"Hauptsache, du siehst dünn aus!"

Verglichen mit Kate Moss’ Heroin-Chic der Neunzigerjahre sind die heute propagierten Schönheitsbilder beinahe realistisch. Neben herkömmlichen Models lächeln immer häufiger Plus-Size-Models ab Größe 40 von den Wänden, die den Konsumentinnen eine positive Botschaft vermitteln sollen: "Liebt euren Körper so, wie er ist."

Lange Zeit war es für dicke(re) Frauen gar nicht möglich, modische Kleidung zu kaufen. Heute boomt der Markt. Das Umsatzvolumen der Plus-Size-Industrie beträgt 3,2 Milliarden Euro. Unternehmen wie H&M, Asos oder New Look haben ihre eigenen Übergrößen-Kollektionen (Größe 40 bis 54) kreiert. Fashion Weeks zeigen "Curvy"-Shows, seit sieben Jahren gibt es in New York die "Full Figured Fashion Week".

(Bild: www.hm.com/de)

Unterzieht man die gut gemeinten Plus-Size-Kampagnen einem gründlichen Check, fällt auf: Bis auf die minimal kurvigeren Hüften, Schenkel und Arme sehen die Frauen aus wie andere Models auch. Genauso wie ihre schlankeren Kolleginnen repräsentieren sie altbekannte Schönheitsideale: glatte Haut, gewellte, aber nicht zu lockige Mähnen, dezentes Make-Up. Ein gesellschaftlich konformes Gesamtbild, das die Konsumentinnen nicht verschreckt – sondern zum Kauf animiert.

Dick ja, aber bitte keine Fettwülste!

Auch, wenn sich in den vergangenen Jahren einiges zum Positiven entwickelte: Body-Positivity sieht anders aus. Statt sich auf verschiedene Körperformen einzulassen, wird versucht von der Norm Abweichendes auf Teufel komm raus weniger dick aussehen zu lassen. Gerne wird so getan, als ob fette Frauen nicht fett wären, wenn man ihnen nur die richtigen Klamotten anzieht. Als ob jede Frau eine Sanduhr-Silhouette hätte.

Die für angesagte Klamotten verlangten Proportionen bleiben gleich – egal, ob die Frau 50 oder 90 Kilo wiegt.

"The ultimate goal is to pretend you’re not fat", kritisiert Journalistin Bethany Rutter auf "Dazed and Confused". "The secondary goal is to reproduce hegemonic beauty standards by faking or creating 'womanly curves'." Hegemoniale Standards, so die Journalistin, werden auch in der Plus-Size-Branche reproduziert, wenn große Brüste, flache Bäuche und breite Hüften weiterhin als Gradmesser von Weiblichkeit gelten und alles andere vom massenwirksamen Radar ausgeschlossen bleibt. Allen voran: dicke, nackte Körper.

Solange man keine fetten Oberschenkel sieht, ist die Welt im Plus-Size-Universum in Ordnung

Dementsprechend angepasst sehen die Instagram-Accounts bekannter Bloggerinnen wie "The Curvy Fashion Salad" oder den "Do It Curvy"-Blog aus. Die Frauen richten sich stark nach aktuellen Mainstream-Trends. Wie soll es auch anders sein, wenn Extravagantes in Übergrößen unerschwinglich bleibt? Wenn nach wie vor das Motto gilt: Hide your "flaws"?

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Viele Hersteller produzieren erst gar keine Kleidung, die "den Kurven" nicht schmeichelt. Die Figur eben nicht schmächtiger und dünner erscheinen lässt – Oversize zum Beispiel. Lautet das oberste Ziel doch, den dicken Körper kleiner wirken zu lassen. Unauffälliger.

Wenn Plus-Size-Firmen schon dabei sind, die Regeln des Businesses neu zu definieren, sollten sie nicht ausgerechnet Diversität vergessen. Nicht nur dickere, sondern auch fette Frauen haben das Recht, "edgy" auszusehen und sich einen individuellen Stil zu eigen zu machen.

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The ultimate goal is to pretend you’re not fat
Bethany Rutter

Artikel, die modebewussten dicken Frauen zeigen, wie man trotz Leibesfülle dünner wirkt, treiben Body-Positivity ad absurdum. "12 Tricks, die dir dabei helfen, schmaler auszusehen" ist nur ein Beispiel von vielen. Die dicke Frau wird so zwar womöglich weniger diskriminierenden Situationen und Blicken ausgesetzt, bekommt aber dennoch deutlich suggeriert: "Dein Körper ist nicht in Ordnung – und du trägst am besten deinen Teil dazu bei, das zu kaschieren."

Trotz der Bestrebungen, dicke Körper zu entstigmatisieren, ist es vielen Magazinen immer noch eine Schlagzeile wert, wenn ein Model jenseits von Konfektionsgröße 40 den Laufsteg betritt. Und das, obwohl 30 Prozent der Frauen in Deutschland Größe 44 und größer tragen (Studie "Starke Frauen 2015"), 60 Prozent Kleidergröße 40 und größer (Statista).

Die Schuld bei den Frauen zu suchen, ist falsch. Es gibt eine Reihe an Vorurteilen, mit denen Dicke täglich zu kämpfen haben. Beispielsweise jenes, sich mutwillig schlecht zu ernähren. Während einige Formen der Gewichtsdiskriminierung direkt und offensichtlich sind, begegnen den Betroffenen andere als vermeintliche Form der Hilfe – durch Diättipps zum Beispiel.

Meist werden nur die Beleidigungen in der Öffentlichkeit wahrgenommen. "Der emotionale Druck auf dicke Menschen beginnt bevor sie im normalen Alltag sichtbar werden", schreibt die Gesellschaft gegen Dickendiskriminierung.

Zu eng? Zu kurz? Zu hell? Oversized? Mit Textur? Bitte nicht.

Was bleibt, ist ein negativer Beigeschmack. Die Journalistin Bethany Rutter findet es traurig, dass Kleidung nur noch zur Tarnung dient, obwohl sie doch zum Ausdruck der Persönlichkeit gedacht war.

Die Frage sollte lauten: "Was möchte ich heute tragen" und nicht: "Wie verberge ich am besten, was mein Körper ist". Sonst wird der tägliche Prozess vor dem Spiegel schnell zu einer freudlosen, kräftezehrenden Aktivität, die nichts mit der Liebe zum eigenen Körper zu tun hat. Sondern, wieder: mit dem Vergleich.

But more often than not, my fashion life is spent craving things I can’t have. And why can’t I have it? Because plus-size fashion retailers think I won’t buy it, won’t wear it, or don’t deserve it.
Bethany Rutter

Die Fat-Fashion-Industrie sollte endlich anfangen, eigene Trends zu setzen und unternehmerisch-selbstständige Vorbilder wie Alysse Dalessandro zu pushen – statt aus Angst vor kommerziellen Misserfolgen lediglich das zu produzieren, was vorteilhaft aussehen könnte.

Jeder sollte in der Lage sein, das tragen zu dürfen, was er möchte – unabhängig von Körperform oder Anzahl an Cellulitezellen.


Today

Nachhilfe in Geschichte für Frauke Petry: Welche Bedeutung das Wort "völkisch" hat

"Völkisch" soll wieder eine positive Bedeutung bekommen. Daran müsse man arbeiten. Das forderte die AfD-Chefin Frauke Petry in einem Interview mit der "Welt am Sonntag". Selbst würde sie das Wort nicht benutzen. Dass es aber immer nur negativ verwendet werde, finde sie nicht gut.

Denn "völkisch" und "rassistisch" könne man nicht gleichsetzen, findet Petry. Das sei eine unzulässige Verkürzung. Wie genau Petry das Wort wieder positiv besetzen will, erklärte sie in dem Interview allerdings nicht. (Tagesschau)

Für ihre Forderung wird Petry nun heftig kritisiert.