Bild: Sophi.Kugel / Instagram

Als Street-Art-Legende Banksy im Dezember sein Bild nach der Versteigerung automatisch im Rahmen schreddern ließ und sich damit einmal mehr den Rang einer Legende sicherte, wo verkündete er da seinen Coup? Auf Instagram. 

Das lange als Spielplatz für Narzissten belächtelte Netzwerk ist mittlerweile für die Kunstwelt das Gleiche wie Spotify für die Musikindustrie und Netflix für die Filmbranche: eine Revolution, die komplett verändert, wie und wo wir das jeweilige Produkt (bildende Kunst, Musik, Filme) wahrnehmen. 

Der chinesische Aktionskünstler Ai Weiwei (509k Abonnenten), Jeff Koons (333k Abonnenten), die Fotokünstlerin Cindy Sherman (254 K Abonnenten), die das Genre Selfie erfunden hat, noch bevor es Smartphones überhaupt gab – sie alle präsentieren sich nicht nur auf Instagram, sie spielen mit der Selbstinszenierung und der ihrer Werke. 

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Newbie in @NYTmag this weekend, link in bio

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Kunstgalerien verkaufen Bilder und Skulpturen direkt über das Netzwerk. Der Account der mächtigen Gagosian-Galerie, die als wichtigste der Welt gilt, hat stolze 1,1 Millionen Follower.

Und auch für Museen bedeutet das: sie müssen das Medium mitdenken. Instagrammability wird wichtiger, Ausstellungen werden so konzipiert, dass sie sich in den sozialen Medien gut verbreiten lassen. Was macht das mit unserem Verständnis von Kunst? Eine Spurensuche. 

Neue Wege für die Kunst 

Viele Kunstmuseen verstehen Instagram nicht als Konkurrenz – sondern als Kanal. Im Gegensat zu früheren Zeiten, in denen Fotografieren im Museum als Tabu galt, ist es heute oft erwünscht, dass Leute ihr Smartphone zücken. Und statt über Kunstkritiken in Zeitungen erreichen Kunstmuseen die Leute heute über soziale Netze wie Instagram. Besonders beliebt: Die Insta-Walks oder Insta-Meets:

Kunstmuseen laden erfolgreiche Instagrammer ein, damit diese Fotos von deren neuesten Ausstellungen machen und die wichtige Zielgruppe der unter 25-jährigen für sie erschließen, die man mit einem Coktail-Empfang am Eröffnungsabend eben nicht begeistern kann.

"Die Idee für Insta-Walks", erklärt die Hamburger Kunsthistorikern Anika Meier, "kommt aus den USA." Dort seien die Museen meistens so voll, dass man gar keine Chance hätte, die Kunst richtig zu genießen oder mal für ein paar Minuten vor einem Werk zu verweilen und sich reinziehen zu lassen. Jedenfalls nicht während der normalen Öffnungszeiten. Stattdessen werde von allen Seiten gedrängelt und gequetscht.

Blockbuster-Ausstellung, der Begriff wurde in den USA erfunden.
Anfang der 2010er seien Museumsleute dann auf die Idee gekommen, ausgewählte Instagrammer außerhalb der Öffnungszeiten ins Museum zu lassen. Sozusagen "Nachts im Museum".

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Caspar van Wittel (1653-1736), also known as Gaspare Vanvitelli, became famous and revered in his adopted homeland Italy. During the 17th and 18th century, he painted Rome, Naples and Venice in minute detail, influencing famous Italian cityscape painters such as Canaletto and Bellotto. Van Wittel was born in Amersfoort, left around 1673 for Italy, earned a good reputation for himself there and never returned to the Netherlands. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Van Wittel made many paintings for noble families, but foreign visitors also became a substantial part of his clientele. Wealthy travelers bought works in memory of their visit to the Eternal City. For them, Van Wittel painted iconic city views of the Colosseum, the Arch of Titus, Piazza del Popolo and Piazza Navona. Although Van Wittel often made several versions of cityscapes, he never delivered two identical paintings. The same architectural elements were depicted several times, but Van Wittel provided each work with a unique decoration by adding different characters and vehicles. ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
With the exhibition MAESTRO VAN WITTEL – Dutch master of the Italian cityscape, Kunsthal KAdE honours this master with a major retrospective (‪26 January – 5 May 2019‬). It puts his extensive oeuvre in the context of his Dutch learning period and his influence on the later Italian vedutisti. @kunsthal_kade_amersfoort ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
🖼 Caspar van Wittel – ‪Piazza Navona, Rome‬ – 1699 📸 Photo by @gerson_verkerk ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Bedankt Kunsthal Kade Amersfoort, @ralfsilvius & @carolinesounds voor de uitnodiging! ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀ ⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀⠀
Carmen Thyssen-Bornemisza Collection on loan at the Kunsthal KAdE Amersfoort @museothyssen @tijdvooramersfoort #CasparvanWittel #instaart #museum #museumvisit #hollandsemeesters #emptykunsthalkade #instawalks #amersfoort #emptymeet #emptymuseum #peoplelookingatart #instawalkAmersfoort #igersamersfoort #cityview #artwatchers #art #arthistory #artdaily #kunst #artdaily #dutchmasters #vanwittel #dressedtomatch #girlsinmuseums #ihavethisthingwithmuseumpics #peoplematchingartworks #kunstmetkugel #rijksmuseum #exhibition #kunsthalkadeamersfoort

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"Die sollten ungestört erleben können, wie im nahezu leeren Museum, in einer total intimen Atmosphäre die Kunst wirkt." Und natürlich sollten sie werbewirksame Bilder produzieren. Mit dem Hashtag #emptymuseum.

Die Kunst, das bin ich

Der 23-jährige Constantin Schiller aus Stuttgart ist so ein "Museums-Instagrammer". Er hat 38.500 Follower auf Instagram und wird regelmäßig von Kunsthäusern in Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeladen.

"Fotos von Kunstwerken", sagt Schiller, "sind die größte Herausforderung für jeden Instagrammer." Eine Frontalaufnahme vom Gemälde etwa, goutierten seine Abonnenten nicht mit Likes. Die wollten keine Katalog-Fotos sehen, sagt er. Für Instagram müsse er das abgelichtete Werk „kontextualisieren“. Es in Relation setzen mit seiner Umgebung, der Architektur oder Personen. „Damit die Leute überhaupt erkennen können, welche Maße ein Kunstwerk hat“, so der Instagrammer.
Kunsthistorikerin Anika Meier ergänzt, minimalistisch müsse das Bild sein, mit klarer Komposition, schnell erfassbar und am wichtigsten sei der "Wow-Effekt". So funktioniere ein erfolgreicher Kunst-Post auf Instagram.

Als Beispiel nennt sie Bilder mit dem Hashtag #artwatchers: Menschen in Museen, die so vor einem Kunstwerk stehen, dass sie mit dem Werk zu verschmelzen scheinen. Entweder wegen ihrer Kleidung oder der eingenommenen Pose.

Der Österreicher Stefan Draschan hat solche Fotos zu seinem Markenzeichen gemacht. Seit diesem Monat gibt es sogar einen Bildband dazu: "Zufälle im Museum" lautet dessen Titel. (SPIEGEL ONLINE)

Bei Bildern dieser Art hat Instagram den Fokus der Kunstrezeption verlagert: weg vom Werk und hin zum Betrachter. In der positivsten Lesart wird er Teil der Kunst, gehört er mit aufs Bild – und in der negativsten wird Kunst eben doch reduziert als schöner Hintergrund für ein besonders gelungenes Selbstportrait. 

Draschan selbst lehnt die Bezeichnung "Instagrammer" ab. Er bezeichnet sich selbst auch als Künstler. "Aber ja, soziale Medien wie Instagram sind eine großartige Möglichkeit für Künstler, um entdeckt zu werden." 
So sei es auch bei ihm gewesen. Seine ersten Erfolge feierte er mit Fotowettbewerben auf Instagram. Mittlerweile haben schon Medien aus der ganzen  Welt von seinen "Walks" durchs Museum berichtet. Drascher wurde zum Beipiel von der Pinakothek der Moderne in München eingeladen, um mit anderen Instagrammern die Ausstellung des niederländischen Malers Raoul De Keyser zu fotografieren. Dafür konnten sich Kunstbegeisterte selbst bewerben – unter Angabe ihrer Social Media Profile.

Er ist doch selber Künstler, findet er nicht, dass es der Kunst schadet, wenn man sie bloß noch durch die Handy-Linse betrachtet?

Draschan verneint: "Denn erstens kommen durch Instagram viel mehr Menschen als früher mit Kunst in Berührung. Und zweitens ist das Smartphone für viele der Einstieg in die Fotografie, eine eigen Kunstform."

Und Max Westphal, der für die Pinakothek der Moderne die Digitale Kommunikation managet, fügt hinzu: "Auch Kunstvermittler profitieren von Sozialen Medien." Deren Arbeit beschränke sich nicht mehr nur aufs Museum.
"Bevor es Soziale Medien gab, konnten wir Museumsmitarbeiter die Besucher nur erreichen, wenn sie eine Führung gebucht haben. Heute können wir uns auch nachträglich über die sozialen Medien mit ihnen austauschen, wenn sie ein Bild von der Ausstellung posten oder etwas kommentieren."

Durchlässige Mauern

Aber es geht auch umgekehrt: Also vom digitalen Raum ins Museum. Und das zeigt, wie groß die Bedeutung von Instagram wirklich ist. Instagram fungiert als Stimmungsbarometer als Spiegelbild der Gesellschaft. Nicht bloß als Publikumfänger.

"Auf Instagram", sagt Kunsthistorikern Anika Meier, "werden heute gesellschaftspolitische Themen verhandelt." Etwa Body-Shaming, Rassismus, Homophobie, Klimawandel oder Artensterben.

"Es ist die Aufgabe von Museen und von der Kunst allgemein, solche Debatte aufzugreifen."

Instagram ist es anscheinend gelungen, die Kunstwelt zu demokratisieren: Mehr Menschen Zugang zu vermitteln, die Hürden niedriger zu machen, die Berührungsscheu vor den Museen zu verkleinern. 

Eine gute Nachricht für viele – nur nicht für Künstler, deren Kunst gegen die Moralvorstellungen des Konzerns verstößt. Denn wenn beispielsweise nackte Frauenbrüste im Spiel sind, dann ist Schluss mit der künstlerischen Freiheit.


Grün

Fünf bento-Autoren empfehlen ihre Heimat für den klimafreundlichen Urlaub

Wer früher, also vor ungefähr 1,5 Jahren, mit seinen Reisen angeben wollte, musste etwa 17 Stunden im Flieger verbringen – gern mit Zwischenstopp in Dubai – und nach Möglichkeit auch innerhalb eines zwei bis dreiwöchigen Aufenthaltes noch ein paar Grenzen überqueren. Länder, die bei der Generation über 50 noch als spannende Reiseziele galten, wurden von uns Millenials mit einem "Wir machen dieses Jahr nur Griechenland" abgewatscht, wenn Geld oder Zeit gerade knapp waren. 

Und jetzt? Jetzt fassen sich viele von uns wegen Fridays for Future und der Achtsamkeitsbewegung ungläubig an den Kopf und beginnen zu verstehen, dass wir hier einem der größeren Irrtümer unserer Generation beim Entlarven seiner selbst zuschauen können. Und dass wir umdenken müssen. Urlaub irgendwo machen, wo der Zug hinfährt. Vielleicht könnte man zum Beispiel dieses fremde Land erkunden, das einem immer so langweilig erschien, und das man in letzter Zeit doch immer weniger versteht?

Denn Deutschland steckt voller Widersprüche, interessanter Menschen und archaischer Bräuche – man muss nur hinschauen. 

Fünf bento-Autoren erzählen, wo sie herkommen, was sie ihren Freunden dort zeigen, warum man dort dringend einmal Urlaub machen sollte – und mit welchem Thema man sofort mit den Locals ins Gespräch kommt. 

Fliegen für Einsteiger im Erzgebirge