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Was muss man tun, um als Jugendlicher von den Alten akzeptiert zu werden?

Es war noch nie leicht, es den älteren Generationen recht zu machen: Ob man mit Mofas zu laut brettert oder sich mit Elektrorollern gruselig leise heranpirscht, ob die Baggy bis ins Knie hängt oder die Skinny Jeans im Schritt kneift, ob man politisch desinteressiert ist oder junge Leute zu Hundertausenden auf der Straße stehen und das Klima retten wollen, nervig sind junge Menschen in jedem Fall. 

Jüngstes Beispiel, bei dem junge Menschen mal wieder endgültig über die Stränge schlagen: In Rottweil versammeln sich Jugendliche zu einem gemeinsamen Beutel... 

...Sonnenblumenkerne

Und die Erwachsenen™ so:  

Der überschwängliche Kerne-Konsum ist in Rottweil gerade zum Politikum geworden. Die Lokalzeitung "Schwarzwälder Bote" teilte bei Facebook ein Bild der als "Pistazien (oder ähnliches)" identifizierten Plage. 

Derzeit der Renner in der City: Pistazien (oder so was ähnliches). Im Bild fehlt: der Besen. ;-) Rottweil #citylife

Posted by Schwarzwälder Bote Rottweil on Friday, March 22, 2019

Die Handvoll Kommentare unter dem Beitrag nahm das Blatt zum willkommenen Anlass, die offenbar lange Zeit schwelende "Diskussion um Bußgelder für Müllsünder" für wieder aufgeflammt zu erklären. (Schwarzwälder Bote

Dass viele der Kommentare allerdings hämisch sind – ob der Unfähigkeit, einen Sonnenblumenkern zu erkennen – verschweigt der Beitrag. Er widmet sich stattdessen der genauen Beschreibung der Exzesse: 

"Auch vor dem Fenster unserer Redaktion am Friedrichsplatz können wir die genüsslich speisenden Jugendlichen regelmäßig beobachten. Hinterher ist der Boden von Schalen übersät." 

Dabei sind die Kerne eines der leckersten Symbole unserer zusammenwachsenden Welt

Warum snacken jetzt alle Sonnenblumenkerne? 

In Russland, Osteuropa und der Türkei ist die Kernspaltung schon lange alltäglich. Geknackt wird bevorzugt mit den Zähnen, nur Anfänger ziehen den Kern mit der Hand aus der Schale. Zuhause gibt es spezielle Behälter zum Ausspucken der Hülsen, unterwegs muss aber oft die Straße als Abfalleimer dienen. Selbst im Fußballstadion sind die Kerne in nahezu ganz Osteuropa Snack Nummer 1, ebenso in vielen Stadien der US-Baseball-Liga. (UEFA

Die Antwort darauf, welche Kultur nun den größeren Anteil am Kern-Hype in deutschen Städten hat, birgt sicher Konfliktpotenzial. Immerhin ist die Kunst, den Kern nur mit Zähnen und Zunge aus der Schale zu befreien, oft von den Eltern gelehrt und identitätsstiftend. Gemessen an aktuellen Mode- und Musiktrends waren es aber wahrscheinlich noch eher als die türkischen Einwanderer die Russlanddeutschen, die den Trend in den letzten Jahren vollends bekannt machten. 

Die Spätaussiedler brachten aus dem russischen Raum die Subkultur der "Gopniki" mit: russische Kleinkriminelle, die in Parks und Innenstädten rumhängen. Deren böses Image ist in den vergangenen Jahren verloren gegangen, statt Angst haben die meisten Russen eher Spott und Häme für die Aushilfsganoven aus den Slums übrig. 

(Bild: Screenshot aus "GOPNIK" von Olexesh)

Die Ästhetik der Gopniki – gefälschte Trainingshosen, Cap, Russenhocke und Sonnenblumenkerne ("semetschki") – ist dabei deutlich erfolgreicher gewesen als die meisten ihrer Anhänger. 2014 brachten Designerinnen und Designer der hässlich-ironischen Luxus-Labels Vetements und Balenciaga den Stil ins Netz und in die Läden, H&M und Urban Outfitters zogen nach. (Tagesspiegel)

Dass Youtuber wie die satirischen Ost Boys oder Musiker wie Capital Bra und Olexesh den Gopniki-Style tragen, hilft zusätzlich, ihn außerhalb der Kieze weiter zu verbreiten. 

Die Sonnenblumenkerne folgten. Und das, obwohl wir heute mit den stilistischen Vorbildern genausowenig Lebensrealität teilen, wie deutsche 90er-Dorf-Kids mit rumballernden Eastcoast/Westcoast-Rappern. 

Was tun gegen die Kerner? 

In anderen deutschen Städten mit traditionell hohem Anteil an türkischen, osteuropäischen oder russischen Migranten gehören die Sonnenblumenkerne seit Jahrzehnten zum Alltag – durch alle Altersklassen hinweg sind sie beliebt. Berlins knackiger Geräuschkulisse wurden schon Kolumnen gewidmet: "Alle spalten sie Sonnenblumenkerne. [...] Türken nennen sie 'eglencelik', was so viel bedeutet wie 'für das Vergnügen'." (Tagesspiegel)

Ganz unvergnügt gibt man sich aber in Rottweil. Die örtliche Jugend möge sich mit ihrem Knabber-Kult nach Wunsch der älteren Einwohner bitte schleunigst aus dem Stadtkern verziehen. 

„Früher hätte jeder Erwachsene den Gören da für so ein Benehmen erstmal Schellen verteilt. Zuhause hätte es auch nochmal welche gegeben.“
Facebook-User Sergei

Man muss täglich nur wenige Kommentare auf Facebook lesen, um zu realisieren: Viele wünschen sich heute wieder Zeiten zurück, in denen körperliche Züchtigung auf der Tagesordnung stand. #früherwarallesbesser, weiß man ja

Da die zeitgemäße "Political Correctness" diese Maßnahme verbietet, muss anders Abhilfe geschaffen werden. Der von Teenie-Hassern entwickelte "Mosquito" wäre eine Möglichkeit. Als das tellergroße Gerät auf den Markt gebracht wurde, bewarb es der walisische Hersteller mit diesen menschenfeindlichen Zeilen: 

"Leidet ihr Geschäft unter dem asozialen Verhalten von Jugendlichen? Ärgern Sie sich über Teenagerbanden, die in Ihrer Straße herumhängen und Ihr Leben unerträglich machen? Mosquito ist eine unschädliche Lösung für ein modernes Zivilisationsproblem." (fudder)

Der Lautsprecher aus England sendet im Umkreis von etwa 25 Metern einen hochfrequenten, mückenartigen Ton ab, den ausschließlich junge Menschen hören können. Der Ton ist Forschern zufolge so unangenehm, dass selbst Kerne kauende Jugendliche schnell das Weite suchen. Kaffee- und Kuchen-Exzesse können damit aber ungestört stattfinden, alte Menschen nehmen das Geräusch aufgrund von biologischen Faktoren nicht wahr. (SPIEGEL ONLINE)

So wäre man sie schnell los, diese nervigen jungen Leute, die Sonnenblumenkerne knacken. Die so politisch korrekt sind, dass selbst ihr hinterlassener Müll noch biologisch abbaubar ist. Die mit ihren multikulturellen Freundeskreisen diskutieren, wie man den verschwenderischen Lebensstil der Vorfahren bremsen kann. Oder ob es für sie im aktuellen Wirtschaftssystem überhaupt noch eine Zukunft oder zumindest einen brauchbaren Ausbildungs- oder Arbeitsplatz geben wird. 

Ob solche Gespräche von den Alten tatsächlich gehört werden, oder nur von jungen Menschen wahrgenommen werden können, ist unter Forschern allerdings bis heute umstritten. 



Gerechtigkeit

Wikipedia muss sich entscheiden: Will sie Frauen stärken?

Eine Liste mit Science-Fiction-Autorinnen hat bei der Wikipedia zu einem Streit geführt: Vor allem Männer hielten die Übersicht für überflüssig. Zwischenzeitlich war sie gelöscht. Nun könnte der Streit aber dazu führen, dass Frauen in Zukunft auf Wikipedia sichtbarer werden.

Freiwillige Autorinnen und Autoren schreiben die Einträge des Online-Lexikons. Sie nennen sich Wikipedianer und Wikipedianerinnen. Wer lange dabei ist und viel mitschreibt, darf mitentscheiden. Zum Beispiel über einen neuen Standard für die Nennung des Geschlechts in Personenlisten. Das klingt nach einem technischen Detail. Tatsächlich geht es um eine weitreichende Frage: 

Schafft es die deutsche Wikipedia, ein ziemlicher Männerclub, sich endlich für Frauen zu öffnen?

Mit der Liste der Science-Fiction-Autorinnen wollte Theresa Hannig nur "eine Lücke in der unendlichen Weite des Internets schließen", schreibt sie in ihrem Blog. Die Autorin und Softwareentwicklerin suchte nach deutschsprachigen Science-Fiction-Autorinnen. Weil sie nichts finden konnte, beschloss sie am 12. März, selbst eine Liste bei Wikipedia anzulegen.

Dass das deutsche Online-Lexikon vor allem von Männern betrieben wird, wusste Hannig. Studien und Umfragen gehen davon aus, dass 90 Prozent der Wikipedia-Schreiber Männer sind. (SPIEGEL ONLINE)

Eine Frauenquote von zehn Prozent: mieser als bei der Bundeswehr oder der AfD. Nur bei der Feuerwehr sieht es schlimmer aus. Es gibt Versuche bei der Wikipedia, gegenzusteuern, etwa mit Workshops für Autorinnen oder Treffen, bei denen gezielt Einträge über Frauen angelegt werden. Bei einer Männerquote von 90 Prozent steht automatisch immer der Verdacht im Raum, dass weibliche Themen zu wenig Beachtung finden.

Wie anstrengend der Kampf als Frau auf Wikipedia ist, erfuhr Hannig in den darauffolgenden zwei Wochen. 

Noch am selben Abend stellte ein Nutzer einen Löschantrag. Die Liste sei "überflüssig" und "dubios". Über den Löschantrag diskutierte dann die Wikipedia-Community.

Das wichtigste Argument für die Löschung: Eine Liste nur mit weiblichen Science-Fiction-Autorinnen sei redundant, weil es bereits eine gemischte Liste mit Autoren und Autorinnen und somit keinen Mehrwert gebe.

Die Argumente von Hannig und ihren Unterstützerinnen und Unterstützern: Die Liste erleichtere die Recherche, weil die gemischte Liste zu diesem Zeitpunkt nicht nach Geschlecht gefiltert werden konnte. Die Liste würde Autorinnen in diesem Genre sichtbarer machen. 

Hannig bekommt Zuspruch: Nach ihrer Zählung hatte ihre Liste 62 Befürwortende und 20 Gegenstimmen. Aber: "Löschdiskussionen sind keine Abstimmungen", schreibt der, wie der Name vermuten lässt, männliche Administrator Karsten11. Was gelöscht wird, kann im ersten Schritt einer der 178 Wikipedia-Admins allein entscheiden. Das sind die Regeln. Am 23. März löscht Karsten11 die Liste. 

"Wie soll ein Neuling wie ich da noch Lust haben mitzuwirken?", fragt Hannig. Sie spricht von einer "Clique der mächtigen Wikipedianer, die fast nur aus Männern besteht. Die könnten es nur schwer ertragen, dass etwas außerhalb ihrer Meinung existiere." Wer es in diese Clique schaffen will, braucht vor allem viel Zeit. Wer zum Wikipedia-Admin gewählt werden will, sollte mindestens ein Jahr Erfahrung und eine deutlich vierstellige Anzahl von Bearbeitungen aufweisen können.

Gendersternchen-freie Zone

In Artikeln auf Wikipedia wird das generische Maskulinum genutzt. So steht es in den Richtlinien. Auch wenn sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass damit Frauen nicht automatisch mitgedacht, mitgemeint und mitgehört sind, wie Studien festgestellt haben. Noch gibt sich die Wikipedia immun gegen eine Veränderung der Sprache. Wer darauf Wert legt oder sogar Gendersternchen nutzen will, wird hier nicht glücklich.

Die Löschdiskussion sorgte aber dafür, dass nun über eine Frage mit weitreichenden Folgen abgestimmt werden könnte: 

Ändert die Wikipedia ihren Umgang mit Frauen?

Der Wikipedianer Nils Simon hat am 18. März ein Meinungsbild entworfen und will von der Community wissen, ob die Nennung des Geschlechts in Personenlisten künftig als Standard eingeführt werden sollte. So könnten Listen künftig nach Geschlecht gefiltert werden. Eine weitere Option könnte sein, Listen nur mit Frauen künftig zu erlauben. Schließlich könnten Listen auch umbenannt werden: "Autorinnen und Autoren", damit Frauen nicht nur mitgemeint sind.

Ein Meinungsbild ist die höchste Entscheidungsinstanz bei Wikipedia. Es kommt nur selten zur Abstimmung. Ein Ergebnis ist bindend

Doch auch wenn Hannig Unterstützung aus der Community erhält, ist die Abstimmung kein Selbstläufer. Bisher hat das Meinungsbild erst fünf der nötigen zehn stimmberechtigten Unterstützer und Unterstützerinnen gefunden. 

Weicht die Community der Grundsatzfrage aus?

Stimmberechtigt sind nur Wikipedianer und Wikipedianerinnen, die mindestens zwei Monate aktive Mitarbeit und mindestens 200 Bearbeitungen vorweisen können. Dazu gehört Theresa Hannig nicht. Von ihrem Plan, Frauen bei Wikipedia sichtbarer zu machen, will sie sich trotzdem nicht abhalten lassen: Sie sucht aktive Wikipedianer und Wikipedianerinnen und bittet sie, am Meinungsbild teilzunehmen.

Die Liste der Science-Fiction-Autorinnen habe inzwischen eine weibliche Wikipedia-Admin wiederhergestellt, so Hannig. Sie fürchtet aber, die Liste könne jederzeit erneut gelöscht werden. Außerdem gebe es noch viele weitere Listen, auf denen Frauen untergehen und nicht gesammelt angezeigt werden könnten.