfen", so Schmies. Vor allem, wenn man damit die Großmutter assoziiert: "Gerade die jüngeren Generationen haben oft ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und Großeltern. Insofern kann ein solches Accessoire mit einer positiven Erinnerung verknüpft sein", sagt der Wissenschaftler.

Ein oller Maschenbeutel als Spiegel unserer Generation – wer hätte das gedacht.

Bleibt der Trend oder verschwindet er?

Bei Oma bleibt er. Bei den meisten anderen wird in der Armbeuge wohl bald etwas weniger Durchlässiges hängen.


Future

"Bist du jetzt schwul?" Wie es ist, als Mann in einem "Frauenberuf" zu arbeiten
Und als Frau in einem "Männerberuf".

Wenn die Dusche nicht mehr funktioniert, rufen wir in einer Klempnerei an und erwarten – ja, wenn wir ehrlich sind, einen männlichen Klempner. Gleichzeitig denken wir, wenn wir zur Zahnärztin oder zum Zahnarzt gehen, eher auf Arzthelferinnen zu treffen. Die Bilder sind in unseren Köpfen und werden selten hinterfragt.

Beim Vergleich der Top-Ten-Ausbildungsberufe beider Geschlechter aus den Jahren 2016 und 2018 haben die Bildungsexperten des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) allerdings einen Wandel festgestellt: So gibt es immer mehr Frauen in den bislang von Männern dominierten Berufen des Fachinformatikers und des Kraftfahrzeugmechatronikers. Und immer mehr Männer beginnen eine Ausbildung zum Friseur oder zum Zahnmedizinischen Fachangestellten – was sonst eher bei Frauen beliebte Berufe sind.

Trotzdem orientieren sich junge Leute bei der Wahl ihres Ausbildungsplatzes noch an Klischees, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des DIHK, Achim Dercks, den Zeitungen der Funke Mediengruppe (SPIEGEL ONLINE). Das heißt: Auch im Jahr 2018 gab es zum Beispiel eher angehende Kraftfahrzeugmechatroniker und Elektriker und angehende Arzthelferinnen und Friseurinnen. 

Doch es gibt sie, die Ausreißer.

Wir haben mit vier jungen Menschen gesprochen, die einen für ihr Geschlecht untypischen Ausbildungsberuf ergriffen haben.

Warum haben sie sich für ihren Beruf entschieden? Begegnen ihnen Vorurteile? Werden sie anders behandelt – von Kunden oder älteren Kolleginnen und Kollegen?

Lisbany, 29, hat im Februar seine Ausbildung zum Zahnmedizinischen Fachangestellten abgeschlossen.

Bei den Männern ist der Beruf des Zahnmedizinischen Fachangestellten beliebter geworden. War der Beruf im Ranking 2016 noch auf Platz 131, ist er 2018 auf Rang 113 gestiegen. Bei den Frauen lag er 2018 auf Platz drei (SPIEGEL ONLINE).