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"Mein Tattoo entstand auf dem Wohnzimmertisch meiner Mutter."

Türen wurden zugeknallt, Schulranzen flogen durch die Luft. In den späten Neunzigern und frühen Nullerjahren stritten viele Teenager mit ihren Eltern, um ein Arschgeweih zu bekommen. Das Steißbeintattoo war für einige Jahre bei vielen beliebt. Doch schon bald kippte die Begeisterung. Wer ein Tribal zwischen Po und Rücken trug, wurde plötzlich ausgelacht.

Die Zeit des Arschgeweihs war vorbei, die Tinte unter der Haut blieb. In Freibädern und Saunen wird heute noch gekichert, wenn eins zu sehen ist. 

Wir haben sechs Arschgeweih-Trägerinnen gefragt, wie ihr Tattoo heute aussieht – und ob sie ihre Entscheidung von damals bereuen:


Tanja, 34

(Bild: privat)

Ich ließ mein Arschgeweih mit 17 auf einer Tattoo Convention stechen. Mein Vater hatte mir ein bisschen Geld versprochen, wenn ich die Berufsschule sehr gut abschließe. Das war für mich damals ein großer Ansporn. Ich fand die Stelle über dem Po perfekt und freute mich sehr, das weiß ich noch. 

Auf der Convention waren viele Menschen, die am ganzen Körper tätowiert waren. Mein Tattoo wurde spontan und live auf einer Bühne gemacht, das war mit 17 ein richtiges Abenteuer für mich.

Eine Entfernung war trotz allem nie eine Option für mich.
Tanja

Ich war damit total zufrieden, selbst meine Oma mochte es. Für meinen Vater war es dagegen ein Schock, so groß hatte er es wohl nicht erwartet. Mit Mitte Zwanzig hörte ich dann zum ersten Mal, dass ich ja toll sei, aber das Arschgeweih sei einfach nicht schön. Das ärgerte mich.

Vor ein paar Jahren ließ ich es dann überarbeiten. Jetzt ist das Arschgeweih eine Sitzfläche für Schmetterlinge, eine Elfe, Blumen und Blätter. Das sind Motive, die ich mir gut überlegt habe – auf jeden Fall besser als das erste Tattoo. Eine Entfernung war trotz allem nie eine Option für mich. 


Sylke, 32

(Bild: privat)

Mein Tattoo entstand auf dem Wohnzimmertisch meiner Mutter – völlig unprofessionell. Ich war damals 15, der Tätowierer ein Kumpel meines Vaters. Er kam vorbei und ich durfte mir spontan etwas aussuchen. Die ganze Geschichte klingt natürlich wie aus einem schlechten Film, aber ich war einfach jung.

Das Motiv hatte für mich keine Bedeutung. Ich glaube, ich wollte es einfach haben, weil es in war. Ich weiß noch, dass ich in der Schule damals viel Aufmerksamkeit bekam, was ich total toll fand. Später war ich oft neidisch, weil die meisten anderen Tattoos natürlich viel schöner aussahen.

Mein Tattoo entstand auf dem Wohnzimmertisch meiner Mutter.
Sylke

Das Tribal ist heute völlig vernarbt und uneben. Es sitzt schief und sieht einfach grottig aus. Zum Glück sehe ich es nicht so oft. Mein Sohn ist 14. Ich würde ihm so etwas natürlich nie erlauben, als Teenager ist man viel zu sprunghaft. Ich finde es unverantwortlich, dass meine Eltern das damals erlaubten. Mit meiner heutigen Lebenserfahrung denke ich, dass es sehr sinnvoll wäre, wenn sich Menschen erst ab 18 tätowieren lassen dürfen.


Carina, 34

Carina möchte nicht, dass Kollegen und Bekannte sie erkennen können. Deshalb ist das linke Foto ein Symbolbild.(Bild: Unsplash/privat)

Vielleicht ist es peinlich, aber mit 18 wünschte ich mir mein Arschgeweih wirklich. Meine Eltern hatten es mir davor nicht erlaubt und im Freundeskreis war ich die einzige. Warum ich es wollte, weiß ich heute nicht mehr. Ich denke, es war ein Akt der Rebellion. Ich wollte anders sein.

Der Trend war damals eigentlich schon fast wieder vorbei. Viele Freunde warnten mich, dass ich es irgendwann bereuen würde. Persönlich angefeindet wurde ich nie, aber Komplimente gab es auch nicht. Als die sozialen Netzwerke aufkamen, ging es mit den Witzen richtig los. Wenn sie laut vorgelesen wurden, stand ich oft daneben und dachte mir nur: Wenn ihr wüsstet. 

Hätte ich heute die Wahl, würde ich damit lieber in den Urlaub fliegen.
Carina

Irgendwann wurde es mir richtig unangenehm, das Tattoo zu zeigen. Im Schwimmbad oder in der Sauna zog ich bewusst Badeanzüge an, im Büro lange Unterhemdchen, die man in die Hose stecken konnte. Seit sieben oder acht Jahren geht das jetzt schon so. Ich habe inzwischen eine Ausbildung gemacht, BWL studiert und arbeite im Produktmanagment. Eigentlich das Gegenteil der Klischees. 

Trotzdem will ich mich nicht mehr schämen. Deshalb habe ich mich entschlossen, mein Arschgeweih mit dem Laser wegmachen zu lassen. Die Entfernung kostet eine Menge. Hätte ich heute die Wahl, würde ich damit lieber in den Urlaub fliegen.


Sabrina, 34

(Bild: privat)

Ich habe es mir mit 18 stechen lassen, also 2002. Es war mein erstes Tattoo. Ich hatte damals einen Freund, der einen Tätowierer kannte. Tätowiert wurde in seinem Wohnzimmer. Mein Freund ließ sich den Unterarm tätowieren, ich das Arschgeweih machen. Ich liebte ihn und hätte alles gemacht.

Damals dachte ich über die Bedeutung nicht wirklich nach, ich wollte einfach eins haben. So sieht es auch aus, heute unvorstellbar. Trotzdem gehört es zu mir. Es ist schlecht gestochen. Viel zu tief und vernarbt. Aber es erinnert mich an die wilde Zeit von damals. Deshalb würde ich es mir nie wegmachen lassen.

Ich habe ihn geliebt und hätte alles gemacht.
Sabrina

Ich finde die Klischees doof. Ich arbeite im öffentlichen Dienst, da gibt es immer wieder kritische Blicke, wenn man davon erzählt. Aber ich bin nicht asozial, sondern einfach eine junge Frau. Es gehörte einfach zu der Zeit wie Schlaghosen, hohe Buffalos und Boygroups.


Nina, 31

(Bild: privat)

Ich war damals 19 und ließ es mir einfach spontan stechen. Dass das Tattoo keine konkrete Bedeutung hat, war eine ganz bewusste Entscheidung. Symbole können sich ja auch verändern und ich wollte nichts, das irgendwann zur schlechten Erinnerung wird. Ich habe es jetzt seit 12 Jahren und bereue es wirklich kein Stück. 

Klar wurde ich dafür schon öfter belächelt, dennoch stehe ich dazu. Da meine Bauchfrei-Zeit schon länger vorbei ist, sieht man es ohnehin nicht oft. Ich finde, dass Frauen sich nicht für ihr Steißbein-Tattoo schämen sollten. 

Bezeichnungen wie "Arschgeweih" oder "Schlampenstempel" sagen viel darüber aus, wie oft über Frauen geredet wird.
Nina

Natürlich muss man das nicht mögen. Aber ich will keine Diskussionen führen, bei der andere Menschen meinen Körper beurteilen. Das macht bei Männern doch auch keiner.  Bezeichnungen wie Arschgeweih oder "Schlampenstempel" sagen viel darüber aus, wie über Frauen geredet wird. Gerade wenn sie noch jung sind.

In der Schule wurde ich damals oft gewarnt, dass ich mein Tattoo noch bereuen würde. Das ist bis heute nicht passiert. Ich bin weder asozial geworden, noch habe ich drei Kinder von drei verschiedenen Vätern. Im Gegenteil, ich würde das Arschgeweih auch heute wieder stechen lassen. Die Stelle ist doch super!


Andrea, 37

(Bild: privat)

Als ich mein Steißbein-Tattoo bekam, war der Trend noch ganz neu. Ich hatte davor schon ein chinesisches Zeichen und wollte noch was Neues machen. Ich war damals 20 und hatte mein Studium begonnen. Das Motiv war eigentlich viel zu klein und wurde einfach aus einem Katalog genommen. Trotzdem war ich zufrieden.

Schwierig wurde es erst später. Als ich schon Ende Zwanzig war, gab es einen Party-Song von Micky Krause, in dem das Arschgeweih besungen wurde. Das Tattoo wurde plötzlich Zeichen für Frauen, die ein schlechtes Image haben. Freunde fragten mich, ob ich es nicht bereue. Seitdem war mir die Sache eigentlich nur noch peinlich.

Viele wollten ihr Arschgeweih wieder loswerden.
Andrea

Als Mutter von vier Kindern wollte ich nicht, dass man im Kindergarten oder beim Elternabend schlecht über mich denkt. Im Büro konnte ich es zum Glück verstecken, peinlich war es trotzdem. Deshalb habe ich es irgendwann entfernen lassen. Dabei merkte ich, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Viele wollten ihre Jugendsünden wieder loswerden.

Irgendwann dachte ich mir, das kann ich auch. Während meines Medizinstudiums machte ich mich deshalb mit einem eigenen Studio für Tattoo-Entfernungen selbstständig. Inzwischen ist die Sache richtig groß geworden. Wir haben mittlerweile Filialen in ganz Deutschland, viele Menschen möchten nicht mit ihren Jugend-Tattoos alt werden. Für mich hatte das Arschgeweih deshalb durchaus auch gute Seiten.


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