Bild: Hannah Senoner
Mit Messer!

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in langer, gut gepflegter Bart – es gibt wohl nichts, das mehr mit Hipstern in Verbindung gebracht wird. Und viele Hipster, auf Instagram, in Blogs, in meinem Freundeskreis, erzählen: Sie rasieren sich ihren Bart nicht mit einem Rasierhobel, sondern mit einem Messer

Okay. Ich bin zwar kein Hipster, aber mich reizt das Risiko. Schaffe ich das, was angeblich gerade Kult ist, auch? Und ist das dann wirklich besser, männlicher, cooler als die einfache Nassrasur mit meinem Vier-Klingen-Rasierhobel?

Antwort auf meine Fragen soll mir ein Seminar liefern. Titel: "Nassrasur: Theorie & Praxis mit Materialkunde und Erlernen der Technik".

Treffpunkt: das "Barber House" in München. Es ist einer der Läden, die gerade in allen deutschen Großstädten hip sind. Frisöre, nur für Männer. Maniküre und Pediküre, nur für Männer. Wellness-Oasen, klischeemännlich, mit Backsteinlook und viel schwarzem Interieur. 

Im "Barber House" stehen vier Ledersessel aufgereiht vor großen Spiegeln. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos amerikanischer Barber-Shops aus einer Zeit, in der hingebungsvolle Bartpflege für Männer noch selbstverständlich war. Eine künstliche Nostalgie.

Vinzent und das Messer: (Bild: Hannah Senoner)

Das Seminar kostet 99 Euro. Der Reiz des Messers hat auch sechs andere Männer hergezogen. Ein kurzer Blick in die Runde, viele Bärte: ein Tag alt, sieben Tage alt, Oberlippe und Kinn, voll exklusive Hals, voll inklusive Hals. Ich habe mich vor zwölf Stunden zuletzt rasiert und nur leichten Bartwuchs.  

Der Bartdozent Simon Schulz, 21 Jahre alt, gezwirbelter Schnurrbart, beginnt mit Theorie. Auf dem Tresen vor ihm liegen Messer, Lederriemen, Pre-Shave-Seifen, Rasierseifen, Pinsel, Aftershaves, Balsame. 

"Männer haben keine empfindliche Haut", sagt Schulz. "Sie rasieren sich nur falsch." Gelächter.

Wer Rasierer mit Mehrfachklingen verwende, würde jede Stelle öfter rasieren und damit reizen, erklärt Schulz. Das Messer hingegen habe nur eine sehr scharfe Klinge und sei deswegen effizienter.  

So lief das Seminar ab – die Bilder:
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Viele würden Rasierschaum verwenden, was die Haut abkühle, sagt Schulz. Dabei müsse sie für die Rasur warm sein. Besser eigne sich Seife. Rasierwasser sei auch nützlich, allerdings pimpe er sich seins mit Menthol. Das sei gut für die Poren.

Rasieren ist offenbar kein Akt der rohen, sondern der einfühlsamen Männlichkeit, denke ich. Der messerrasierende Mann nimmt sich Zeit. "Ich rasiere mich nur abends, ohne Stress", sagt Schulz. "Dafür mit Ruhe und guter Musik." 

Weil Schulz kein ausgebildeter Barbier ist, übergibt er für den Praxisteil an Selami Öztas, Rund-um-den-Mund-Bart-Träger. "Niemals versuchen, das Messer zu fangen, wenn es runterfällt", sagt der gleich zu Beginn.

Vinzent und Öztas: "Niemals fangen, wenn es runterfällt"(Bild: Hannah Senoner)

Ich greife zum gehärteten Stahl. Wir rasieren heute mit Shavetten – Messer mit austauschbaren Klingen, die jetzt erst einmal eingesetzt werden müssen. Öztas schaut zu. Zweimal muss er einschreiten: "Vom Körper wegschieben!", ruft er.

Messer einklappen, kurzes Durchatmen. Wir setzen uns, ein Handtuch auf dem Schoß, Blick in den Spiegel. Schulz drückt jedem von uns einen schwarzen Luftballon in die Hand. Trockenübungen auf Gummi.

Erst einseifen, es quietscht. Dann vorsichtig mit dem Messer über die Oberfläche gleiten. Ich möchte nicht der sein, dem der Ballon platzt. Der soziale Druck ist hoch. 

„Der soziale Druck ist hoch“

Doch alle Ballons bleiben prall. "Gute Truppe", sagt Öztas.

Wir stehen auf. Ich setze an, etwas zu schnell. Schon fließt etwas Blut unter meiner linken Schläfe. Ich muss es langsamer machen. Doch nicht zu langsam, sonst trocknet die Seife.

Wie ein Dirigent steht Öztas in der zweiten Reihe und winkt mit seinem eigenen Messer: "Straff ziehen. Und zack, zack, zack." Bei ihm sieht es so einfach aus.

Das Kinn ist die schwierigste Stelle, drumherum rasieren macht mir Angst. Ich bleibe überall hängen, setze neu an, wieder ab, bleibe wieder hängen. Ich beschließe: Die paar Stoppel um den Mund kann ich zuhause noch wegmachen, allein. 

So bleibt es dann bei zwei kleinen Schnitten. Um 21.20 Uhr ist es vollbracht. Aftershave, Balsam, fast zwei Stunden hat die Rasur gedauert. "Es ist nie so schnell wie mit dem Hobel", sagt Öztas. "Es ist eben eine Zeremonie." Wir stoßen mit Whiskey an.

„Mir ist egal, was männlich ist – und was nicht“

Einer der anderen kauft ein Messer und einen Lederriemen. 184 Euro. Ich beschließe, das Messer künftig zugeklappt zu lassen. Ohne Anleitung eines Profis scheint eine solche Rasur dann doch auf unfreiwillige Narben hinauszulaufen. 

"Wellness für den Mann", das braucht für mein Gefühl doch kein Messer. Mir ist auch egal, was männlich ist und was nicht, was als männlich verkauft wird und was nicht – wichtig ist, dass ich mich wohl fühle mit mir. Auch das hat mir dieses Seminar gezeigt.

Als ich zu Hause ankomme, brennt mein Gesicht noch für Stunden nach.


Streaming

Große Liebe zum Wochenende: "Before Midnight" gratis streamen!

"Before Midnight" ist der dritte Film der berühmten Reihe (Before Sunset/Before Sunrise) um Jesse und Celine, die sich 18 Jahre und zwei Filme vorher im Zug nach Wien kennenlernten. Während der Amerikaner Jesse damals in Wien in den Flieger zurück in die Staaten steigen sollte, war Celine auf dem Weg nach Paris zu ihrer Familie. Doch beide ließen sich, wenn auch erstmal nur für eine Nacht, aufeinander ein. 

Damals wusste keiner von ihnen, ob sie sich jemals wiedersehen würden...