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Klären wir das – ein für alle Mal

Der Kleiderschrank ist prall gefüllt. Es gibt 15 T-Shirts zur Auswahl und 17 passende Hosen dazu – und trotzdem gefällt uns nichts davon. Gern fällt in solchen Situationen der Satz "Ich habe nichts zum Anziehen“.

Klären wir das – ein für alle Mal

In dieser Rubrik beantworten wir kleine Fragen des Alltags. Wenn du auch gerne eine beantwortet hättest, schreib uns an fuehlen@bento.de.

Der Gedanke ist schwachsinnig, völlig klar – aber woher kommt das Gefühl? Und was können wir dagegen tun? Wir haben mit zwei Psychologen darüber gesprochen: Petra Jagow ist selbstständige Diplompsychologin und Expertin für "Personal Branding“, Wilhelm Schilling ist Vorsitzender der Sektion Wirtschaftspsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Warum ist uns das Outfit überhaupt so wichtig?

"Das Gefühl, die richtige Kleidung zu tragen, gibt vielen Menschen Halt“, sagt Petra Jagow. "Wir können damit Zugehörigkeit ausdrücken und gleichzeitig zeigen, dass wir unsere Individualität behalten, uns nicht übermäßig anpassen.“ Wir glauben, dass uns andere nach unserem Aussehen bewerten.

Wir unterstellen, dass sie anhand unserer Klamotten entscheiden, ob wir cool genug sind, viel Geld haben, Wert auf nachhaltige Produktion legen, professionell genug für einen Job sind – je nach dem, wen wir treffen. "Natürlich gibt es noch immer Menschen, denen die Garderobe nicht so wichtig ist“, sagt Jagow. "Aber tendenziell haben Äußerlichkeiten wie das passende Outfit einen großen Stellenwert.“

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Voller Schrank und "Nichts zum Anziehen"? Keine Sorge: Du bist nicht verrückt - die Ansprüche an Kleidung sind einfach verdamm hoch!
Was macht die Wahl so schwierig?

Eigentlich ist der Schrank voll mit Klamotten, die zu Jobs, Familienfeiern oder Partynächten passen. Warum fällt die Entscheidung trotzdem so schwer? "Psychologisch gesehen ist das ein komplexer Prozess", sagt Wilhelm Schilling. "Überall werden unterschiedliche Anforderungen an unsere Kleidung gestellt, gleichzeitig gibt es immer weniger verbindliche Regeln. 

Außerdem erleben wir Tage, an denen wir gute Seiten herausstellen möchten, an anderen wollen wir uns hinter der Kleidung verstecken.“ All diese Informationen rasen durch unseren Kopf, während wir einen Pulli nach dem anderen an- und wieder ausziehen. "Dann kommen noch Erziehung und eigene Erfahrung hinzu: Was habe ich gelernt, worauf sollte ich besonders achten? Häufig stellt sich dann das Gefühl ein: Ich habe nichts, was all diese Anforderungen erfüllt.“

Alle Folgen "Klären wir das- ein für alle Mal" gibt es hier:

War das schon immer so? Oder ist das ein Luxusproblem der heutigen Zeit?

"Kleidung hatte schon immer einen großen Stellenwert, aber viele Menschen hatten früher nicht so eine große Auswahl", sagt Schilling. Mittlerweile hängt nicht nur ein mögliches Outfit für ein Date im Schrank, sondern 20. Das erschwert die Auswahl – und oft wird es mit jedem Stück, das wir anprobieren, schlimmer. 

"Außerdem hat sich der Rhythmus der Mode extrem beschleunigt: Was vor einem Jahr noch angesagt war, wird heute schon als minderwertig eingeschätzt", sagt Schilling. "Dadurch entsteht schneller das Gefühl, dass nichts im Schrank hängt, was der aktuellen Mode entspricht." 

Instagram macht es nicht einfacher. Wir sind ständig damit konfrontiert, was andere tragen, werden mit Trends überflutet – vielleicht posten wir selbst täglich Bilder von unserem "Outfit of the Day" – und das muss natürlich mega aussehen.

In welchen Situationen sind wir denn besonders überfordert?

Oft geht es gar nicht darum, dass besondere Ereignisse anstehen. Auch an ganz normalen Tagen können wir völlig gestresst vor dem Schrank stehen. "Jeder hat Tage, an denen er sich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen möchte", sagt Petra Jagow. "Da braucht man Kleidung, mit der man möglichst unbemerkt durch den Tag kommt.“ 

Und natürlich haben wir Frauen es an bestimmten Tagen im Monat besonders schwer: "Für Frauen mit PMS (hormonell bedingten Schmerzen und Stimmungsschwankungen) ist es besonders schwierig. Da kann man sich selbst nicht leiden, fühlt sich aufgeschwemmt, selbst das Lieblingsteil passt plötzlich nicht mehr." Da hilft nur: Irgendetwas finden, in dem wir den Tag überstehen: nicht zu auffällig, nicht zu eng, nicht zu körperbetont.

Es ist also schwierig. Aber was können wir dagegen tun?

"Es hilft, wenn man sich dieses Phänomen erst einmal bewusst macht und für sich herausfindet, was dahintersteckt", sagt Wilhelm Schilling. "Möchte ich durch meine Kleidung bewusst etwas darstellen – und wenn ja: Was? Oder geht es mir eher darum, dass ich mich verstecken möchte?" Dieses Wissen kann helfen, die eigene Psyche ein wenig zu durchblicken und in Zukunft vielleicht einfacher zu entscheiden.

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Tipp: Finde heraus, was die Kleidung ausdrücken soll!

Kurz bevor man los muss, wird das aber nichts. "Wenn man feststellt, dass man häufig Schwierigkeiten mit der Wahl der Kleidung hat, sollte man sich mal in Ruhe hinsetzen und darüber nachdenken, was einem wichtig ist und warum das so sein könnte. Für jeden von uns kann das sehr unterschiedlich sein." Die Formel "Schwaches Selbstwertgefühl = Probleme mit der Klamottenwahl" ist aus psychologischer Sicht zu einfach – auch wenn es natürlich immer hilft, wenn wir uns selbst mögen.

Und wenn es schnell gehen muss?

Keine Zeit für lange Reflexion, weil die Bahn in zehn Minuten fährt? In dieser Situation hilft: auf Klassiker zurückgreifen. "Wir sollten uns klarmachen: Was sind Looks, mit denen wir uns sicher und wohl fühlen? Sie sind vielleicht nicht der Burner, aber immerhin machen wir damit nichts verkehrt“, sagt Petra Jagow. Wenn wir schon am Abend vorher befürchten, am nächsten Tag überfordert zu sein, können wir schon etwas rauslegen. 

"Was habe ich sonst an, was in dieser Situation passt? Wir können ein Outfit entwerfen, das wir notfalls am nächsten Tag tragen können." Es hilft übrigens, wenn man morgens nicht zu viel Zeit für die Entscheidung hat. Denn: "Je länger wir vor dem Schrank stehen, desto schwerer fällt uns die Wahl oft."

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Tipp: Für den Notfall ein Outfit entwickeln, das immer funktioniert!
Hilft es denn, wenn wir von Zeit zu Zeit ausmisten?

Mit zwei großen Säcken auf den Flohmarkt oder zur Altkleidersammlung gehen – wie befreiend. Und auch aus psychologischer Sicht sinnvoll: "Wir haben alle Fehlkäufe im Schrank. Wir wollen wir mal etwas Neues wagen und nicht immer so sein, wie uns jeder kennt“, sagt Petra Jagow. "Oft ist das aber eine Fehleinschätzung: Man wäre vielleicht gerne so, dass es zu dem gewagten Outfit passt. Aber man ist es nicht" 

Vor allem im Urlaub kaufen wir gerne Teile, die wir zurück im Alltag nie tragen – und uns ständig darüber ärgern. Also weg damit. Auch Sachen, die zu eng geworden sind, sollten dringend verschwinden. "Kleidung, in die wir nicht mehr hineinpassen, sollten wir unbedingt ausmisten“, sagt Petra Jagow. "Sonst machen wir uns jedes Mal einen Vorwurf, wenn unser Blick darauf fällt." Und das macht die Situation vor dem Kleiderschrank noch viel schlimmer. 


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14 Tweets, nach denen du Ostern mit der Familie doch ganz witzig findest

Es fängt ja schon damit an, dass der erste April UND Ostersonntag auf einen Tag fallen.