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Und warum seine Bücher jetzt trotzdem bei mir zustauben.

Mein Opa, Bauernsohn aus Ostwestfalen, und Karl Lagerfeld hatten einiges gemeinsam. Die weißen Haare und die Zahnlücken am Ende ihres Lebens. Die hagere Figur. Und vor allem die Leidenschaft für schöne Stoffe.

An meinen Opa erinnere ich mich kaum. Er starb als ich zur Grundschule ging – gezeichnet vom Krieg und einem Leben auf dem Bauernhof, den er unfreiwillig weiter bewirtschaften sollte, weil sein älterer Bruder gefallen war. Dabei war mein Opa gelernter Schneider.

Was er eigentlich zu seinem Hauptberuf machen wollte, musste er in die Stube meiner Großeltern verlagern. Noch heute steht die zugestaubte Nähmaschine, die man mit dem Fuß antreiben musste, in der alten Wohnung. Während die Erinnerungen an meinen Opa verblassen, weiß ich aber noch ganz genau, wie ich als Kind mit den alten Stoffresten gespielt habe. Die selbstgenähten Kostüme meines Opas für meine Tanten landeten in meiner Verkleidungskiste.

Mein Opa zeigte mir die Stoffe – Karl Lagerfeld erklärte mir die Mode. 

Als sich in der Pubertät meine Freundinnen und Freunde ihre Outfits von Viva-Moderatoren abguckten, kaufte ich mir die erste Vogue mit Lagerfelds Kleidung. Stünde mein Bücherregal in einer Bücherei, wäre Karl Lagerfeld die größte Abteilung. Eine Biografie, ein Bildband von einer Karl-Ausstellung in Essen, ein Buch mit seinen besten Zitaten, eine Autobiografie eines ehemaligen Assistenten. 

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Was hat mich so fasziniert an einem schrulligen Typen mit Sonnenbrille, der sich auf Modelmaße runtergehungert hatte?

Zwar ist mein Bücherregal voll mit seiner Lebensgeschichte, aber in meinem Kleiderschrank befindet sich weder ein Teil von der Marke Lagerfeld, noch von Chanel, wo er als Chefdesigner arbeitete. Ich habe kein Verlangen, diese Sachen zu besitzen, könnte sie mir auch gar nicht leisten. Aber ich habe ein Verlangen in die Welten abzutauchen, die er erschaffen hat – mich weg zu träumen. 

Ich denke an die Frauen in typischen Chanel-Kostümen im Grand Palais in Paris, wie sie an einem überdimensionalen goldenen Löwen entlang laufen oder in einem Karussell posieren. Ich denke an die maritimen Outfits der Frauen, die im neuen Saal der Elbphilharmonie durch die Ränge stolzieren.

Und ich denke an seine Zeichnungen. An meine verunglückten Versuche, es ihm nachzuahmen. Und an Kleider, die Frauen stark wirken ließen. Zum Tod von Lagerfeld schrieb seine einstige Muse Claudia Schiffer: "Du hast aus einem schüchternen deutschen Mädchen ein Supermodel gemacht."

Jede Dokumentation über seine Arbeit sah ich mir an. Ich habe das Bild vor Augen, wie er durch sein Zuhause mit Tausenden Büchern führte. Wie er am Schreibtisch zeichnete, Tag für Tag, Kollektion um Kollektion, unerschöpfliche Kreativität. Die er jeden Tag mit den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in reale Kunstwerke verwandelte – diese wilde, hektische Modewelt in Paris fernab vom Bauernhof in Ostwestfalen. 

Das eine ist die Faszination für Karl Lagerfeld und seine Modewelten – aber wer ist die Person hinter dem Designer? Wen himmelte ich da eigentlich für seine Arbeit an? 

In der Zeit des Erwachsenwerdens dienten seine Sprüche mir als Ratgeber – ich bezog sie nicht nur auf die Mode, manchmal auch auf mein Liebesleben: "In der Mode muss man ständig zerstören, um sich zu erneuern. Das lieben, was man gehasst hat, und das hassen, was man geliebt hat." Manchmal auf das Studenten-Partyleben: "Zukunft ist die Zeit, die übrig bleibt."

Der hohe Laufsteg, auf den ich Lagerfeld gestellt hatte, geriet ins Wanken. Ich las das Buch, in dem der ehemalige Mitarbeiter Arnaud Maillard Lagerfeld als den absoluten Narzissten beschreibt, mit Angst vorm Scheitern.  

Lagerfeld blieb oberflächlich ("Ich bin umgeben von jungen und schönen Menschen. Der Anblick von Hässlichkeit ist mir ein Graus"). Er beleidigte dickere Menschen ("Keiner im Publikum will Frauen mit Rundungen sehen… Das Loch in den Sozialkassen kommt auch von Krankheiten, die sich zu dicke Leute eingefangen haben"). #metoo nahm er nicht ernst ("Ich habe es satt." Ihn schockierten die Starlets, "die 20 Jahre gebraucht haben, um sich zu erinnern, was passiert ist"). Und auch über seine politischen Aussagen ärgerte ich mich. In einer französischen Talk-Show kritisierte er Angela Merkels Flüchtlingspolitik: "Selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen." 

Ein Vorbild wie mein Opa – das war Lagerfeld nie. Ein Großvater wollte er wohl auch nie sein.

Mein Interesse nahm ab, aber auf Instagram verfolgte ich Lagerfeld weiter – dank der Influencerinnen und Bloggerinnen, die die Bilder seiner Shows teilten. Den jungen und schönen Menschen blieb er eben treu.

Die Bücher über Karl Lagerfeld in meinem Regal werden bleiben, wie die Nähmaschine meines Opas – aber mittlerweile sind auch sie zugestaubt.

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Gerechtigkeit

Klimaaktivsten stürmen in NRW einen Bagger – das neue Polizeigesetz brachte sie fünf Tage in Haft
Was bringt die Haft? Wir haben die Betroffenen und Anwälte gefragt – und die Polizei.

Seit Jahresbeginn gilt in Nordrhein-Westfalen ein neues, schärferes Polizeigesetz. Polizistinnen und Polizisten wurden neue Maßnahmen an die Hand gegeben. 

Eine der Möglichkeiten:

Polizisten dürfen Menschen bis zu sieben Tage inhaftieren – wenn man von zukünftigen Straftaten ausgehen oder ihre Identität nicht feststellen kann. 

Die Aktivisten Helmut* und Jasmin* haben nun genau dies erlebt. In der vergangenen Woche fuhren beide zusammen mit fünf Mitstreitern zum Braunkohle-Tagebau Garzweiler, nahe Mönchengladbach, um gegen den dortigen Braunkohleabbau zu protestieren. 

Ihrer Erzählung nach passierte Folgendes: 

  • Am frühen Samstagmorgen setzten sie Sturmhauben auf und verklebten sich die Fingerkuppen mit Sekundenkleber. 
  • Dann kletterten sie zu fünft auf einen Abräumbagger des Tagebaus. 
  • Die Maschine musste gestoppt werden, um niemanden zu gefährden. Mehrere Stunden besetzten die Aktivisten den Bagger. 
  • Mitarbeiter des Tagebaus wollten sie dazu bewegen, vom Bagger zu klettern. Sie weigerten sich – bis die Polizei eintraf und sie verhaftete.

"Wir haben eine Aktion gestartet, um dort, wo der Klimawandel gemacht wird, die Bagger zu stoppen. Wir wollten damit gegen den Kohleabbau und in diesem Fall speziell den Braunkohleabbau demonstrieren", erklärt Jasmin im Gespräch mit bento. 

Nun sind die Aktivisten die ersten, die nach dem neuen Polizeigesetz in Nordrhein-Westfalen ohne Anklage inhaftiert wurden.

Mit ihrem Protest wollten sich Helmut und Jasmin gegen die Entscheidung der Klimakommission richten, bis 2038 aus der Kohleförderung auszusteigen. Es dauert ihnen zu lange. Um diesen Protest auszudrücken, riskierten die beiden verhaftet zu werden.

"Als wir außerhalb des Tagebaus waren, wurden wir gefragt, ob wir unsere Personalien angeben wollen, das haben wir verweigert, daraufhin wurden wir verhaftet", erklärt Helmut. Eine Befugnis des neuen Polizeigesetzes.