Sind bunte Armreifen schon "kulturelle Aneignung"?

Ein weißer Turnschuh, an den Seiten ein buntes Muster: Der Release des neuen "Puerto Rico"-Sneakers von Nike wurde gerade abgesagt, weil das Unternehmen für die Wahl des Designs in der Kritik steht (BBC): Das Muster stamme nicht, wie von der Firma vermarktet, aus Puerto Rico, sondern von einem indigenen Volk Panamas, heißt es. Und dies sei weder gefragt noch involviert worden, so die Beschwerden.

Fälle wie dieser sind regelmäßig Thema: Neue Kollektionen von Designern oder Modeketten müssen sich häufig dem Vorwurf der sogenannten "Cultural Appropriation" stellen, also dem Aneignen des kreativen Eigentums anderer Kulturen. Manche Beispiele – wie der Nike-Schuh – sind für die Öffentlichkeit nicht so leicht als solches zu erkennen; andere – wie diese Modenschau von Victoria's Secret im Jahr 2012 – lösen sofort einen Aufschrei aus:

(Bild: Zuma Press / Imago)

Was bedeutet das für Konsumentinnen und Konsumenten?

Wie soll man bei einem hübschen Shirt wissen, ob das Muster darauf von den Ureinwohnern Papua-Neuguineas geklaut wurde? Und sollte man es deshalb boykottieren – oder ist es nicht auch ein Zeichen der Anerkennung, wenn verschiedene Einflüsse aus aller Welt in unseren Kleiderschränken hängen?

Die Modetheoretikerin und Kulturwissenschaftlerin Catharina Rüß beantwortet diese Fragen und erzählt, warum bunt gemusterte Retro-Blusen gerade ein Comeback erleben und aus welcher Kultur die Quasten an den Sommerkleidern stammen.

Kulturwissenschaftlerin Catharina Rüß

(Bild: privat)

bento: Wenn man momentan in die Schaufenster großer Modeketten schaut, sieht man wallende Kleider, bunte Quasten und mehrlagige Ketten – Boho ist gerade wieder überall. Woher kommt die Faszination für den Stil?

Catharina Rüß: Der Begriff Boho kommt von Bohème. Er taucht bereits im 15. Jahrhundert auf und bezieht sich auch auf ein Pariser Viertel, in dem viele Sinti und Roma lebten, die aus der Region Böhmen stammten. In diesem Viertel haben sich im im 19. Jahrhundert  dann Künstlerinnen und Künstler angesiedelt, die in Abgrenzung zum Bürgertum einen anderen Lebensstil pflegten: freiheitlicher, unkonventioneller. 

Diese Künstler haben sich vom Stil der Sinti und Roma inspirieren lassen. Diesen Look griffen später die Künstler des Expressionismus auf und irgendwann übertrug es sich in die Popkultur. Besonders extrem war das in den Sechziger- und Siebzigerjahren zu sehen: Die Bürgerrechtsbewegung hat sich nicht nur gegen die Werte der weißen, bürgerlichen, patriarchalischen Gesellschaft gestellt, sondern hat auch die Looks von kolonialisierten oder unterdrückten Bevölkerungsschichten übernommen – indische, südamerikanische, asiatische  –, oft als Ausdruck der Solidarität mit diesen Gruppen. 

Durch Festivals, Retro-Kult und Ibiza-Style hat sich Boho inzwischen aber von seiner Geschichte gelöst und ist fast spießbürgerlich geworden. 

(Bild: Allison Heine / Unsplash)

Du sagst, der Boho-Style sei auch aus dem Versuch entstanden, unterdrückte Bevölkerungsgruppen zu unterstützen: Ist es dann nicht toll, wenn sich verschiedene Stile vermischen?

Klar, kulturelle Einflüsse vermischen sich in der Mode – das ist auch gut so. Allerdings ist es eine Frage der Macht: Wer profitiert von dem Endprodukt und geht es dabei wirklich um Respekt, Anerkennung und Bewunderung? Oder hat ein Unternehmen einfach eine Idee kopiert und sie in Masse produziert?

Heute werden die Boho-Styles in Fabriken in Bangladesch und Co hergestellt – welch eine Ironie. Die Hersteller kaufen keine fair produzierten Stoffe aus indischen Webereien, sondern geben das Design losgelöst von den Ideengebern in die Massenproduktion. Das ist die Hauptkritik in der Debatte um Cultural Appropriation. 

Kulturelle Aneignung liegt immer zwischen Bewunderung und Ausbeutung. Wer trägt das Endprodukt, wie wurde es produziert und wo kommt es her? Darum geht es.

Da ist es weniger wichtig, ob Chanel einen Boomerang als Fashion-Accessoire herstellt (The Guardian), sondern ob das Unternehmen dies zumindest reflektiert und ihn von den Menschen herstellen lässt, die ihn erfunden haben.

Soll man also nur Original-Röcke aus Ecuador tragen, weil dort ein Design herkommt, das einem gefällt? Das geht doch gar nicht.

Ja, das ist kaum möglich. Die Frage nach der Urheberschaft oder dem Original in der Mode ist schwierig und lässt sich nicht generalisierend beantworten. Neue Ideen entstehen ja durch den Austausch. Man muss immer den jeweiligen Fall betrachten. Das Problem liegt darin, dass oft riesige Fast-Fashion-Unternehmen Entwürfe von kleinen Manufakturen oder unabhängigen Designern auf Märkten und Messen abfotografieren und diese Designs komplett kopieren und dann billig in Massen verkaufen. 

Auf Blusen oder Jacken sieht man gerade auch viele Muster, die an Kimonos und die Muster darauf erinnern. Was ist da der Hintergrund?

(Bild: Jayden Huang / Unsplash)

Diese Faszination für Japan kommt auch aus dem 19. Jahrhundert. Klassische Kimono-Schnitte wurden in Europa erst für Morgenmäntel verwendet. Im Zusammenhang mit der Begeisterung für alles "Orientalische" entwickelte sich dann der Pyjamatrend Anfang des 20. Jahrhunderts und auch die Pluderhose für die Frau. 

Der Einfluss Asiens war erheblich für die Mode der Moderne: Moderne Frauenkleidung – losgelöst von Korsett und Einschnürungen – haben wir asiatischen Schnitttechniken zu verdanken, von denen sich europäische Designer inspirieren ließen. Heute sieht man oft puristische Styles mit viel Schwarz und Schnitten, die nicht so körpernah sind. Besonders populär wurden die in Europa durch japanische Designer wie Yohji Yamamoto und Rei Kawakubo. 

Passen in diese Kategorie auch die Culottes – die halblangen, weiten Hosen, die in den vergangenen Jahren so beliebt waren?

Ja, solche Beispiele stehen für eine gewisse "Femme-Gelassenheit". Ich meine damit, dass Frauen nicht um jeden Preis sexy sein, alles hochpushen und Minirock tragen müssen. 

Das folgende Beispiel hat vermutlich jede und jeder im Schrank: gestreifte Shirts, besonders gern in blau-weiß. Woher kommen die?

Bretonische Fischer trugen ursprünglich dieses sogenannte Breton-Shirt. So waren sie im Nebel besser zu sehen. Die klassische Variante hat so viele Streifen, wie Napoleon Siege errungen hat und wurde auch von der französischen Marine getragen.

(Bild: Clem Onojeghuo / Unsplash)

Die Geschichte des Shirts ähnelt der des Boho-Styles. Der Seemann ist frei, er ist permanent auf See. Das Shirt umweht sozusagen die kühle Brise der Freiheit. An Land hatten die Seemänner ein wildes Piraten-Image – und verkörperten einen Fetisch: Der Matrose mit dem Streifenshirt ist in der Geschichte und in der Kunst immer potenziell erotisch aufgeladen. Das sieht man bis heute in der Gay Culture.

Später hat Designerin Coco Chanel das Streifenshirt als Ausdruck der Emanzipation genutzt. Sie kombinierte es mit weiten Hosen. In den Fünfzigerjahren tauchte das Shirt in der Beatniks-Subkultur der USA auf und wurde von Stars wir James Dean, Andy Warhol und Kurt Cobain getragen. Solche Künstler und "Antibürger" haben dem Image natürlich geholfen. 

Was ist mit religiösen Symbolen? Aktuell sind Modeschmuck-Läden voll mit jüdischen Kabbala-Armbändern, buddhistischen Perlen, der muslimischen "Hand der Fatima" und indischen Elefanten. Ist da nicht Kritik gerechtfertigt? Was für manche Kulturen mit Bedeutung beladen ist, wird hier zur billigen Massenware.

Klar, das ist genau das Machtproblem, von dem ich spreche. 

Ich würde in die religiösen Symboliken aber nicht zu viel hineininterpretieren. Nur weil Menschen Buddhismus-Armbänder kaufen, identifizieren sie sich nicht unbedingt mit dem Buddhismus. Mode ist per se losgelöst von Inhalten, sonst könnte sie sich nicht ständig wandeln. 

Im Grunde kann jeder auf diese Symbole projizieren, was er oder sie will, aber solange sie in Masse produziert werden und zu Mode geworden sind, bedeuten sie nichts. Sie stehen gerade für einen Esoterik-Trend.

Aber wenn Modeketten T-Shirts mit feministischen Botschaften produzieren oder ein schwarzer Junge in einer Werbekampagne ein Affen-Shirt trägt, dann hat Mode doch sehr wohl eine Bedeutung.

Ja, die Zeichen haben vorübergehend Bedeutungen, aber im Prozess der Mode avancieren sie zu potentiell austauschbaren Waren. Das ist ja der Grund, warum Feministinnen wie Andi Zeisler den Girl-Power Trend kritisieren (Deutschlandfunk): Wenn der Feminismus kommerzialisiert wird, wird er logischerweise zum Produkt, das irgendwann auch wieder uncool ist. Das Gleiche könnte mit dem Nachhaltigkeit-Trend passieren: Was heute in ist, ist morgen out.

Was bedeutet für dich "Mode"?

Mode ist mehr als nur Kleidung. Es ist die kulturelle Praxis des sich Kleidens und Stylens. Sie ist in permanenter Bewegung, anders als Stil, was gefestigter und permanenter ist. Mode definiert sich nicht über "schön" oder "hässlich", sondern durch die Codes "in" und "out", "neu" und "alt" und "Abgrenzung" und "Integration". Ich möchte irgendwo dazugehören oder ich grenze mich ab – das sind die Motive, die Mode antreiben. 

Das ist doch eigentlich das Prinzip Hipster?

(Bild: Joelvalve / Unsplash)

Ja, da geht es auch um eine Form des selbst gewählten Outsidertums und um Ironie als Ausdruck der Individualität: Ich spiele mit dem Stil verschiedener Gesellschaftsschichten und bin dadurch besonders cool. 

Adiletten, Tennissocken, Normcore-Stil: All das war lange Zeit eine Art geschmackliches No-Go. Aber wenn es plötzlich hippe Jungdesigner auf den Laufsteg bringen und in Clubs damit herumlaufen, ist das ein Zeichen der Abgrenzung zur älteren Generation oder zu anderen Gruppen. Dabei ist jedes Mittel recht: Hauptsache anders sein.

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Fühlen

Der erregte Mann: Was uns Sexspielzeuge über Männer und ihre Rolle in der Gesellschaft verraten

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich zum ersten Mal den Begriff "dicke Eier" gehört habe: Ich muss so 13 Jahre alt gewesen sein. Ein Schulfreund beschwerte sich in der Mittelstufe darüber, nach dem Knutschen mit seiner Freundin an diesem Leiden zu kranken, er müsse zu Hause nun erstmal "Druck abbauen". Ich lachte, wünschte ihm viel Glück und hinterfragte für viele Jahre nicht, was ich da gehört hatte. 

Männliche Sexualität wird bis heute oft als etwas fast Unkontrollierbares und Animalisches verstanden, weibliche als etwas Zartes und Mysteriöses. Männer haben gefälligst zu wissen, wie ihre (angeblich nur eine) erogene Zone funktioniert. Sie stehen "unter Druck" wie eine Dampfmaschine. Frauen haben sich noch zu entdecken, dürfen experimentieren, ihre Lust ist etwas Kostbares. Männer sind immer kurz vor dem Explodieren.