Warum Unisex-Mode nicht unisex ist – und Männer nie bauchfrei tragen

Crop Tops – das sind diese kurzen Oberteile, die gerade einmal die Brust bedecken und unterhalb schon wieder aufhören. Wer sie trägt, zeigt Bauch. In dieser Saison sieht man sie in jedem angesagten Modegeschäft – meist in der Frauenabteilung. 

Doch der britische Online-Versandhandel Asos hat jetzt auch Crop Tops für Männer im Angebot. Unterschiede gibt es im Styling kaum, nur in der Größe. Diese Idee finden einige gar nicht gut.

Ein Nutzer auf Twitter schreibt beispielsweise: "Ernsthaft? Das ist nicht Männermode. Es ist Frauenmode. […] Was kommt als nächstes? Windeln? […]" Und auch Frauen sind nicht so begeistert: "Wenn mein Ehemann jemals so etwas tragen sollte, kommt er besser nicht mehr nach Hause", kommentiert eine Userin.

Dass Frauen Männermode adaptieren und sich Hosenanzüge oder Boyfriend-Jeans tragen, ist längst Normalität. Warum ist der Aufschrei also groß, wenn ein Mann beschließt, Crop Tops zu tragen?

Darüber haben wir mit Fabian Hart gesprochen, Modejournalist aus Hamburg. Mittlerweile lebt er mit seinem Freund in New York – und läuft gerne mal im Crop Top durch Brooklyn.

Du zeigst dich mal im Kleid oder Rock, mal im bauchfreien Shirt. Was macht es mit dir, ein Crop Top zu tragen?

Dasselbe könnte ich dich fragen: Wie fühlt es sich für dich an, ein Crop Top statt eines langen, weit geschnittenen T-Shirts zu tragen? Es ist körperbetonter. Man fühlt sich sexy, findet es schön, Haut zu zeigen. Und es ist angenehmer im Sommer. Wenn ich ein Crop Top trage, bedeutet es für mich im Gegensatz zu dir aber, dass ich als Typ gegen einen Dress Code verstoße.

Warum wird dieser Look nicht genauso akzeptiert wie Frauen in Latzhosen und oversized Hoodies?

Wenn Frauen Mode tragen, die sich an Männern orientiert, dann borgt sich das vermeintlich schwächere Geschlecht etwas vom stärkeren aus. Andersherum fühlten viele Männer sich sicherlich in ihrer Männlichkeit degradiert, wenn sie ein Kleid oder eben ein bauchfreies Top tragen müssten. Die Skinny Jeans für ihn ist im Grunde genommen ja nichts anderes als das Gegenstück zum "Boyfriend Fit", also eigentlich eine "Girlfriend Jeans". Aber sie dürfte so niemals genannt werden, weil sich der Mann in seiner Männlichkeit dann angegriffen fühlen würde.

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Nicht zuletzt aufgrund der Assoziation, dass vor allem schwule Männer solche Kleidung tragen? Gibt dir deine Homosexualität in dieser Hinsicht mehr Freiheit?

Ja, definitiv. Der Grund weshalb viele schwule Jungs und Männer mit Geschlechterrollen spielen, hat ja nicht unbedingt etwas mit ihrer Sexualität tu tun. Es ist eher die Erkenntnis, dass man durch den offenen Umgang mit der eigenen Homosexualität sowieso schon den heteronormativen Anforderungskatalog an Männlichkeit nicht erfüllen kann. Diesen Erwartungen nicht entsprechen zu können bedeutet auch, sie nicht erfüllen zu müssen und darin liegt eine Menge Freiheit. Zum Beispiel in einem Crop Top durch die Straßen laufen.

Stars wie Will Smith und Johnny Depp haben bereits in den Achtzigerjahren Crop Tops getragen. Warum führen wir diese Debatte heute trotzdem noch?

Ich denke, viele können gar nicht begründen, warum sie das stört. Sie finden es einfach nicht männlich, weil es in unserer Gesellschaft strukturell so verankert ist. Wir sagen zwar, dass jeder tragen kann, was er will. Aber letztlich gibt es noch ganz klare Dresscodes, denen wir zu entsprechen haben. Bei Hijabs ist es letztendlich dasselbe: Hier geht es zwar um einen religiösen Hintergrund, aber es ist ebenso ein Beispiel dafür, wie sehr sich Menschen an einem Stück Stoff aufreiben können. Etwas, das einem fremd ist, weil man sich selbst damit nie beschäftigt, löst in vielen Angst aus. Und wir alle sollten uns darin üben uns gegenseitig weniger fremd zu sein.

Es gibt ja das Konzept der Unisex Mode, die doch genau diese Annäherung zwischen den Geschlechtern bewirken soll.

Unisex-Mode orientiert eigentlich immer am Mann. Es ist sozusagen die Angleichung der Femininität an das männliche Ideal. Oder die totale Entsexualisierung und Entkörperung: Weder Männlichkeit noch Weiblichkeit werden dargestellt und die Körperformen werden durch kuttige, weite Kleidung aufgehoben. Das Spiel der Mode, Geschlechterrollen neu zu sortieren, gibt es ganz selten.

Wie müsste Unisex-Mode also aussehen, damit sie tatsächlich geschlechtsneutral ist?

Ein schönes Beispiel dafür ist die dänische Designerin Astrid Andersen, die als maskulin geltende Formen mit feminin besetzten Stoffen kombiniert. Etwa ein Trikot in Spitze. Ich finde das ist eine schöne Interpretation von Unisex-Mode. Kleidung, die Spaß macht, neu und sexy ist – ganz egal, ob für den Mann, die Frau oder Non-Binary.

Du befasst dich viel mit dem Begriff der toxischen Männlichkeit. Was verstehst du darunter?

Zusammengefasst geht es um bestimmte Eigenschaften, die Männer typischerweise nicht ausleben dürfen, weil sie nicht als maskulin gelten. Männer sollen stark sein, dominant und potent. Wir dürfen Gefühle wie Wut und Aggression zeigen, unsere zarte Seite jedoch nicht. Außer im Sport, der geradezu ein Ventil für Emotionen ist. Es ist zum Beispiel total okay, dass ein Fußballspieler oder Fan am Spielfeldrand vor Freude oder auch Enttäuschung weint, weil es in einem Umfeld geschieht, das in erster Linie zur Demonstration von Kraft, Kompetition und Ausdauer dient. Aber im Alltag besteht Männlichkeit aus der konstanten Ablehnung dessen, was wir als weiblich betrachten. Diese sanften Gefühle zu unterdrücken ist giftig und das wird viel zu wenig thematisiert. Viele Männer, die sich nicht wirklich mit dem Begriff "toxische Männlichkeit" befassen, fühlen sich angegriffen, weil sie denken: "Scheiße, jetzt wird uns auch noch beigebracht, dass Männlichkeit giftig ist." Wir müssen aber mehr darüber sprechen, was eine neue Männlichkeit ausmachen könnte – dazu trägt letztlich auch die Debatte um ein einfaches Crop Top bei. Denn es führt zu der Frage, warum wir Männlichkeit denn an einem Stück Stoff festmachen.

Inwiefern tragen auch Frauen zu diesem toxischen Bild der Männlichkeit bei?

Frauen wünschen sich und kämpfen für die gleichen Rechte wie Männer. Aber das bedeutet auch, dass sie Männern erlauben müssen, sanft und schwach zu sein. Auch das ist Feminismus. Der Wunsch nach dem immer starken Mann und der Schulter zum Anlehnen setzt Männer unter Druck. Für das tatsächliche Annähern der Geschlechter müssen auch Männer Feministen sein und Frauen Männern erlauben, schwach, weinerlich oder verletzlich zu sein – egal, ob es der Ehemann ist, der Bruder, der beste Freund oder der eigene Sohn.


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Therapeutin Katharina, 39: Warum sie psychische Krankheiten auch als Stärke versteht
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Achtung: Im Podcast wird Suizid thematisiert. (Timecode 9:10 bis 9:50)