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Die Jagd nach dem Mops endet unbefriedigend. "Alles ausverkauft", erklärt die Verkäuferin im Drogeriemarkt und zuckt die Achseln. "Schon seit Wochen." Es geht um Klopapier, bedruckt mit einem Mops mit Blumenkranz und Streifenhemd. Im Januar hat die Drogeriemarktkette dm das Produkt auf den Markt gebracht, seitdem laufen Kundinnen und Kunden Sturm. Wer sich mit dem Mopspapier den Hintern abwischen will, muss für die acht Rollen bei Ebay derzeit bis zu 20 Euro zahlen. Kein Wunder, dass die ARD-Börsenredaktion das Klopapier als Investition des Monats Januar feierte.

Alle paar Monate erobert ein neues Tier den Markt – gleichzeitig möglichst niedlich und möglichst skurril.

"Die Entscheidungen, was wir kaufen, sind nicht rational", sagt Unternehmensberater und Marketingexperte Christof Hintze. "Auch wenn wir uns das gerne einreden." Und da Klopapier grundsätzlich ein eher emotionsarmer Gegenstand ist, müssen Motive wie der kitschige Mops in uns Gefühle auslösen. "Darum sind völlig irrationale Produkte, die ausschließlich emotional anknüpfen, so erfolgreich“, sagt Hintze.

Einen Gebrauchsgegenstand nur zu kaufen, um ihn zu benutzen, reicht heute nicht mehr aus – der Kauf an sich muss bereits ein Erlebnis sein. Ein Erlebnis, das wir mit anderen teilen wollen, vor allem über Social Media. Der Instagram-Post, in dem dm ankündigte, die begehrten Möpse bald nachzulegen, hat inzwischen über 51.000 Likes, unter dem Hashtag #mopsmania posten Kundinnen und Kunden stolz ihre neuesten Mopskäufe.

Für die Unternehmen ist das Gratiswerbung, die allerdings nur dann funktioniert, "wenn die Produkte visuell ansprechend sind", sagt Marketingexperte Hintze.

Geschmacksrichtung Einhorn?

Visuell ansprechend war auch die Sonderedition "Einhorn" des Schokoladenherstellers Ritter Sport. Sie wurde 2016 zum Verkaufsschlager und brachte zeitweise sogar den Online-Shop des Unternehmens zum Zusammenbruch. "Dass die Schokolade einen solchen Hype auslöst, damit haben wir nicht gerechnet", sagt Jasmin Krause, die als Brandmanagerin für die Entwicklung der Einhornschokolade verantwortlich war. Ein Hype, der ohne soziale Medien nicht denkbar gewesen wäre. 

Vor Beginn des offiziellen Verkaufs schickte Ritter Sport die Schokolade an ausgewählte Fans und Influencer, die das Produkt über ihre Kanäle verbreiten sollten. Einige davon wurden dafür bezahlt, andere nicht – je nach Reichweite. Die Schokolade fand so schnell ihren Weg in die Köpfe der Kundinnen und Kunden, die Teil des Trends sein wollten, die Schokolade kauften und dies wiederum teilten. Werbung als Selbstläufer.  

"Wenn ich sehe, dass alle meine Freunde etwas haben, will ich das auch“, sagt Annika Turski, die sich als Beraterin mit Marketing in sozialen Netzwerken beschäftigt. Die Produkte mit Mops, Einhorn & Co werden so zu Statussymbolen, wie früher Markenklamotten, gute Uhren oder teure Autos. Anstatt zu zeigen "seht her, ich bin reich" wird hier die Nachricht gesendet: "Seht her, ich bin hip!" 

Vorherzusagen, welches Tier zum Trend wird, ist schwierig. 

Zwei Merkmale stechen jedoch heraus: Alle erfolgreichen Marketingtiere sind erstens süß und zweitens ausgefallen. "Die Käuferinnen und Käufer sehnen sich nach der heilen Welt, die diese Tiere repräsentieren", sagt Turski. Erwachsene wollten durch Produkte wie das niedliche Mops-Klopapier in die unbeschwerte Zeit ihrer Kindheit zurückversetzt werden, meint sie. "Das Gehirn schüttet das Kuschelhormon Oxytocin und das Glückshormon Dopamin aus", sagt Turski. So kauften wir uns glücklich, selbst mit Klopapier.  

Ausgefallene und exotische Tiere wie der Flamingo kommen gut an, weil mit ihnen auch positive Assoziationen wie Urlaub verbunden sind. Am besten eigneten sich aber Fabelwesen wie Einhörner, denn "zu solch abstrakten Wesen haben wir eine besondere emotionale Bindung", sagt Turski. Die Geschmacksrichtung "Einhorn" funktioniere auch deshalb, weil sie fiktiv sei und die Fantasie anrege. Eine Schokolade mit "Mopsgeschmack" hingegen hätte sich wohl weniger gut verkauft. 

Was kommt als nächstes? 

 "Ich könnte mir vorstellen, dass Schildkröten gut ankommen", spekuliert Annika Turski. "Auch die können süß und exotisch sein." Christof Hintze tippt auf Kängurus und erklärt das Erfolgsrezept so: "Das Tier muss bei einer großen Masse gut ankommen und zum Produkt passen. Das Tier soll eine Geschichte erzählen."

Aber: bitte nur positive Geschichten. Negative Informationen, wie die Überzüchtung der Hunderasse Mops, die der Tierschutzverein Peta nach dem Klopapierhype auf seiner Website anprangerte, passen nicht in die schöne Konsumwelt.

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Future

Flexible Arbeitszeit und Stechuhr – passt das überhaupt zusammen?

Wer junge Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für seine Firma gewinnen will, der lockt mit flachen Hierarchien, Home Office und flexiblen Arbeitszeiten. Zahlreiche Stellenanzeigen versprechen genau das. Die neue Arbeitswelt steht für möglichst wenig Regulierung, die Arbeit soll zum Leben passen – 9 bis 17 Uhr Arbeitszeit ist da nicht mehr das passende Modell.

Doch mitten in diesem Trend werden Arbeitnehmer mit einem Konzept der alten Arbeitswelt konfrontiert. 

In Zukunft müssen Unternehmen die gesamte Arbeitszeit ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dokumentieren. 

So steht es in einem Urteil des Europäischen Gerichtshof zur Arbeitszeiterfassung am Dienstag. (SPIEGEL ONLINE) Stempeln oder sich online einzuloggen wird also bald für jeden zum Alltag gehören.

Wie passt der Wunsch nach Flexibilität damit zusammen? "Auf die Anforderungen der Arbeitswelt 4.0 kann man nicht mit einer Arbeitszeiterfassung 1.0 reagieren", schimpfte die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Soziologin Sabine Pfeiffer ist anderer Meinung. Sie lehrt und forscht zu den Themen Technik, Arbeit und Gesellschaft an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg und sagt, dass sich moderne Arbeitswelt und eine historische Erfindung wie die Stechuhr bestens ergänzen.

Wir haben mit ihr über das EuGH-Urteil zur Arbeitszeiterfassung gesprochen.